Petrus und Johannes, zwei verschiedene Freunde Jesu

Predigt am 3. Sonntag der Osterzeit – 18.04.2010

(Lesungen: Apg 5,27b-32.40b-41 / Joh 21,1-19)

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Wir haben heute einen sehr langen Text aus dem letzten Kapitel des Johannesevangeliums gelesen.

Der Evangelist Johannes liebt die Symbolsprache. Worauf es ihm ankommt, erschließt sich viel mehr in Bildern als in sachlichen Argumenten. Sein Evangelium rührt das Herz mehr an als den Verstand. Die Tradition nennt ihn vielleicht auch deshalb den Lieblingsjünger Jesu. In ungebrochener Freundschaft steht er zu Jesus – übrigens als einziger der zwölf auch unter dem Kreuz. Johannes ist der Gegentyp zu Petrus, von dem im heutigen Evangelium auch die Rede ist.

Diesen Petrus, wollen wir heute etwas näher in den Blick nehmen. Vielleicht können wir von ihm etwas lernen.

Erstens erzählt der Evangelist, dass Petrus und die anderen Jünger nach der Kreuzigung Jesu und den unglaublichen Berichten der Frauen über seine Auferstehung nach Galiläa zurückgehen – an ihren alten Arbeitsplatz als Fischer am See Genezareth. Das klingt fast so, als ob die drei Jahre in der Nachfolge Jesu ein einmaliges Ereignis ohne zukünftige Bedeutung gewesen sei.

„Ich gehe fischen“, sagt er – und seine Freunde antworten: „Wir kommen mit“. – Ist das nicht schon ein versteckter Hinweis auf die spätere Führungsrolle des Petrus?

Zurückgehen an den Arbeitsplatz und das tun, was man immer schon getan hat – nichts Außergewöhnliches mehr, sondern das Vertraute und Normale. Wir kennen das auch: dem grauen Alltag können wir nicht entkommen, auch wenn wir noch so oft besondere Erlebnisse suchen und finden.

In dieser Nebensache steckt schon eine Botschaft:

Christsein geschieht offenbar am täglichen Arbeitsplatz, nicht so sehr in außergewöhnlichen Situationen und Ereignissen, nicht in Fest- und Großveranstaltungen, Jubiläen, Aufzügen und Massenversammlungen, in aufwändigen Pilgerreisen …, sondern im ganz gewöhnlichen täglichen Leben.

„Ich gehe fischen“ – das ist die Tageslosung für jeden von uns in allen denkbaren Variationen.

Zweitens erzählt Johannes von einer Erscheinung Jesu – im Morgengrauen, also im Zwielicht, wo man noch nicht klar sehen und erkennen kann.

Ein Fremder wird vermutet. Für Johannes ist dieser Fremde der Vertraute – er spürt es im Herzen. Petrus nicht.

Wieder eine bemerkenswerte Symbolik.

Der Lieblingsjünger Johannes erkennt eher, der handlungsorientierte Petrus setzt die Erkenntnis des anderen in die Tat um. Er lässt sich von Johannes sagen: „Dieser mutmaßliche Fremde ist der Vertraute – Es ist der Herr!“ – und sofort springt Petrus ins Wasser, um schwimmend schneller als mit dem Boot zu Jesus zu kommen.

Halten wir fest:

Er scheint zu stimmen, was Antoine de Saint- Exupery gesagt hat: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar“.

Und Drittens ist da ein unerwartet erfolgreicher Fischfang.

Der Evangelist Johannes wollte den frühen Christengemeinden damit verdeutlichen, dass nichts ohne den Herrn geht. Und dass alles möglich ist, wenn der Orientierungs- und Bezugspunkt Jesus Christus, der Herr, bleibt. Für Christen darf die Hauptsache – besser die „Haupt-Bezugs-Person“ nicht übersehen werden.

Im Christentum geht es ja nicht um eine Lehre, sondern um eine Person. Jesus Christus hat – wie es im Galaterbrief heißt, „in allem den Vorrang“.

Wer diesen Satz einmal für längere Zeit meditiert, kann eine interessante Erfahrung machen. Sein Innenleben ordnet sich neu. Das ist wie wenn man Eisenfeilspäne in die Nähe eines Magneten bringt. Sie richten sich automatisch am Magnetfeld aus – ein schönes Spiel mit viel Symbolkraft:

Jesus Christus ist wie ein ordnender Magnet in meinem von vielen Interessen und Aufgaben zerstreutem Leben! Jesus Christus soll also in allem den Vorrang haben. Dann wird sich Vieles sinnvoll und wie von alleine ordnen und neu ausrichten!

Die Schlussszene des Evangeliums heute kann man nicht ohne Betroffenheit lesen, weil Petrus durch die dreimalige Frage an seinen dreimaligen Verrat erinnert wird. Der Eiferer Petrus wurde am Kohlenfeuer im Hof des Hohenpriesters schwach. „Deine Sprache verrät dich“, sagte eine Magd. „Du bist auch einer von den Galiläern“. Das heißt: Du gehörst doch auch zu den Sympathisanten dieses Aufrührer Jesus von Nazareth. Galiläa war ja verschrien als Rekrutierungsfeld für allerlei Gesindel. „Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen“, sagten die Leute damals, als sie von Jesus zum ersten Mal hörten.

Von dort kamen also die Aufrührer. Und ein Aufrührer wollte Petrus gerade jetzt nicht sein. Er hatte Angst, auch ihm könnte der Prozess gemacht werden. So leugnete Petrus, Jesus zu kennen.

Am Kohlenfeuer im Hof des Hohenpriesters wurde Petrus schwach. Am Kohlenfeuer in Galiläa am See Genezareth wird Petrus wieder stark.

Die peinliche Frage nach seinem Verhältnis zu Jesus beantwortete er jetzt mutig und ehrlich. Denn ein Liebender war er immer gewesen, nur war seine Liebe manchmal vom eifernden Verstand wie eingekerkert und nicht so frei wie die des Johannes.

Die ganze Geschichte am See endet mit drei Worten: FOLGE MIR NACH. Das ist das einfachste Programm. Das ist Christentum auf einen Nennen gebracht. Christsein ist ein immerwährender Vorgang, keine ein für allemal erworbene Lebenseinstellung.

Selbst die Tatsache, dass ausgerechnet dieser Petrus und nicht der Lieblingsjünger Johannes den Auftrag Jesu erhielt, die Rolle des guten Hirten und ersten im Jüngerkreis zu spielen, mag manche verwirren. Wenn wir nur kurz in unsere aktuelle Kirchengeschichte schauen, könnten wir mit ähnlicher Verwunderung fragen, warum vor fünf Jahren ausgerechnet Kardinal Josef Ratzinger Papst geworden ist und nicht ein anderer – nach unseren Maßstäben vielleicht aufgeschlossener Kirchenmann. Die Frage ist müßig – wir kennen die Wege Gottes nicht. Später werden wir mehr verstehen als heute.

Johannes und Petrus – zwei Gestalten in der Nähe Jesu – zwei Gestalten auch in meiner Seele?

Wer von beiden ist mir näher. Wen möchte ich besser kennen lernen? Ab und zu brauchen wir solche nach innen führende Fragen, damit wir den Hauptdarsteller im Spiel unseres Lebens nicht vergessen – Gott in der Menschengestalt Jesu – damit aus Verleugnung Bekenntnis wird – aus Zweifel Glaube – aus Orientierungslosigkeit Orientierung auf das letzte und wichtigste Ziel unseres Lebens, auf Gott selbst durch unseren Herrn Jesus Christus.

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