Braucht der Leibsorger einen Seelsorger?

„Arzt, heile dich selbst!“ Dieses Sprichwort hat Geschichte gemacht. Als Jesus in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth von seinem Heilungsauftrag redete, fügte er gleich hinzu: „Sicher werdet ihr mir dieses Sprichwort entgegenhalten: Arzt heile dich selbst. Wenn du in Kapharnaum so große Dinge getan hast, wie wir gehört haben, dann tu sie auch hier“ (Lk 4,23).

Der berufene Heiler Jesus stößt bei der Ausübung seiner Profession offensichtlich auf unerwartete Grenzen. Wie zur Entschuldigung zitiert er ein weiteres Sprichwort: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“ (Lk 4,24).

Seither hat sich bei den Heilkundigen nicht viel verändert. Der Arzt als Urtyp des Heilers erfährt trotz seines erworbenen und verfügbaren Heilkundewissens innere und äußere Grenzen und ist selber auf Hilfe und Heilung angewiesen. Die Frage ist, ob es eine spezifische Form der Unterstützungsleistung für ihn geben kann und/oder geben muss. Das Schmähwort an die Adresse des ohnmächtig sterbenden Jesus am Kreuz „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen“ (Mt 27,42) trifft den professionellen Helfer auch heute noch ins Mark. Denn er findet seine berufliche Identität gerade in der Erfahrung, anderen helfen zu können. Das ist für ihn immer noch höchste Form der Selbstverwirklichung. Es ist auch immer noch der entscheidende Beweggrund für einen jungen Menschen, der sich mit dem Gedanken trägt, den Arztberuf zu ergreifen – trotz offenkundiger Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und des Lohnes. „Junge Mediziner fragen sich zunehmend, warum sie sich der Maschinerie Krankenhaus aussetzen sollen“, sagt Hans-Jörg Fresse von der Bundesärztekammer in Köln. „Die Arbeitszeiten sind zu lang, die Gehälter mager, die Arbeitsbedingungen sind durchweg schlecht“. Und mit Familie lässt sich der Beruf schon gar nicht vereinbaren. [1]

Hat Stefan Zweig unrecht, wenn er sagt: „Es lohnt sich schon, etwas Schweres auf sich zu nehmen, wenn man es einem Menschen damit leichter macht“? Was wäre dann das Schwere – und wie würde dieses „auf sich nehmen“ aussehen, wenn sich einer nicht ausbeuten lässt und die notwendige Selbstliebe nicht verrät? Das Schwere ist für jeden anders. Was einer „mit links“ erledigt, bedrückt den anderen schon, sobald er nur daran denkt. Was dem einen zur Qual wird, erledigt der andere im Vorbeigehen.

Die Logotherapie und andere kognitiven Therapien beschreiben eine Methode, die sie Einstellungswandel nennen. Um zu verstehen, was damit gemeint ist, stellt man sich am besten einen Fotographen vor, der die Einstellungen an seiner Kamera verändern kann, z.B. durch Betätigen der Zoom-Funktion. Beim Zoomen rückt der Gegenstand näher und vergrößert ins Bild und seine Umgebung wird ausgeblendet; bei der Einstellung „wide“ wandert er in die Tiefe des Bildausschnittes, wird kleiner und seine Umgebung wird sichtbar.

Könnte man gedanklich eine solche Zoomfunktion aktivieren, so würde der „beschwerliche Gegenstand“ zwar nicht verschwinden, aber in den Hintergrund fahren, kleiner werden und – was nicht zu unterschätzen ist – die Umgebung würde sichtbar. Die Erfahrung, dass es auch noch etwas anderes gibt als nur das im Mittelpunkt der Sorge Stehende, hat eine relativierende Kraft.

Ist es also doch nur eine Frage der Gedanken, die das tägliche Gelingen oder Scheitern bestimmen? Manche meinen, die Menschen seien nur deshalb krank, weil sie kranke Gedanken haben. Was wäre dann die unterstützende und entlastende Hilfe, um einen an Auszehrung leidenden Beruf vor dem Versagen zu bewahren?

Neben der ausgleichenden und notwendigen Körperpflege ist eine angemessene „Seelenpflege“ unverzichtbar geworden. Viele Ärzte suchen deshalb Orte der Stille auf, lernen Entspannungstechniken und die verschiedenen Methoden der Meditation kennen und bauen sie in ihren beruflichen Alltag ein.

Sie machen damit gute Erfahrungen, lernen die Begrenztheit ärztlichen Handelns akzeptieren und gewinnen einen anderen Begriff von heilen. Ein dreifacher Einstellungswandel zeichnet sich ab:

  1. Vom medizinischen zum ganzheitlichen Menschenbild
  2. Vom naturwissenschaftlichen zum religiösen Denken
  3. Vom Machen-Wollen zum Loslassen-Können

Supervision und Arbeit in Balintgruppen tragen das ihre dazu bei.

Wozu ist dann die alte Disziplin „Seelsorge“ noch nütze? Hat sie nicht durch ihr patriarchalisches Vorgehen („Ich weiß, was du brauchst. Ich sage dir, was du tun sollst!“) jeden Anspruch auf Gehör verloren?

Eine seit Jahren umlaufende Botschaft lautet: „Mache dich frei! Befreie dich von allen Verhaftungen an Vergangenheit und Zukunft! Lebe im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Augenblick!“ Übersetzt man diese Botschaft in die religiöse Sprach- und Lebenswelt, dann könnte sie so lauten: „Verlasse dich auf Gott (hin)! Suche die Nähe des verborgenen, aber gegenwärtigen Gottes in allen Dingen! Denn sein Name ist ICH-BIN-(JETZT)-DA.“ [2]

Wenn ich mich an den ICH-BIN-DA halte und von diesem Zentrum und „Basislager“ aus meine täglichen Expeditionen in die Lebenswelt unternehme, um dann wieder zurückzukehren zum Hier und Jetzt, zum immer und überall gegenwärtigen Gott, dann wird das „Schwere“ unversehens leichter. Wie anders hätte der Psalmbeter sonst ausrufen können: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Psalm 18,30). Ihm wurde es leicht, als er gläubig – in einem „gut kalkulierten Sprung ins Ungewisse“ [3]– die Gegenwart Gottes bejahen konnte.

Dieser existentielle Glaube ist für das Durchhalten in einem Kräfte zehrenden Beruf von entscheidender Bedeutung und vermittelt ein Dreifaches:

  • einen fasten Halt im Zerbrechen von Raum und Zeit [4]
  • eine Vision über den Rand der Welt hinaus [5]
  • und eine unbedingte Bejahung [6]

Dafür stehen drei klassische Tugenden, deren Bedeutung wir kaum mehr kennen, weil sie schon längst zu bloßen Worthülsen verkommen sind: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Glaube meint das Sich-fest-machen in Gott, in ihm seinen letzten Halt finden.

Hoffnung ist das Hinausgreifen (über alle Grenzen des Denkens und Handelns hinaus) zu den unbekannten Möglichkeiten Gottes selbst. Und Liebe ist jene Grundkraft, die zuerst als unverdientes Geschenk und dann erst als Tat für andere verstanden werden will.

Seelsorge für Ärzte, wenn sie denn überhaupt noch eine Chance hat, muss mit einem menschlichen Antlitz auftreten und sich jeder moralisierenden und bevormundenden Rede enthalten. Sie muss Türen öffnen zu ehrlichem und tabufreiem ethischen Diskurs über schwerwiegende Fragen im ärztlichen Alltag. Und sie muss Angebote aus der Mitte der Theologie heraus formulieren. Die Wiederbelebung traditioneller Riten und Frömmigkeitsformen allein genügt nicht, selbst wenn es auch dafür gute Gründe gibt.

Einer der großen Denker der vergangenen Jahrzehnte, Romano Guardini (+1969) hat diese neue Frömmigkeit im Blick auf den von Gott gesandten wirklichen Arzt („Ich bin der Herr, dein Arzt“, Ex 15,26) so beschrieben:

„Jesus kommt nicht, um der Reihe der bisherigen Menschheitserkenntnisse eine neue hinzuzufügen, um ein neues Ideal, eine neue Wertordnung aufzurichten, für die es nun an der Zeit wäre. Nein, sondern aus der Gott vorbehaltenen Fülle trägt Jesus eine heilige Wirklichkeit vor. Aus Gottes Herzen führt er einen Lebensstrom in die dürstende Welt. Von „Oben“ her tut er ein neues Dasein auf, das aus der Schöpfung selbst nicht möglich und nach Ordnungen gebaut ist, die von „Unten“ her als Verwirrung und Umsturz erscheinen.“ [7]

Um an dieser neuen Wirklichkeit teilzuhaben, muss der Mensch sich öffnen. Er muss die Verklammerung ins natürliche und naturwissenschaftliche Denken und Tun methodisch loslassen und einem unerwartet Kommenden entgegengehen. Er muss den tief verwurzelten Anspruch überwinden, die Welt sei das Eigentliche und Einzige und genüge sich selbst.

Eine „Seelsorge für den Leibsorger“, für einen Menschen, der anderen helfen kann und will, lädt dazu ein, diesen Paradigmenwandel im Denken zu versuchen. Die bevormundende „Anleitung zum Glücklichsein“ oder die fromm aufgeladenen Deutungen von Krankheit, Leid und Tod erreichen keinen denkenden Menschen mehr. Der Seelsorger für Ärzte wird ein Gesprächspartner sein mit seiner spezifischen Sicht der Dinge, die er aus der Fülle des Glaubens schöpft. Er wird freilich nicht umhin können, den geplagten und gestressten Arzt auch daran zu erinnern, dass dieser nicht die Rolle Gottes zu spielen braucht. [8]. Diese Wahrheit wird ihn entlasten. So kann er sein Bestes zum Wohl der Kranken geben und sich dann zurücknehmen – im Wissen darum, dass ein ganz Anderer Heil und Wohl der Menschen bewegt und vollendet.

„Die Welt retten, das heißt nicht, ihr das Glück geben; das heißt, ihr den Sinn des Leidens aufschließen und ihr eine Freude geben, die niemand rauben kann. Wenn wir mit allen Kräften gegen das Elend und das Unglück kämpfen sollen …, so müssen wir uns erinnern, dass unser Einsatz dafür nicht ein zweites irdisches Paradies, sondern das ewige Leben ist!“ (Madeleine Delbrêl) [9]


[1] Zitiert in SZ (Süddeutsche Zeitung) vom 09.08.2003 im Artikel: Operation Traumberuf beendet, von Anja Dilk

[2] Vgl. Ex 3,14

[3] Der Glaube ist der gut kalkulierte Sprung in Ungewisse (Karl Rahner SJ)

[4] Es gibt kaum eine größere Kränkung für einen Arzt, als wenn der Heilungserfolg im vertrauten Aktionsrahmen Raum und Zeit ausbleibt, obwohl er besten Wissens und Gewissens gehandelt hat. Auch die erfolgreichsten Mediziner kommen an dieser Erfahrung nicht vorbei.

[5] Alle Fortschritte in der Menschheit haben mit einer Vision begonnen. Etwas, was noch nicht ist, kann Wirklichkeit werden. „Denn für Gott ist nichts unmöglich“. (Lk 1,37)

[6] Was nicht angenommen (worden) ist, kann nicht geheilt werden. Leben ist ohne Bejahung nicht möglich.

[7] Romano Guardini, Der Herr

[8] Don’t play god! Du bist ein gut ausgebildeter und guter Arzt. Nicht mehr und nicht weniger. Das genügt. (Fred
Kanfer)

[9] zitiert in Udo Körner, “Zu früh starb jener Hebräer”, Ein Jesus-Mosaik, Verlag Pustet, 2003, S. 132

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