Das besondere Osterfest 2010

Predigt am Osterfest – 04.04.2010

Lesungen: Apg 10,34a.37-43 / Kol 3,1-4 / Lk 24,1-12 (Osternacht)

Alle liturgischen Texte (Ostersonntag) finden Sie (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören!

Heute ist ein besonderer Tag. Denn die Botschaft, die wir Christen heute zum wiederholten Mal in die ganze Welt hineinrufen, ist für die Ohren der meisten Menschen eine Zumutung und ein Ärgernis. Viele glauben nicht mehr an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Wir können ja auch niemanden beweisen, was wir glauben, aber wir können unseren Glauben durch Zeichen und Symbole darstellen. Mit offenen Sinnen und gesundem Menschenverstand kann sich der Mensch dem Geheimnis des Lebens nähern, eines Lebens, das sich in rätselhafter Weise gerade dort erschließt, wo die Todeszone durchschritten worden ist. Niemand bestreitet etwa das Wunder des Weizenkorns. Wir sehen, dass es nur dann Frucht bringt, wenn es in die Erde fällt und stirbt.

Gestern Abend oder heute in der Dämmerung hat die Kirche die Liturgie der Osternacht gefeiert – mit einem eindrucksvollen Symbol: in den dunklen Kirchenraum wurde das Licht der Osterkerze getragen.

Wofür steht dieses Licht-Symbol?

Wahrscheinlich gibt es für das größte Rätsel des Lebens, den Durchgang durch den dunklen Tunnel des Todes zum Leben kein schöneres Zeichen als das Licht. Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“.

Die Frauen, so erzählt der Evangelist Lukas, kamen beim aufgehenden Licht an das Grab Jesu. Gräber erinnern an das Dunkel der Todesnacht. Wenn ein Mensch stirbt, gehen buchstäblich alle Lichter aus. Die Lichter des Lebens, der Freude, des Glücks. Sterben und Tod ist für die Hinterbliebenen wie stockdunkle Nacht, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. –

Am Karfreitag meldete sich bei mir am Telefon eine verzweifelte Frau. Vor 14 Tagen war ihr liebster Mensch verstorben. Zwar war die Beziehung nicht immer glücklich, aber jetzt, da alle Verbindungen unwiderruflich zerrissen sind, überfiel sie tiefe Trauer und Verzweiflung. – Eine amerikanische Studie zeigt von 50 verschiedenen belastenden Ereignissen an erster Stelle den „Verlust eines lieben Menschen“. Alles andere, was einem Menschen vom Schicksal zugemutet wird, reiht sich danach ein.

Der Tod reißt die größte Wunde in die Seele und hinterlässt abgrundtiefe Trauer. Das war auch damals so, als die Frauen das Grab Jesu aufsuchten. Ihre Ratlosigkeit steigerte sich noch, als sie den Leichnam nicht fanden. – Was war geschehen? Eine Umbettung des Toten, heimlich und in aller Eile? Vielleicht ein Grabraub? Im Orient nichts außergewöhnliches.

Der Evangelist Lukas weiß von einem rätselhaften Gottesboten, der die Suchenden mit einer Frage überrascht: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“

Es lohnt sich, bei diesem Satz etwas zu verweilen. Unsere Vorstellungen vom Leben sind durch unsere Sinne geprägt. Was wir sehen, was wir hören, was wir betasten können, das bildet sich in uns ab als Wirklichkeit – ähnlich wie ein Fotoapparat die Wirklichkeit abbildet. Wir halten das für wahr, was wir sehen, riechen, betasten und hören können. Was wir nicht sehen, existiert für uns für gewöhnlich nicht.

Ludwig Somagne, ein Mundartdichter aus dem Rheinland, hat in einem schönen Zweizeiler dieses gewöhnliche Denken aufgebrochen, wenn er sagt: „Wir glauben, was wir sehen. Was wir nicht sehen, nicht zu glauben!“ Damit bekräftigt er, dass es Wahrheit gibt, so wahr und wirklich, dass man sie kaum glauben kann. Diese Wahrheit bedarf unserer Zustimmung nicht. Sie ist einfach da – ungefragt und wirklich, unabhängig davon, ob wir sie anerkennen oder nicht, unabhängig von unserem Glauben. Unser schwacher Glaube hingegen will sich vergewissern an sichtbaren und nachweisbaren Zeichen und Spuren. Wir sind geborene Zweifler.

In Jerusalem  ist jede Spur von Jesus verwischt. Nicht einmal mehr der Leichnam Jesu findet sich im Grab, an dem man ja hätte beobachten können, ob er ins Leben zurückkehren kann oder nicht, wenn denn die Rede von der Auferstehung der Toten wahr sein sollte.

Wie seltsam solche Versuche sind, hat der evangelischer Theologe Lüdenmann vor Jahren ungewollt verraten, als er sagte, man könne einem modernen Menschen heute nicht mehr zumuten, zu glauben, dass ein Leichnam lebendig werden kann. Lüdenmann wollte wie ein Naturwissenschaftler erklären, was nur mit dem Herzen begriffen werden kann: die Auferstehung Jesu. Er ist mit seinem Versuch gescheitert. Er hat nicht einkalkuliert, dass für den Verstand ein Ärgernis ist, was dem Herzen in der Symbolsprache aufleuchtet.

Stimmt es denn nicht, was das eben zitierte Sprichwort sagt: „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages?“
Stimmt es nicht, was ein rabbinischer Lehrer sagt: „Suchst du das Feuer, du findest es in der Asche?“
Stimmt es nicht, dass der wunderschöne Schmetterling aus einem anscheinend toten Ding, der verpuppten Raupe, hervorkommt?

Auferstehung ist Gestaltwandel in eine andere Wirklichkeit hinein, ist Übergang aus dem Reich des Todes in das Reich des Lebens, des göttlichen Lebens. Man kann sie nicht im Handumdrehen begreifen und verstehen, sondern muss sich erinnern lassen an Vorausgehendes, muss den ganzen Weg Jesu bedenken und alles, was er gesagt und getan hat. Deshalb werden die Frauen am Grab eingeladen, sich zu erinnern – an die Anfänge in Galiläa, an seine eigenen Vorhersagen.

Tod und Auferstehung Jesu sind das erwartete Finale einer herrlichen Sinfonie des Lebens. Es musste alles so kommen. Der Durchgang durch die Todeszone, das schreckliche Drama des Karfreitags, war unvermeidlich.

Tag kann nur werden, wenn vorher Nacht war. Wie sollten wir eine Vorstellung vom Licht haben, wenn wir nicht vorher die Dunkelheit erlebt hätten?

Liebe Mitchristen! – Auch an diesem Osterfest werden wir – angefochtene im Glauben aus aktuellem Anlass – das Geheimnis des Lebens aus Gott nicht ganz begreifen können. Es wäre schon ein großer Schritt, würden wir wie die Jünger reagieren. Zunächst hielten sie alles für Geschwätz, was die Frauen ihnen da berichteten. Dann aber lief Petrus als erster zum Grab – und kehrte voll Verwunderung nach Hause zurück.

Diese drei Schritte zu gehen, das wünsche ich uns an diesem Osterfest:

  • Den Zweifel zulassen – keine Angst davor haben, dass einem die Botschaft der Auferstehung zu schaffen macht.
  • Dann, was viele Zeitgenossen leider verdrängen: der Tatsache von Sterben und Tod, von Friedhof und Grab, tapfer ins Auge blicken. Davonlaufen und nicht hingehen wäre genau das Verkehrte. Ganz aktuell: jetzt aus der Kirche austreten, weil es nach all den schlimmen Vorkommnissen so scheint als sei sie das Grab Gottes, ist das falsche Mittel der Wahl. Wir müssen dorthin gehen, wo wir unser Liebstes begraben haben: das können Menschen genauso sein wie enttäuschte Erwartungen an die Heiligkeit der Kirche, gescheiterte Lebenspläne und alles, woran unser Herz hängt. Zuletzt wird es der Blick auf unsere eigene Endlichkeit sein – den eigenen Tod: unser eigenes Grab müssen wir anschauen. Wir müssen bis in die dunkelste Nacht hinein, weil sich erst dort der Gestaltwandel ereignet. Eine Stimme wird uns dort überraschen: WAS SUCHTS DU DEN LEBENDEN BEI DEN TOTEN?
  • Dann werden wir wieder nach Hause gehen, dorthin, wo uns das Leben hingestellt hat – mit Verwunderung und mit Staunen wie Petrus und die anderen Jünger.

Dieser Dreischritt ist der Beginn des Glaubens, der Anfang der Hoffnung und der Lebensimpuls für die Liebe. Das ist die Frucht der österlichen Tage. Wir wünschen sie uns einander und wir hoffen füreinander, dass keiner in der Nacht seiner Nöte stecken bleibt, sondern mit Zuversicht und Vertrauen aufsteht zu neuen Leben.

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