Glaube, ein Schwebezustand zwischen Gewißheit und Zweifel

Predigt am 2. Sonntag der Osterzeit – 11.04.2010

(Lesungen: Offb 1,9-11.a.12-13.17-19 / Joh 20,19-31)

Alle liturgischen Texte finden Sie  (hier)

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Heute hörten wir im Evangelium von einem Menschen, der uns sehr nahe steht: der Zweifler Thomas. Er ist ein sympathischer Jünger Jesu, einer, der nicht leichtgläubig den Meinungen anderer folgt, sondern sich sein eigenes Urteil bildet.

Das kommt neuzeitlichem Lebensgefühl entgegen. Wir alle trauen  den vollmundigen Verheißungen der Großen und Herrschenden nicht mehr so recht. Und durch die Ereignisse der letzten Zeit haben Zweifel und Skepsis  auch gegenüber kirchlichen Amtsträgern zugenommen. „Trau, schau, wem!“ – heißt eine alte Spruchweisheit.

Um es gleich vorweg zu sagen: wir könnten aus diesem Evangelium eine befreiende Botschaft mitnehmen. Seit Jesus von Nazareth ist nämlich der Zweifel die erlaubte Kehrseite der Glaubensgewissheit. Seit Jesus von Nazareth darf der Gläubige auch zweifeln und verliert nicht gleich automatisch die Mitgliedschaft in der Gemeinde.

Das war nicht immer so. In Israel galten strenge Regeln: wer die Lebensordnung des Bundesvolkes nicht 100% befolgen wollte, galt als unsicherer Kandidat. Ihm drohte der Hinauswurf aus der Gemeinde. So wurde etwa der Prophet Amos des Landes verwiesen, weil er öffentlich bezweifelte, dass der Lebensstil der herrschenden religiösen Kreise richtig war: „Pack dich fort, Seher, geh ins Land Juda!“ (Amos 7,12). Mit diesen Worten wies man ihn aus.

Hätten nicht die elf Jünger auch so reagieren müssen, als Thomas ihre Botschaft von der Auferstehung Jesu anzweifelte? Hätten sie ihn nicht einfach weiterschicken müssen mit der Begründung: „Du schadest mit Deiner Kritik unserem Glauben. Solche Leute wie Dich können wir in unseren Reihen nicht gebrauchen!“

Aber genau das geschah nicht. Thomas war bei der ersten Erscheinung Jesu nicht dabei. Als er später hinzukam, durfte er seine Zweifel äußern; man wartete ab und blieb zuversichtlich, dass auch für ihn die Stunde der Wahrheit kommen würde. Die anderen Jünger hatten ja anfänglich auch ihre Not. Die Nachricht der Frauen, die das Grab Jesu leer fanden hielten sie für Geschwätz, lesen wir im Lukasevangelium. (Lk 24,11).

Gewissheit und Zweifel bleiben zusammen. Der Zweifel wird ausgehalten und durchgehalten auf dem Weg, bis Wahrheit und Erkenntnis aufgehen im Bekenntnis. Und dieses Bekenntnis ist keine bloße Zustimmung zu einer Lehre, sondern Zustimmung zu einer Person. „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20.28).  Das ist der Satz, der den Zweifel zwar nicht auflöst, ihn aber einbettet in ein persönliches Verhältnis des Vertrauens auf Gott, der die Macht über Leben und Tod hat und alles zum Guten wendet.

Zwischen Jesus und Thomas kommt es nicht zu einer Übereinstimmung in Sachfragen, sondern zu einer wechselseitigen Kapitulation:

Der Zweifler Thomas kapituliert vor der Größe seines Herrn und Meisters und beugt sich in Demut vor ihm nieder.

Und Christus, der Herr, „kapituliert“, wenn man so sagen darf, vor dem geringen Fassungsvermögen des Jüngers. Er, der Unbegreifliche, lässt sich deshalb be-greifen, der Unfassbare lässt sich anfassen.

Diese Szene muss man sich immer wieder vor Augen führen, weil sie ein Beispiel für unsere Situation ist. Auch wir schwanken hin und her zwischen Gewissheit und Zweifel. So sicher, wie wir es uns wünschen, ist unser Glaube nicht. Er bleibt immer angefochten und droht in den täglichen Ängsten und Sorgen unterzugehen.

Unser Glaube ist genauso angefochten wie der der Zeitgenossen Jesu. Das liegt auch daran, dass Jesus äußerlich wie ein Mensch erschien; er galt ja lange nur als der „Sohn des Zimmermanns“ (vgl. Mt 13,55).

Menschlich gesprochen war es ein Risiko für Gott, sich zu entäußern und die Menschennatur anzunehmen. In der Menschengestalt verhüllte sich seine  Gottesnatur. Dem Anschein nach war Jesus einer wie du und ich. Und wir wissen aus den Evangelien, dass selbst die Jünger lange brauchten, bis sie in Jesus den von Gott gesandten Messias erkannten.

Eigentlich ist ihnen das Geheimnis Jesu erst nach Ostern aufgegangen. Und der Zweifler Thomas hat bis zuletzt unsere Rolle gespielt – die Rolle derer mit einem schwachen Glauben. Im Hebräerbrief heißt es: „Glaube aber ist: (das) Feststehen in dem, was man erhofft, (das) Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“. (Heb 11,1)

Wenn wir das bekennende Gebet des Thomas nachsprechen, können wir erfahren, dass der Osterglaube kein Märchen ist, sondern der Grund unserer Lebenskraft.  Denn wer Gott auf seiner Seite hat, der hat das Leben auf seiner Seite. Wer „Mein Herr und mein Gott“ sagt, dem steht die Lebenskraft Gottes offen.

Einen Blick in die neue Welt Gottes hat uns dazu der Apostel Johannes in seiner Geheimen Offenbarung ermöglicht. Die Gestalt, die ihm auf der Insel Patmos in einer Vision begegnet, sieht zwar aus wie ein Mensch, aber sein Gewand verrät, dass da mehr ist als nur ein Mensch. Und dieser von Gott in die Welt gesandte Menschensohn spricht unvergleichlich tröstliche Worte: „Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte, und er Lebendige. Ich war tot. Doch nun lebe ich in alle Ewigkeit. Und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Offb 13,17-18).

Diesem Wächter zum Tor des Lebens dürfen wir vertrauen. Er kann jeden noch so fest verschlossener Raum aufschließen – auch das Tor zum Dunkel des Todes. Er wird alle herausführen und der Macht des Todes und der Sünde entreißen. „Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht“, hat der Apostel Jakobus in seinem Brief geschrieben (Jak 2,13). Das ist unsere Chance, zum Leben zu kommen und am Leben Gottes Anteil zu erhalten.

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