Wer nicht hören will, muss fühlen …

Predigt am 4. Sonntag in der Osterzeit – 25.04.2010

(Lesungen: Offb 7,9.14b-17 / Joh 10,27-30)
Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören!

Ein altes Sprichwort sagt: „Wer nicht hören will, muss fühlen“. Oft wurde dieses Wort in der Kindererziehung als Drohung gebraucht: wer den Gehorsam verweigerte, musste damit rechnen, dass ihm dieser mit handfester Gewalt beigebracht wurde. Daran wurden wir gerade in jüngster Zeit wieder schmerzlich erinnert. In der Prügelstrafe sollten die Kinder fühlen, wenn sie nicht hören wollten. Die tiefere Bedeutung dieses alten Sprichworts ist aber dadurch verloren gegangen.

Was könnte denn sonst noch gemeint sein mit dem HÖREN und was mit dem FÜHLEN?

Wir lernen das Leben immer nur in kleinen Schritten. Niemand weiß schon von Anfang an genau, wohin seine Lebensreise geht. Wer eine Reise antritt, hat zwar ein Ziel vor Augen, aber den Weg dorthin muss er erst gehen – und da kann es zu allerlei Überraschungen, Umwegen oder kurzzeitigen Abwegen kommen.

Unterwegs sind wir – wie Pilger. Ein bekanntes Kirchenlied drückt es so aus: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ew’gen Heimat zu“ (GL 656). Das haben wir oft genug bedacht; unser ganzes irdisches Leben verstehen wir als eine Pilgerschaft. Wer lange unterwegs ist, tut gut daran, sich wenigstens für schwierigen Passagen einen kundigen Reiseführers zu suchen.

An diesem Bild möchte ich anknüpfen beim Bedenken der Worte Jesu im heutigen Evangelium: Im 10. Kapitel des Johannesevangeliums deutet Jesus seine Sendung im Bild eines Hirten, der seine Schafe auf gute Weide führt, der sie ein Leben lang begleitet und für sie sorgt. Das Verhältnis Jesu zu den Seinen kann nicht schöner und anschaulicher beschrieben werden als im Bild eines sorgenden Hirten. Hirt und Herde sind eine unzertrennliche Lebensgemeinschaft. Eine Voraussetzung für das Gelingen dieser Beziehung aber ist, dass die Schafe auf die Stimme des Hirten hören.

Wer sich also in der Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus aufhält, braucht keine Angst mehr zu haben vor den Gefährdungen des Weges, er muss sich nicht mehr sorgen, sein Ziel zu verfehlen. Niemals werden die Seinen zugrunde gehen, sagt Jesus. Denn sie gehören zu ihm – und Er gehört zum Vater. D.h. das Ziel der Lebensreise, nach der irdischen Pilgerschaft in das ewige Leben beim Vater heimzukehren, ist nicht gefährdet, wenn es eine Beziehung des HÖRENS gibt. Gibt es diese Beziehung des HÖRENS nicht, dann gibt es auch keine Zu-gehörig-keit; dann hängen die Menschen irgendwie in der Luft, beziehungslos, heimatlos, umherirrend wie in einem fremden Land.

Im Psalm 107 wird dieser Zustand der Beziehungslosigkeit in einem ständig zu wiederholenden Kehrvers beschrieben; da heißt es über Israel: Sie, die umherirrten in der Wüste, in der Steppe den Weg nicht fanden, die am Ende waren mit ihrer Weisheit – und die dann schrien zum Herrn, der sie dann erhörte.

Darin spiegelt sich das ganze Drama eines gelingenden oder scheiternden Lebens. Beziehungslos leben heißt: nicht hören auf die Stimme Gottes und deshalb aus Führung und Begleitung herausfallen, den rechten Weg verlieren und Umherirren in wegloser Wüste – so lange, bis es einem zu viel wird und man wieder nach Gott zu schreien beginnt.

Es stimmt also doch, was das Sprichwort sagt: Wer nicht hören will, muss fühlen. D.h. er muss das Elend der Beziehungslosigkeit, des Umherirrens in der wegloser Wüste seines Lebens, an Leib und Seele zu spüren bekommen, leidvoll fühlen.

In einer endzeitlichen Vision sieht der greise Apostel Johannes auf Patmos eine große Schar von Menschen aus allen Nationen und Stämmen, aus allen Völkern und Sprachen. Sie sind angekommen am Ziel ihrer Lebensreise. Sie gehören nun endgültig zu Gott. Das wird inszeniert in einer großen Versammlung um den Thron Gottes. Gott schlägt ein schützendes Zeltdach über ihnen auf. Die Sonnenglut und die sengende Hitze lasten nicht mehr über ihnen. Es gibt keinen Hunger mehr und keinen Durst. Leben spendendes Wasser fließt in Fülle – und, was man nicht überlesen darf – Gott wischt alle Tränen von ihren Augen ab.

Das ist das Ziel – auch unseres Weges: ein umfassendes Erlebnis von Trost und Geborgenheit in Gott. Es ist – wie man früher sagte – die Glückseligkeit oder ganz einfach der Himmel. Wir kommen diesem Ziel umso sicherer nahe, je mehr wir die Haltung des Hörens einüben, je mehr wir unsere innere Aufmerksamkeit auf Gott hin lenken.  Dann geschieht schon heute, was wir im Vaterunser beten:  „wie im Himmel so auf  Erden“.

Das geht gar nicht so einfach, aber es gelingt immer wieder einmal, wenn wir uns loslösen von den täglichen Beschäftigungen und in die Stille, in die äußere Ruhe, gehen. So z.B. an einem Sonntag wie heute.

Warum könnte nicht folgender Gedanke an diesem Sonntag in unserem Herzen Platz finden: Der Herr ist mein Hirt. Von ihm darf ich alles erwarten. So will ich mein Ohr öffnen, um seine Stimme zu hören und ihm zu folgen. Umso sicherer wird mein Leben gelingen, jetzt schon unterwegs – und zum Ende meiner Lebensreise.

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