Abschiednehmen und Ankommen

Predigt am 5. Sonntag in der Osterzeit – 02.05.2010

(Lesungen: Apg 14,21b-27 / Offb 21,1-5a 13,31-33a.34-35)
Alle liturgischen Texte (hier)

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Wann haben Sie in letzter Zeit einen Abschied erlebt, der ihnen zu Herzen gegangen ist?

Diese sehr persönliche Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Denn wir erleben viel mehr Abschiede, als wir verkraften können. Unser Leben gleicht einem ständigen Kommen und Gehen. Zusammenkünfte und Abschiede haben zugenommen.

Früher war das anders. Kontakte waren seltener, Beziehungen umso intensiver. In ländlichen Gegenden lebten die Menschen nicht so dicht beieinander. Man sah sich manchmal nur am Sonntag beim Kirchgang, beim Frühschoppen im Wirthaus oder zufällig auf dem Feld oder auf einem Spaziergang. Umso fester war man in Großfamilien und in der Verwandtschaft miteinander verbunden und aufeinander angewiesen.

Und wer da – aus welchen Gründen auch immer – Abschied nahm, weil er etwa in die Stadt zog oder – wie man sagte – weg-heiratete, oder wer starb, der hinterließ ein starkes seelisches Abschiedsgefühl. Es ist eine Binsenwahrheit: je näher man einem Mensch steht, umso mehr fürchtet man sein Weggehen.

Wir dürfen annehmen, dass es im Kreis der 12 um Jesus von Nazareth ähnlich war, als ihnen langsam dämmerte, dass seine Abschiedsstunde immer näher rückte.

Der Evangelist Johannes hat diese Stimmung in den sog. „Abschiedsreden“ zusammengetragen. Es sind Worte Jesu, Gespräche und Zeichenhandlungen – in mehreren Kapiteln. Vor und nach Ostern werden im Gottesdienst Passagen aus dieser Abschiedszeit oft vorgelesen.

Eine der eindrucksvollsten Zeichenhandlungen hören wir jedes Jahr am Gründonnerstag: die Fußwaschung. Als offen zu Tage trat, dass der Verräter Judas heißt und das Todesschicksal Jesu nicht mehr aufzuhalten war, wurde die Atmosphäre bedrückend. Nachdem Judas frühzeitig die Abendmahlsrunde verlassen hatte, setzte Jesus noch einmal an – mit Abschiedsworten an seine Jünger. Wenige Sätze davon haben wir eben gelesen.

Man könnte sie so verstehen:

Weil Abschiedsstunde ist und Jesus nur noch für eine kurze Zeit bei den Jüngern sein kann, ist für überflüssiges Gerede kein Platz mehr. Nur das Allerwichtigste muss noch einmal gesagt werden – und das ist die Ermahnung zur gegenseitigen Liebe.

So etwas erinnert uns an vergangene Erzählungen über das Sterben eines Familienoberhauptes im Kreis seiner Lieben. Häufig sagten sie zu ihren Angehörigen am Sterbebett: Haltet zusammen und streitet nicht! Diese Mahnung war schon fast selbstverständlich, als ob es so sein müsste, als ob man gar nichts anderes erwartete, das Leben gar nicht anders gelebt werden könnte!

Wir ahnen, dass sich das Leben vor allem in Abschiedsstunden verdichtet. Wie wenn ein Film abläuft, in dem noch einmal Höhen und Tiefen angeschaut und die heilsame Erkenntnis gewonnen wird, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Auch in den beiden Lesungen – aus der Apostelgeschichte und aus der Geheimen Offenbarung – begegnen uns ähnliche Lebensweisheiten.

Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen, sagen etwa Paulus und Barnabas, bevor sie eine Gemeinde verlassen und zur nächsten weiterziehen. Sie sind unterwegs und tragen die frohe Botschaft vom liebenden Gott und seinem anbrechenden Reich von einem Ort zum anderen.

In der Geheimen Offenbarung liest sich das so:

Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen – Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein. Gott wird bei ihnen sein.

Dieses Unterwegs-Sein, das Ankommen und wieder Abschiednehmen, ein Hin- und Herwogen der Stimmungen, dieses ganze bunte Leben und Treiben – wird sich eines Tages beruhigen und besänftigen. Und was wird dann sein?

In den großen Visionen des Sehers auf Patmos, des hl. Johannes, erhalten wir eine Ahnung davon, wenn er schreibt:

Gott wird alle Tränen abwischen (auch alle Abschiedstränen!) Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Throne saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.

Kein Mensch kann leben ohne Hoffnung und ohne positive Erwartungen in die Zukunft. Selbst wenn alles düster herschaut, halten wir an den Verheißungen Gottes fest. Und je mehr wir uns um das einzig Wichtige bemühen, um das Einander Ertragen, einander Lieben, umso mehr wächst das kleine Senfkorn Hoffnung – wie es in einem neuzeitlichen Lied heißt – und gibt Kraft, jeden neuen Tag zu bestehen.

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