Erfolg und Mißerfolg

Meditation zu den Bibelstellen 1 Sam 1,1-4.11-12.17.19.23-27 und Mk 3,20-21

Erfolg ist keiner der Namen Gottes

Dieses Wort von Martin Buber bietet sich als Überschrift zu den beiden Lesungen an, obwohl sie auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Nach dem Buch Samuel bringt ein Bote dem David die Nachricht einer katastrophalen Niederlage auf dem Kriegsschauplatz. Auch König Saul und sein Sohn Jonatan, Davids bester Freud und Vertrauter, sind im Kampf gefallen. Mit einem Schlag ist alles anders.

Vom Evangelisten Markus erfährt der Leser, dass die engsten Angehörigen Jesu ihn nicht mehr verstehen, ja sogar befürchten, er sei von Sinnen. – Hier die Nachricht totaler Erfolglosigkeit – dort erste Anzeichen einer beginnenden Ablehnung Jesu und seiner Botschaft. Gibt es ein gemeinsames Thema dieser beiden Textstellen?

Widerstand nach steilem Aufstieg

Bekanntlich enthält das Markusevangelium bereits im ersten Kapitel den programmatischen Ruf Jesu „Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Gottes neue Welt beginnt. Kehrt um zu Gott und glaubt an die rettende Botschaft“ (vgl. Mk 1,15). Es folgen Machttaten, Heilungen und Klarstellungen Jesu zum Thema eines gerechten Lebens vor Gott u.a. im Streit um das richtige Verständnis des Sabbatgebotes. Dann folgt bereits im dritten Kapitel die Wahl der zwölf Jünger. Alle diese ungewöhnlichen Ereignisse sprechen sich schnell herum. Über Jesus und sein Wirken wird gerätselt und gestritten. Die Meinung kippt allmählich um. Man traut ihm nicht mehr. Widerstand formiert sich. Kann so einer wirklich der Messias sein? Oder ist er vielleicht doch nur ein Scharlatan, der die Menschen täuscht, ihnen aber letztlich doch nicht helfen kann! Markus notiert immerhin im vorletzten Kapitel (Mk 15,30): „Hilf dir doch selbst und steig herab vom Kreuz!“ (ergänze nach Mt 27,40: „Wenn du Gottes Sohn bist …“)

Königsmacht und Ohnmacht

Saul, von Samuel zum König gesalbt, war ein erfolgreicher König – ohne Zweifel. Unter seiner Regierung blühte das Land auf, entstand aus losen Stammesgebieten so etwas wie ein einheitliches Reich, das er allerdings ständig mit Kriegszügen verteidigen musste. Zuletzt unterlag er den Philistern. Aufstieg und Fall waren in seinem Leben die beiden markanten Wegzeichen. Weil ihn der Prophet Samuel wie auch sein Schwiegersohn David, der ihm in den Kriegen zu vielen Siegen verholfen hatte, zuletzt verwarfen und ablehnten, war sein schmalvolles Ende ein Zeichen totaler Ohnmacht.

Warum einen beklagenswerten Gegner beklagen?

Die Szene hat etwas Merkwürdiges. Als David die Todesnachricht hört, zerreißt er wie damals üblich sein Gewand und alle Männer, die bei ihm waren, taten es ebenso. Das Buch Samuel hat uns sogar den Wortlaut seines Klageliedes überliefert. David bekennt darin seinen tiefen Schmerz, vor allem wegen des Verlustes seines besten Freundes Jonatan, dessen Liebe „wunderbarer für mich war, als die Liebe der Frauen“ (vgl. 2 Sam 1,26). Eine totale persönliche und nationale Erschöpfung wird erkennbar. Nichts ist mehr wie früher. Obwohl David jahrelang unter der Missgunst Sauls gelitten hat, ist er jetzt von Mitgefühl und Liebe überwältigt und kann alle Kränkungen vergessen.

Erfahrungen von Misserfolg und Scheitern verändern das ganze Leben

Die Rätsel des Lebens lassen sich nicht einfach lösen. Widersprüche begleiten unseren Weg. Spannungen und Polaritäten sind unvermeidbar. Für David war das dramatische Ende des Könighauses Saul der Beginn seines Königtums. Und dieses blieb im Gedächtnis Israels als die beste und glücklichste Zeit erhalten – bis auf den heutigen Tag.

Für Jesus war sein „galiläischer Frühling“ nur das Vorspiel zu einem dramatischen Weg über seine Verwerfung, Verurteilung und Kreuzigung zu einem ganz anderen Aufblühen des Friedens in den Herzen der Menschen.

Könnte es sein, dass die erkennbare Dialektik in beiden Texten das unvermeidbare Programm für eine normale Biographie ist, sozusagen das Wasserzeichen auf dem Briefbogen, auf dem wir unser tägliches Leben schreiben?

Manchmal gewinnen wir bei einer allegorischen Auslegung der Hl. Schriften ungewöhnliche und weitere Einsichten als wenn wir uns den Texten nur mit den Methoden der neuzeitlichen Exegese nähern. Im Buch Samuel und im Evangelium nach Markus schreiben die Autoren nicht nur von Misserfolg, Scheitern und Untergang, sondern auch von neuen Aufgängen und Anfängen, die das Leben Einzelner und das Leben ganzer Völker verändern.

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