Ein neuer Anfang in Israel

Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesung: Neh 8,2-4a.5-6.8-10 – Evangelium: Lk 1,1-4;4, 14-21)
Alle liturgischen Texte finden Sie  (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören

In einem Bibellexikon habe ich nachgeschlagen, weil ich wissen wollte, wer Esra war. Esra war ein Jude in persischen Diensten, als „Sachbearbeiter“ für jüdische Angelegenheiten in der persischen Regierung tätig. Zu seiner Zeit stand Palästina unter persischer Verwaltung – wie Deutschland nach dem 2. Weltkrieg eine Zeitlang unter der Verwaltung der Siegermächte: Amerikaner, Franzosen, Engländer und Russen haben damals auch deutsche Fachleute geholt, um das zerstörte Deutschland wieder aufzubauen und die noch vorhandenen guten Traditionen wieder zu beleben.

Esra erwirkte durch seine Vertrauensstellung einen Regierungserlass: die Lebensverhältnisse in Palästina sollten nach dem alten jüdischen Gesetzen wieder geordnet werden. Liberal war der persische Staat damals, weit mehr als die heutige Regierung in Teheran.

Esra kam also in offizieller Mission nach Jerusalem. Mit dem Statthalter Nehemia besprach er die Lage und man lud die Bürger zu einem öffentlichen Gottesdienst ein. Dabei las er aus dem jüdischen Gesetz vor, der Weisung für ein gottgefälliges und gutes Leben. Auch Erklärungen zum Texten wurden gesprochen.

Der Aufbau dieses Gottesdienstes hat große Ähnlichkeit mit späteren vergleichbaren Gebetsversammlungen und auch mit unserer heutigen Messfeier. In der Lesung haben wir den Bericht darüber gehört. Den gleichen formalen Aufbau schildert der Evangelist Lukas über die erste öffentliche Rede Jesu in der Synagoge von Nazareth.

Welchen Sinn haben solche Zusammenkünfte? Warum lesen die Gott suchenden Menschen immer wieder aus den Hl. Büchern und machen sich Gedanken über den Inhalt der Texte? Warum brauchen wir überhaupt „Gesetze“ und „Regeln“, an die dann öffentlich erinnert wird?

Menschliches Leben und Zusammenleben kann ohne ein Mindestmaß an Regeln und Gesetzen nicht gelingen. Das wissen wir. In den frühen Gesellschaften waren solche Gesetze fast alle religiöser Natur. So war das Gesetz der Juden von der Überzeugung geprägt, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, dem Menschen wohl gesonnen sei. Er verhalte sich zu ihnen wie ein weiser und liebevoller Bündnispartner, der in allen Lebenslagen das Beste für den Menschen will.

In den fünf Gesetzesbüchern des Mose finden diese Überzeugungen ihren Niederschlag. Der Kerntext beschränkt sich dabei auf die sog. zehn Gebote, oder-  wie die Bibeltheologen heute sagen – die zehn Weisungen. Sie garantieren ein Leben in Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, wenn sich die Menschen danach richten, wenn sie also Gott die Ehre geben, seinen Namen achten, in gegenseitiger Ehrfurcht  miteinander leben, in Achtung der Beziehungen zwischen Mann und Frau, in Achtung des Eigentums, in der Wahrheit der Rede usw.

Die Geschichte aber zeigt, dass die Menschen nicht gefeit sind vor Dummheit und selbstschädigendem Verhalten. Rechtes Denken und Tun muss deshalb immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Es muss aufbewahrt werden in hl. Büchern, die dann von Fall zu Fall vorgelesen und der Nachwelt wieder ins Bewusstsein gesprochen werden. Das Judentum hat dabei eine besondere Treue entwickelt. Manche ihrer Lehrer gingen so weit, dass sie behaupteten, man dürfe nicht einmal ein Jota oder einen Buchstaben an diesen Gesetzestexten ändern. Selbst Jesus beruft sich auf diese Tradition seiner Glaubensgemeinschaft – setzt aber andererseits in seinem Verhalten manchmal einen anderen Akzent. Das habe ich früher nicht verstanden. Wie kann Jesus von der Wichtigkeit des Gesetzes reden, selber aber manche Regel einfach ignorieren – wie wir es z.B. von seinem Verhältnis zum Sabbatgebot wissen?

Ich glaube, dass ich es jetzt besser verstehe: Jesus wollte die Grundlagen unverändert bewahren, aber im Einzelfall notwen­dige Anpassungen nicht ausschließen. Jesus wollte auf den inneren Sinn des Gesetzes verweisen – und der lautet: der Liebe darf nichts vorgezogen werden. Das ganze Gesetz und die Propheten – d.h. die vielen Ausdeutungen des Gesetzes, sind ja nach einem Wort Jesu im ersten und wichtigsten Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten enthalten. So konnte der hl. Augustinus seinen Schülern zurufen: „Liebe – und dann tu, was Du willst!“

In der Rede Jesu in Nazaret leuchtet diese Wahrheit auf. Ist es nicht eine gute Nachricht zu hören, dass Gefangene entlassen werden, dass den Blinden das Augenlicht geschenkt, den Zerschlagenen die Freiheit gewährt wird? Solche Nachrichten können nur von der Liebe kommen, weil sich die Liebe immer auf die Seite der Armen und Bedürftigen stellt, weil die Liebe das Leben fördert und ermöglicht. Es sind alte Verheißungen des Propheten Jesaja, die Jesus jetzt mit seinem Wirken erfüllt sieht. Denn er kümmert sich offensichtlich mehr als viele andere um die Armen und Bedrängten. Das macht ihn ja so bekannt in der Gegend um den See Genezareth.

Damit sich aber diese Liebe entfalten kann und einen Spielraum der Freiheit bekommt, braucht sie einen schützenden Rahmen – und das ist das Gesetz, das sind die „Spielregeln“ für das Gelingen des Lebens.

Wer sich an diese „Spielregeln des Lebens“ hält, erntet Freude und Zuversicht für jeden neuen Tag. Deshalb kann Esra nach der gottesdienstlichen Versammlung den Leuten zurufen: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren eures Gottes. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist euere Stärke.

Dieses Wort können wir heute als an uns gerichtet hören. Es findet sich in abgewandelter Form auch im ersten Psalm. Gleichsam als Motto für alle weiteren Gebetstexte soll es sich in die Ohren und Herzen der Beter einschreiben wie in Wachs und zur bleibenden Gewissheit werden:

„Wohl dem Menschen, der …. Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen.“ (Psalm 1)

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