Abgelehnt werden

Jesus wird in Nazareth abgelehnt und geht weg

(Lesungen: Jer 1,4-5.17-19 / 1 Kor 13,4-13 / Lk 4,21-30)
Alle liturgischen Texte finden Sie  (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören

Jesus schritt mitten durch die Menge hindurch, ging weg und verließ seine Heimatstadt  Nazareth. – Diese Szene möchte ich besser verstehen. Denn sie enthält eine Botschaft ohne Worte, die uns möglicherweise auch heute noch angeht.

Was war geschehen?

Jesus nimmt an einem Synagogengottesdienst teil und meldet sich nach der Schriftlesung zu Wort – kein ungewöhnlicher Vorgang damals. Seine Rede findet Beifall bei allen Zuhörern. Jetzt möchten sie mehr über ihn wissen: Wer ist dieser, fragen sie erstaunt.

Einige kennen ihn noch aus der gemeinsamen Kinderzeit als unauffälligen Sohn des ortsansässigen Bauarbeiters Josef. Warum kommt da auf einmal Ablehnung und Wut auf? Der Evangelist Lukas berichten, dass sie ihn aus der Synagoge hinaus drängen – an den Stadtrand, um ihn von einem Abhang in den Tod zu stürzen. Die Aufregung muss groß gewesen sein, der Arger über Teile seiner Rede gewaltig! Was hatte Jesus denn Schlimmes gesagt? Es können nur die beiden Geschichten aus der Bibel gewesen sein, die er anders als üblich auslegte.

Das Glaubensbekenntnis Israels lautete: „Wir sind das Volk Gottes. Die Herde seiner Weide. Jahwe, unser Gott, steht auf unserer Seite. Er hat unser Volk Israel erwählt, aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit, durch die Wüste geführt und ihm im Land der Verheißung eine neuen Lebensanfang geschenkt. Gegen alle Feinde hat Gott unser Volk beschützt. Nur bei uns, nur in Israel wird der wahre Gott gekannt und verehrt. Die anderen, die Andersgläubigen sind gottlose Heiden. Sie können die Erwählung Gottes nicht empfangen, weil sie gottlos leben, in der Finsternis des Heidentums befangen und in Schuld verstrickt sind. Sie sind fern der Liebe und des Erbarmens Gottes“.

Dieses „Glaubensbekenntnis“ stellte Jesus indirekt in Frage, als er die beiden biblischen Geschichten erzählte:

Die erste Geschichte:

Während einer Hungersnot in Israel wird der Prophet Elija nach Sarepta, in das heidnische Ausland geschickt, um einer Witwe dort zu helfen. Zur gleichen Zeit bleiben die Hungernden im Land Jahwes ohne Hilfe: der eigene Prophet im eigenen Land kann nicht hilfreich wirken, im Heidenland hingegen wirkt er.

Die zweite Geschichte:

Zur Zeit des Propheten Elischa leben viele Aussätzige im Land Gottes, in Israel. Aber ausgerechnet der heidnische Syrer Naaman wird von seinem Aussatz geheilt, hingegen kein Kranker in Israel.

Um zu verstehen, welchen Ärger diese beiden Geschichten bei den Zuhörern auslösten, müsste man ähnliche Geschichten in unserem Land und für unsere Zeit erzählen ‑ sie könnten so lauten:

Es gibt viel Not und Elend im neuen Volk Gottes, in seiner Kirche. Aber Gott sendet seine helfenden Boten zu denen, die aus der Kirche ausgetreten sind oder ihr gar nicht angehören. Dort, bei den Neuheiden, vollbringt Gott Zeichen und Wunder.

Oder: viele gute und fromme Christen erleben in Zeiten der Not keine Hilfe, während die Anderen, die Ungläubigen, die sich nicht um Glaube und Kirche scheren, anscheinend glücklich leben.

Wer unter uns hat nicht schon einmal so gedacht und sich gegen Gott aufgelehnt? „Jetzt habe ich so viel gebetet – und mir wurde nicht geholfen. Aber denen, die sich um Gott nie gekümmert haben, geht es gut. – Was ist das für ein Gott?“

Wir sollten diese Frage ruhig stellen: was ist das für ein Gott? Und wir werden keine schnelle Antwort finden, sondern erst einmal verstummen angesichts dieser unbegreiflichen Tatsachen. Im geduldigen Lesen der Hl. Schrift könnten sich allerdings Antworten finden. So z.B. in den beiden Lesungen des heutigen Sonntags.

Die Antwort aus der ersten Lesung hieße dann: Gott ist unbegreiflich und ein souveräner Herr. Alle Königen und mächtigen Herren dieser Welt müssen vor ihm verstummen und die Knie beugen. Unerforschlich sind seine Wege und Ratschlüsse. Er lässt sich nicht zum Erfüller unserer Wünsche gebrauchen und wie ein Trostplaster auf unsere Wunden legen. Im Gegenteil. Er kann das Lebensrad eines Menschen erschreckend ernst mitbewegen. Schon vom Mutterschoss an kann er einen Menschen ausersehen für sein befremdliches Werk. Er kann einen Menschen an die vorderste Front des Lebens stellen, ihm unangenehme und schwierige Aufgaben zumuten. So war es beim Propheten Jeremia. Könige, Beamte und Priester und das Volk auf dem Land stellten sich damals gegen ihn, den unbequemen Mahner, der seinen Landsleuten in den Ohren lag mit der Botschaft: beugt eure Knie nur vor Gott. Er ist der einzige Herr. Verlasst euch nicht auf Menschen!

Wir fragen betroffen: wer von den großen Herren unserer Tage verneigt sich gern? Wer will zugeben, dass es über ihm noch einen Größeren gibt? Heute wie damals hört der Mensch nicht gern, dass er gelegentlich ohnmächtig ist, sondern er tut immer noch so, als ob er selber Gott wäre. Und wer ihn dabei stört durch eine Botschaft von einem allmächtigen Gott, der muss mit Kopfschütteln und Ablehnung rechnen.

Jeremia hat man verfolgt, eingesperrt. Zuletzt musste er nach Ägypten fliehen. Was ihn durchhalten ließ, war Gottes Zusage: Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen: Denn ich – Gott – bin mit dir, um dich zu retten!

Die Antwort aus der zweiten Lesung, dem sog. Hohen Lied der Liebe, könnte lauten: Gottes Handeln geschieht aus unbegreiflicher Liebe. Alle irdischen Werte, alles, was uns wichtig erscheint, prophetische Rede, Erkenntnis, Zungenrede – alles ist nur Stückwerk, vergänglich und unvollendet. Im Vergleich zum eigentlichen Geheimnis Gottes, hat dies nur vorübergehende Bedeutung.

Selbst wenn uns manchmal alles ungerecht erscheint, Gott uns fremd vorkommt, sollen wir uns nicht täuschen lassen. Er ist kein heimtückischer Tyrann, sondern der Gott der Liebe. Unser Weg zu ihm ist wie das Beiseiteschieben von Schleiern, die sein Antlitz nur in Umrissen erscheinen lassen, seine Liebe ins Zwielicht rücken, so dass wir aufbegehren und ihm Ungerechtigkeit vorwerfen: „Wie kannst Du, Gott, dich der Ungläubigen annehmen und deine Gläubigen vernachlässigen, so fragen wir“.

Dieser Eindruck entsteht, weil wir nur verschleierte Bilder von Gott haben. Unvollkommen ist unsere Erkenntnis. Aber einmal werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht schauen und ihn sehen, wie er wirklich ist: ein Gott der großen, der ungeahnten Liebe ‑ zu allen Menschen.

Das war die Entdeckung des hl. Paulus. Und darum konnte er die engen Grenzen seiner jüdischen Glaubenswelt aufbrechen und den Heiden die frohe Botschaft verkünden – ganz in der Linie der Propheten, die im heidnischen Ausland Wunder und Zeichen wirkten: an der Witwe von Sarepta und an dem Syrer Naaman.

Wir werden uns immer wieder mit der dunklen und unbegreiflichen Seite Gottes befassen, nicht zu klein von ihm denken und meinen, wir könnten schon wissen, wie weit er gehen dürfe mit uns Menschen. Sonst könnte es uns so ergehen wie den Leuten in der Synagoge von Nazareth. Mit einem Mal würde uns Jesus zum Ärgernis und unser urteilendes Verhalten für ihn zum Anlass, aus unserer Mitte wegzugehen.

Beugen wir die Knie vor dem unbegreiflichen Gott. Trauen wir ihm seine Liebe zu allen Menschen zu, dann kann Jesus, der Herr, in unserer Mitte bleiben und die erhofften Wunder wirken. Er braucht nicht wegzugehen wie damals.

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