Worauf wir im Neuen Jahr hoffen

Predigt zum Jahresanfang 2010

(Lesungen: Num 6,22‑27 / Gal 4,4-7 / Lk 2,16‑21)

Hier können Sie die Predigt anhören

Es sind drei Gedanken, die uns in den Lesungen des heutigen Tages begegnen, wichtiger als alle Radio- und Fernsehmeldungen rund um den Jahreswechsel.

SEGEN –  FREIHEIT – GOTTESKINDSCHAFT .. in den Lesungen

und ein ACHTSAMER  LEBENSSTIL .. im Evangelium.

Zum Jahreswechsel sind auch heuer wieder viele Glück- und Segenwünsche verschickt worden: Briefe, Karten, SMS oder E-Mails.  Auch Menschen, die keinen Kirchenbezug leben oder gar nichts wissen von der Menschwerdung Gottes, bekennen sich zu der alten Spruchweisheit: „An Gottes Segen ist alles gelegen“. Sie ahnen wohl, dass wir eine Macht größer als wir selbst brauchen und sprechen deshalb ihren Verwandten und Freunden gute Segenswünsche zu.

Das lat. Wort benedicere heißt „gut sprechen“, „gut zureden“ oder „gutheißen“, was so viel bedeutet wie: dem Mitmenschen sagen: es ist gut, dass du da bist du wie du da bist! Mach Dir keine allzu großen Sorgen – ich halte trotz allem zu dir!

Von uns als können wir so etwas gar nicht sagen. Da würden wir den Mund zu voll nehmen. So etwas kann eigentlich nur Gott zum Menschen sagen, weil er der bedingungslos Liebende ist. Wir sind als seine Geschöpfe sozusagen seine Lieblinge. Er ist – menschlich gesprochen – verliebt in uns.

Deshalb konnte Mose im Auftrag Gottes dem in der Sklaverei gedemütigten Volk sagen: „Der Herr segne dich und behüte dich“ (Num 6,24). Das war zweifellos ein Wort der Ermutigung und Hoffnung. So etwas brauchen wir – und es gibt viele Möglichkeiten, diese Zuwendung Gottes weiterzugeben an unsere Mitmenschen. Nicht nur das offizielle Segenwort des Priesters am Schluss der Messe oder die verschiedenen liturgischen Segnungen, die wir kennen, sind solche Möglichkeiten, sondern auch das aufmunternde Wort und der freundliche Blick für den jeweils Nächsten sind ein Segen. Daran könnten wir im neuen Jahr öfter einmal denken und es auch praktizieren. Das würde unser Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Denn es ist wichtig, zu jemandem zu gehören und sich nicht alleingelassen zu fühlen. Das wissen alle, die ein einigermaßen intaktes Familienleben erfahren haben: Geschwister, Verwandte und Freunde zu haben, ist wie ein tragendes Netz, auf das man sich verlassen kann, wenn Zeiten der Not kommen.

Heute wird uns im Galaterbrief gesagt, dass es noch eine andere Verwandtschaft gibt, sozusagen eine Urverwandtschaft in Christus – die Gotteskindschaft. Dazu hat Gott – als die Zeit erfüllt war – seinen Sohn gesandt. Er sollte uns aus der Sklaverei und Knechtschaft des Gesetzes befreien und uns die Würde der Gotteskindschaft schenken. Papst Leo der Große hat einmal in einer Weihnachtsansprache gesagt:

„Christ, erkenne deine Würde. Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde“ (Leo der Große + 461). Leo der Große starb im Jahr 461, also in eine Zeit, in der sich das Christentum im römischen Reich langsam in alle Bevölkerungskreise ausgebreitet hatte.

Wir sind nicht mehr Sklaven, sondern Söhne und Töchter Gottes. Und deshalb können wir gemeinsam zu Gott Vater sagen. Auch daran können wir im neuen Jahr immer wieder einmal denken.

Schließlich bleibt die Gottesmutter, deren Hochfest wir ja heute feiern, ein bedeutsames Vorbild für ein gutes Leben. An ihr können wir erkennen, dass das Leben sich nicht in der Anhäufung und Steigerung von Erlebnissen erschöpft, sonst erschöpft es sich und brennt aus. Leben braucht so etwas wie kreative Pausen, Zeiten des Aufatmens und Nachdenkens. Unvergleichlich schön haben wir es im Evangelium gehört: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19)

Wir sind eingeladen, es ihr nachzutun. Jetzt, wo nach den Weihnachtsfeiertagen wieder der Alltag beginnt, sollten wir nicht in den alten Trott zurückfallen, sondern in die Tagesordnung 2010 Zeiten und Orte des Nachdenkens einplanen. Wir brauchen das dringend – gerade weil die Anforderungen in der Arbeit und im sozialen Leben immer größer werden. Es muss doch nachdenklich stimmen, was im zurückliegenden Jahr alles auf uns zugekommen ist – alles Hinweise darauf, dass uns das Orientierungswissen verloren gegangen ist und wir dringend einen neuen Lebensstil brauchen. Um nur ein Beispiel zu nennen: erschreckend hohe Zahl jugendlicher Komasäufer

Lassen wir uns vielleicht doch zu sehr antreiben von den Verlockungen nach immer mehr, immer schneller, immer besser, nach immer dem Neuesten in allen Lebensbereichen?

Vor der Gefahr, getrieben zu werden und zu schnell die Kräfte des Herzens zu verlieren, bewahren uns nur Zeiten der Ruhe und Rast – so z.B. die regelmäßige Feier des Sonntags.

Auch das wäre ein schöner Vorsatz hinein ins Neue Jahr. Wie möchte ich in Zukunft den geschenkten Ruhetag gestalten? Wenn uns das gelänge, hätten wir nicht nur von Maria etwas gelernt, sondern auch unserem Körper und unserer Seele einen Dienst erwiesen.

Man sagt ja immer: der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Mag sein, wenn die Vorsätze unüberlegt und maßlos sind. Bekennen wir uns lieber zu bescheidenen Vorhaben, ohne uns zu überfordern. Weniger ist mehr – auch das ist kein dummes Wort, sondern Erkenntnis vieler kluger Menschen.

Und wenn es uns dann noch gelingt, häufiger als im zurückliegenden Jahr den Blick nach oben zu richten durch eine angemessene und gesunde Gebetspraxis, dann können wir zuversichtlich das neue Jahr 2010 beginnen lassen – mit den üblichen Segenswünschen, im Wissen um die bleibende Nähe des menschenfreundlichen Gottes und in der Übung von Ruhe und Gelassenheit.

„Wer glaubt ist nicht allein“, haben wir 2006 beim Papstbesuch gesungen. Denn „Du Herr wirst mit uns sein“. Diese Glaubensgewißheit sollte genügen. Und darin wollen wir uns gegenseitig stützen.

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