Gotteserfahrung zwischen Geschätzigkeit und Sprachlosigkeit

Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesungen: Jes 6,1-2a.3-8 / 1 Kor 15,1-11 / Lk 5,1-11)
Alle liturgischen Texte finden Sie  (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören

Wörter machen Leute“ meint der Journalisten Wolf Schneider. Nur wer gut reden kann, hat Erfolg – in der Politik, auch in der Kirche.

Ob Schneider recht hat? Heute wird ja sehr viel geredet, rund um die Uhr – eine Flut von Worten überschwemmt uns: „Jetzt red i“, „Ein Gast ein Thema“, Diskussionen und Talkshows füllen die Radio- und Fernsehprogramme.

Manchmal wird es einem zu viel. Wenn man genau hinhört, entpuppt sich manche Rede als gedankenloses „Geschwätz“. Auf der anderen Seite erleben wir eine merkwürdige „Sprachlosigkeit“ angesichts der vielen Nöte und Probleme, die uns bedrängen. Auf die wirklich wichtigen Fragen, die unser  Menschsein betreffen, wissen die meisten Redner keine Antwort mehr.

Mitten in diesem Dilemma steht auch die Kirche, stehen die Prediger, wenn sie Gottes Wort in Menschenworten zur Sprache bringen wollen. Hat das Wort Gottes überhaupt noch eine Chance, bei den Menschen anzukommen? Geht nicht im lauten Stimmengewirr die leise Stimme Gottes verloren?

Geduldig und aufmerksam muss man schon hinhören, um die hl. Schrift zu verstehen. Wir glauben ja, dass in der Bibel Worte Gottes  aufbewahrt sind,  Verheißungen, dass Gott nicht verborgen bleiben will, sondern sich offenbaren will. Die Hl. Schrift ist doch mehr als nur interessante Literatur.

Heute haben wir verschiedene An-reden gehört, die uns bewegen und unsere Gefühle ansprechen könnten: Erschrecken, Ansporn, sein Leben zu ändern und eine Einladung, etwas für Gott zu tun.
Jesaja erzählt, er habe im Todesjahr des Königs Usia den Herrn gesehen! Eine gewagte Behauptung! An anderer Stelle der Hl. Schrift lesen wir nämlich: niemand hat Gott je gesehen! Hat Jesaja wirklich Gott gesehen oder hatte er nur ein seelischer Erlebnis, eine Vision, so gedeutet? Wer kann das wissen?

Lukas erzählt: die Freunde Jesu fingen  eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Petrus erschrak und ahnte erstmals, dass Jesus nicht nur ein gewöhnlicher Mensch sein kann, sondern, dass sie ihn ihm Gott selbst begegnet waren.

Auch heute treten Menschen mit einem ähnlichem Anspruch auf. Der Franzose Frossard etwa veröffentlichte sein Bekehrungserlebnis in einem Buch mit dem Titel: „Gott existiert – ich bin ihm begegnet“.

Lassen wir solche Bekenntnisse einmal so stehen und vergleichen wir die beiden Bibelstellen miteinander. Dann fällt folgendes auf:

An einem gewöhnlichen Tag geschieht Ungewöhnliches. Zeiten und Orte sind nicht vergessen:

  • Im Todesjahr das Usia, heißt es in der Lesung
  • Am See Genezareth beim Evangelisten Lukas

Bei Jesaja eine Vision – ein Traumgesicht?

Bei den Jüngern ein  unerwartet reicher Fischfang. (Normalerweise fischen die Männer im See Genezareth nur bei Nacht. Da kommen die Fische an die Wasseroberfläche. Bei Tag fischt man nicht). In der Erzählung aber war es Tag beim reichen Fischfang.

Jesaja erschrickt vor dem heiligen Gott und seiner Herrlichkeit: „Weh mir, ich bin verloren. Ich bin unrein“. Geblendet von der Größe Gottes kommt er sich sehr sehr klein vor. Ein Engel  reinigt seine Lippen mit einer glühenden Kohle. Jesaja hört die Frage, ob er bereit sei, für Gott zu gehen, sich senden zu lassen.

Die Jünger erschrecken nach dem reichen Fischfang. Petrus fällt Jesus zu Füßen: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch“.  „Fürchte dich nicht“, antwortet Jesus. Die Botschaft heißt:  Du bist angenommen, obwohl du dich wie ein Sünder klein fühlst. Du bist gereinigt. Ich frage Dich,  ob du ein Menschenfischer werden willst, einer, der Menschen in die Nähe Gottes versammelt.

Was kann uns ein solcher Textvergleich heute sagen?

Ein Blick auf den Anfang des Hebräerbriefes hilft weiter. Da lesen wir  es: „Oft und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Menschen gesprochen – zuletzt durch seinen Sohn…“. Wenn das stimmt, können wir davon ausgehen, dass Gott dem Menschen wirklich begegnen will und dass andererseits der Mensch zu solcher Begegnung fähig ist.

Gottes Entgegenkommen sehen wir in den beiden biblischen Szenen: Jesus steigt in das Boot des Petrus, betritt also seinen täglichen Lebensraum und Arbeitsplatz. – Gott erscheint dem Jesaja zu einer festgesetzten Zeit – im Todesjahr des Usia.

Gott betritt also unverhofft unseren Raum und unsere Zeit und trifft uns an den normalen Wirkstätten unseres Daseins an. Das heißt auch: Gottesbegegnung ist nicht nur in sakralen Räumen möglich, sondern an allen Orten und zu allen Zeiten.

Der Jesuit Ladislaus Boros behauptete einmal: seit wir von Jesus Christus, dem Gottessohn mit Menschenantlitz, wissen, dürfen wir sagen: wir begegnen Gott im Menschen.

Dies aber sagen wir vorsichtig. Es ist missverständlich. Besser könnte man sagen: wir begegnen dem Menschen wie Gott – im doppelten Sinn des Wortes. D.h. mit der Ehrfurcht, die Gott gebührt, begegnen wir auch den Menschen.

Martin Buber berichtet in seinen Erzählungen von einem Schüler, der den Rabbi fragt: „Sage mir! Früher hat es Menschen gegeben, die Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?“ Der Rabbi antwortet: „Weil sich niemand mehr so tief bücken kann“.

Sich bücken können, sich den Dingen und den Menschen liebevoll zuneigen können – selber einfach, demütig und bescheiden leben, das ist die Bedingung für eine Gottesbegegnung.

Die Fischer am See von Genezareth gehörten zu den kleinen Leuten im Land. Vom Propheten Jesaja weiß man, dass er nicht von adeliger Abstammung  war. Auch er gehörte zu den Kleinen im Land.

Wer Gott begegnen will, muss sich also zu den Kleinen gesellen. Das bestätigt Jesus auch in seiner Jüngerunterweisung: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen.“

Es ist manchmal gut, das oberflächliche Gerede zu fliehen und in die Stille zu gehen. Nicht alle Worte, die wir hören, sind wichtig. Wichtiger ist, sich liebevoll allem Lebendigen zuzuneigen. Dann lernen wir Unwesentliches zu überhören und Worte des Lebens vernehmen, Spuren Gottes im Alltag zu entdecken und sich an Zeichen seiner liebenden Gegenwart zu freuen.

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