Zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge

Anmerkungen zur Patientenverfügung

Sterben und Tod sind aus der Tabuzone herausgetreten. Als Johann Sebastian Bachs Kantate „Komm, du süße Todesstunde“ 1715 in Weimar uraufgeführt wurde, waren Sterben und Tod noch eingebettet in ein religiöses Bewusstsein. Sterben und Tod verstand man als unabwendbares, von Gott verfügtes Geschick, das gefürchtet, aber auch als Erlösung vom Elend der Welt ersehnt wurde.  „Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen“ – hat man gesagt und konnte sich auch auf die Bibel berufen. Dort stehen auch heute noch gültige Lebensweisheiten:

„Es gibt keine Macht über den Sterbetag“ (Koh 8,8)

„Unsere Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin. .. Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Psalm 90,10.12)

Der enorme Fortschritt in der Medizin hat in jüngster Zeit die Heilungschancen auch bei sehr schweren Krankheiten erhöht und damit auch das Sterben als letzte Lebensphase gestaltbar gemacht. Für den Krankenhausseelsorger Erhard Weiher ist das Sterben inzwischen zu einer „chronischen Krankheit mit unkalkulierbarem Ausgang“ geworden.

Neue Fragen standen auf. Wie weit darf die Gestaltungsmacht des Menschen gehen, wenn er jetzt frei und autonom nicht nur den Beginn menschlichen Lebens (Geburtenplanung), sondern auch sein Ende zunehmend in den Griff bekommt? Martin Walser meint in einem Interview zu seiner neuen Novelle „Mein Jenseits“: „In 100 Jahren wird man uns zum Mittelalter zählen, weil wir das Aufhören des Lebens der Natur ganz überlassen haben. Da wird es andere Wege geben .. und zwar so, dass es dann akzeptabel und allgemein praktizierbar ist (das aktive Beenden des Lebens, Anm. Stock). Sterbehilfeorganisationen sind die Avangarde der Zukunft [1] Dass es Debatten über Sterbehilfe gibt, heißt ja, es gibt eine Entwicklung …

Mir fällt dazu der 1932 erschienen Roman von Aldous Huxley ein:  „Schöne neue Welt“ .

Mit einer Patientenverfügung verband man immer schon die Vorstellung, endlich den Fängen der allmächtig erscheinenden Medizin zu entkommen. Sterben und Tod sollten nicht mehr fremdbestimmt, sondern nach eigenen Wünschen und Vorstellungen ermöglicht werden.

Die ersten Entwürfe solcher Texte waren lediglich unscharfe Entscheidungshilfen für den Arzt. Die Grauzone zwischen „aktiver“ und „passiver“ Sterbehilfe, zwischen „unterlassener Hilfeleistung“ und einer mutigen Therapiezieländerung konnte sich erst langsam auflösen. Sie blieb lange Jahre in der öffentlichen Diskussion. Das Bild von der Verkehrampel habe ich damals zur Veranschaulichung benutzt.

Eine Gelbe Ampel mahnt zur Achtsamkeit und zum Hinhören und Hinschauen auf die Situation des Patienten. Würde man in einer Patientenverfügung eine rote Ampel sehen – also den dokumentierten Willen des Patienten rücksichtslos umsetzen, könnte der behandelnde Arzt jede Weiterbehandlung einfach bedenkenlos abbrechen. Als grüne Ampel gedeutet, hätte der Patient umgekehrt überhaupt keinen Einfluss auf die Therapie. Der Arzt könnte sich einfach auf sein Fachwissen, seine berufliche Erfahrung, die Fürsorgepflicht und den Behandlungsauftrag – also die Verantwortung für die Gesundheit des Patienten berufen.

Mit dem neuen Gesetz zur Regelung der Patientenverfügungen vom 19.06.2009 ist mehr Rechtsicherheit erreicht worden. Der Patientenwille hat nun eindeutig den Vorrang. Das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen wurde gestärkt. Weder Ärzte noch Angehörige, weder Pflegekräfte noch Betreuer können sich nunmehr einfach über den erklärten Patientenwillen hinwegsetzen. Das gilt, wenn er aktuell geäußert wird. Das gilt aber auch, wenn er in einer Patientenverfügung niederlegt wurde und auf eine bestimmte Heilbehandlung oder einen ärztlichen Eingriff zutrifft, und wenn diese Festlegungen die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation betreffen.

Mehr Rechtsicherheit ist also nun erreicht. Wie steht es jedoch mit der emotionalen Sicherheit? Immerhin ist das Sterben kein einfacher Vorgang, den man ausschließlich mit juristischen und medizinischen Mitteln befriedigend gestalten kann. Manche Menschen werden jetzt an Bert Brechts berühmten Epilog aus dem Bühnenstück „Der gute Mensch von Sezuan“ erinnert. „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Denn die Diskussion geht weiter. Die Bundesärztekammer hat nach der Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag verlangt, das Thema müsse noch einmal auf die Tagesordnung. Die Kirchen haben sich verhalten positiv geäußert. Sie begrüßen einerseits das Ende des langjährigen Streits zwischen Selbstbestimmung und Fürsorgepflicht, weisen aber darauf hin, dass es keine Gewissheit darüber gibt, ob der einmal festgelegte Wille in der konkreten Situation schwerer Krankheit– mit möglichen Heilungschancen – eins-zu-eins übereinstimmt. Der Mensch ist kein programmierbarer Computer. Seine Selbsteinschätzungen und Lebenseinstellungen wandeln sich ständig – und sind selbstverständlich auch abhängig von seiner ganz persönlichen religiösen Einstellung und von seinem Glauben.

Gegen den Willen eines Patienten darf grundsätzlich keine Heilbehandlung durchgeführt werden. Aber das Problem besteht darin, dass sich Diagnose und Therapieplanung sehr stark an rein naturwissenschaftlichen Methoden orientieren und dabei die anderen Aspekte, die psychosozialen, die seelischen und spirituellen Bedürfnisse der Patienten nicht selten in den Hintergrund drängen.

Seit die Bundesärztekammer mit den neuen „Richtlinien zur ärztlichen Sterbebegleitung“ selbst einen Wandel im Umgang mit Sterbenden herbeigeführt hat, geht es nicht mehr nur um die so genannte „informierte“ Zustimmung, sondern auch um die persönlichen Lebenseinstellungen eines Schwerkranken. Die Lösung liegt in dem Zusammenspiel zwischen ärztlichem Fachwissen und dem sog. „Lebenswissen“ des Patienten.

Früher sagten Ärzte bei aussichtsloser Erkrankung: „Wir haben alles getan, wir können nichts mehr tun“. Heute gilt ein Grundsatz. „Wenn nichts mehr zu machen ist, ist noch viel zu tun“ eben im Sinne von Palliativ-Care (lindernde Sorge).

Für die Abfassung einer Patientenverfügung sollte man sich Zeit nehmen und es auf keinen Fall allein im stillen Kämmerlein erledigen, sondern im Gespräch mit den Angehörigen, mit dem Hausarzt und mit Menschen seines Vertrauens. Eine Bekräftigung durch den Notar kann mehr Sicherheit bieten, ist aber nicht notwendig.

Die meisten Vordrucke beinhalten auch zwei weitere Formulare zum Ausfüllen: eine sog. Vorsorgevollmacht und eine Betreuungsverfügung.

Eine Vorsorgevollmacht ist sogar wichtiger als eine Patientenverfügung. Darin benenne ich einen Menschen meines Vertrauens, Entscheidungen stellvertretend und in meinem Sinne zu treffen und im Gespräch mit dem Arzt die einzelnen Therapieschritte festzulegen. Der Bevollmächtigte hat dabei die ethische Verantwortung, den Willen des Vollmachtgebers und nicht seinen eigenen zur Sprache zu bringen. Wichtig sind solche Vollmachten für den Fall, dass ich mich nicht mehr äußern kann.

Eine Betreuungsverfügung ist dann zu empfehlen, wenn bei schwierigen Entscheidungssituationen ein richterlicher Beschluss des Vormundschaftsgerichts eingeholt werden muss. Der Richter ernennt dann einen sog. „Betreuer“, der früher Vormund hieß. Bevor er einen amtlichen Betreuer bestellt, wird er in der Regel die Person als Betreuer bestellen, die der Patient in der Betreuungsverfügung gewünscht hat.

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[1] Quelle: MZ, 09.02.2010, Seite 2 (Themen im Blickpunkt)

Mehr Informationen finden Sie beim Hospizverein Regensburg

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