Paradoxien im Leben

Ein Mensch schaut in die Zeit zurück
und sieht: sein Unglück war ein Glück.

(Eugen Roth)

Wenn die Trappisten einen verstorbenen Mitbruder bestatten, sprechen sie beim Aufrichten des Grabkreuzes: „Das Kreuz steht, während die Welt sich dreht“.

Einen festen Standpunkt „inmitten kreisenden Welten“ zu haben, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen, das ist unsere alte Sehnsucht. Unser Herz verlangt danach, trotz vielseitiger Beschäftigungen einen ruhenden Punkt zu finden. An weisen Frauen und Männer bewundern wir ihre ruhige Gelassenheit – auch in stürmischen Zeiten.

Aber unser Alltag gibt das nicht her. Der Wunsch, den der hl. Paulus schon an die Thessalonikier hatte, dass sie, „in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und ihr selbst verdientes Brot essen könnten“ (vgl. 2 Thess 3,12), wird selten erfüllt.

Unser Leben gleicht eher der Situation von Gefangenen, deren Freiheit gering und deren Handlungsspielraum stark eingegrenzt ist. Die einschließenden Mauern sind die Hindernisse bei der Verwirklichung unserer Pläne und Wünsche. Nicht selten werden uns Steine in den Weg gelegt, erhalten wir trotz aller Bemühungen sogar Prügel – wenn auch nicht in der z.B. vom Hl. Paulus erlebten Direktheit (vgl. Apg 16, 22-24).

Gefängnisse und ihre Auflösung haben es in sich – an Guantanamo sei hier nur nebenbei erinnert. Man muss das Leben gar nicht erst schlecht reden. Der Realismus zwingt uns dazu, die Doppeldeutigkeit und Paradoxie unserer Lebenswelt wahrzunehmen.

Das größte Paradox im Christentum ist das Kreuz. In der Osterzeit haben wir es kühn als Ort des Heils bekundet. In der Liturgie der Osternacht besingt die Kirche jedes Jahr die glückliche Schuld, die einen solchen Erlöser hervorgebracht hat (vgl. Exultet). Ein gewagtes Bekenntnis! Denn Schuld ist und bleibt ein Übel, das durch Ethik und Moral tunlichst zu vermeiden wäre. Niemand hat es gewagt, in den zurückliegenden Enthüllungen über Missbrauch und Gewalt in der Kirche den paradoxen Gedanken einer „glücklichen Schuld“ auch nur anzudenken.

Nikolaus von Kues, Philosoph, Mathematiker und Bischof von Brixen (1401-1464) hat in seiner Formel „coincidentia oppositorum“ (Zusammenfall der Gegensätze) die Parodoxie als Strukturprinzip der Wirklichkeit entdeckt.

Was könnte dieser kühne Gedanke für die Gestaltung unseres Alltags hergeben?

  1. Jede Veränderung der Wahrnehmung ist ein Prozess und darf die vorausgehende und die nachfolgende Phase nicht außer Acht lassen. Ignatius von Loyola schlägt deshalb vor, in Zeiten des „Trostes“, wo man „con sol“=mit der Sonne“ gehen kann und damit consolatio=Trost empfindet, die Erinnerung an die Zeit des „Misstrostes“ zu wahren. Umgekehrt solle man in dunklen Zeiten nicht auf die Sonne vergessen, die ohnehin nur kurzzeitig hinter den Wolken verschwunden sei.
  2. Allen Vorfindlichem  zum Trotz sollte man eine Haltung der „Verblüffungsresistenz“ üben. Denn nicht, was sich vordergründig zeigt oder uns gar nur über die Medien angezeigt wird,  ist schon die ganze Wirklichkeit, sondern was in den Ereignissen verborgen anwest. Charles Pegy hat ein kühnes Wort geprägt: „Die Ereignisse – sagt Gott – das bin ich“!
  3. Erfahrungen positiver oder negativer Art lassen sich nicht einfach verrechnen. Das Scheitern von Plänen ist bitter, manchmal auch unausweichlich. Im Sterben wird das Scheitern sogar auf die Spitze getrieben. Und dennoch hören wir bis heute die Botschaft: „Im Tod ist das Leben“. Umgekehrt aber sind alle Versuche, sich die Lust am Leben und an einem bescheidenen täglichen Glück durch den angeblichen „Neid der Götter“ vergällen zu lassen, lieblos und unmenschlich.

Der Mensch ist und bleibt eingespannt zwischen oben und unten (Himmel und Erde), rechts und links (richtig und falsch). Als ewig Suchender wird er nur zur Ruhe kommen, wenn er diese „Kreuzigung“ auf sich nimmt und im Angesicht des „Gekreuzigten“ geschehen lässt.

Ein weiser Mann sagte mir einmal: „Am Sterben ist alles gelegen“. Auf dieses Fadenkreuz hin zielt das Leben des Christen. Christsein ist die einzig mögliche und sinnvolle Paradoxie.

Deshalb kann man auch hören, was in den biblischen Geschichten manchmal so rätselhaft überliefert wird. So ist etwa die Befreiung des Paulus und Silas aus dem Gefängnis – ein Erdbeben hat es wohl möglich gemacht – kein einmaliges Ereignis, sondern eine Neuinszenierung vergleichbarer Ereignisse. Petrus etwa wird aus seinem Jerusalemer Gefängnis befreit. Die Tore springen wie von selbst auf. Und ist nicht der vom Grab Jesu weg gewälzte Stein ein ähnliches Widerfahrnis? Oder der Loskauf des in die Zisterne geworfenen Josef – wie seine spätere Entlassung aus dem Kerker durch den Pharao in Ägypten?

Entlassung aus den Gefängnissen, Befreiung von Fesseln und Ketten – das alles sind Verheißungen der Frohen Botschaft. Und wenn Jesus seinen Freunden zumutet, dass sie jetzt ohne seine fühlbare körperliche Nähe auskommen müssen und darüber Trauer empfinden, so hat er paradoxerweise einen anderer Tröster vor Augen, den alles recht machenden Hl. Geist, der wie eine „Gut-Geh-Kraft“ für alle, die glauben, bereit steht.

In der Pfingstzeit tun wir gut daran, auf das Geschenk der Geisteskraft zu bauen. Das könnte uns helfen – wie Paulus wünscht – in Ruhe unserer Arbeit nachgehen – und den Sorgenpegel niedrig halten.

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