Vertröstung oder Trost. Wie das Evangelium verstanden wird

Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit – 08.05.2010

(Lesungen: Offb 21,10-14.22-23 / Jo 14,23-29)
Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können sie die Predigt anhören!

Stellen Sie sich vor: ein junger Mensch, der keine Beziehung zur Kirche mehr hat, geht aus bloßer Langeweile und Neugier in eine Kirche ihrer Stadt. Dort hört er beim Gottesdienst gerade die Lesung und das Evangelium vom heutigen Sonntag. Wie meinen Sie, würde er reagieren?

Würde er nicht bald wieder auf die Straße gehen und seine Meinung über das Reden in der Kirche nur bestätigt sehen: „Das ist doch alles nur Vertröstung auf ein Jenseits. Aktuelle Probleme meines Lebens kommen da nicht vor. Ich höre keine praktischen Hinweise, wie mein Leben hier und heute gelingen kann. Die Kirche ist altmodisch. Ihre Botschaft ist überholt und taugt nicht mehr in unsere Zeit“.

Ich könnte diesen jungen Menschen verstehen, ihn aber trotzdem einladen, die Texte der Hl. Schrift genauer zu betrachten. Vielleicht stellte sich heraus, dass seine Enttäuschung nur die Folge einer recht oberflächlichen Begegnung mit dem Wort Gottes war.

Es stimmt: in der Offenbarung der Johannes, dem einzigen prophetischen Buch des NT, wird dem Leser die Erfüllung seiner Sehnsucht im Bild einer neuen Stadt vorgestellt: das Leben dort wird als Zustand vollkommener Zufriedenheit einfach glücklich gepriesen.

Eine Stadt bedeutete schon damals Geborgenheit, Sicherheit, Unterhalt und Verpflegung. Auch noch im MA waren Städte gute Orte für das Leben und Überleben – vor allem in Notzeiten. Sie waren umgeben von starken Mauern, bewehrt mit hohen bewachten Türmen, ausgestattet mit Vorratsspeichern für alles zum Leben Notwendige. Wer Bürger einer Stadt war, durfte sich glücklich schätzen.

In Sicherheit und im Frieden wohnen dürfen – das ersehnen wir alle. Und gerade in unseren Tagen, wo sowohl der Friede als auch das Wohnen täglich bedroht sind, wissen wir beides zu schätzen und sind fassungslos über die anhaltenden Kriege überall auf der Welt, über Zerstörung von Wohnraum – auch durch Naturkatastrophen.

Wir können nicht mehr begreifen, dass in vielen Friedensgesprächen Waffenstillstandsabkommen zwar beschlossen, aber nicht eingehalten werden. Was ist das für ein Friede, so fragen wir, der ausgehandelt und doch wieder aufgekündigt wird?

Den Wortlaut solches Abkommen kennen wir nicht. Aber wir ahnen, dass es oft nur ein Ausgleich materieller Interessen, eine Neuverteilung der Macht und nur bestenfalls der Güter ist. Reicht das allein schon aus? Kann ein Friede Bestand haben, der sich nur auf innerweltliche Werte stützt?

Jesus hat in seiner Abschiedsrede von einem Frieden gesprochen, „den die Welt nicht kennt“. Was meinte er damit? – Verweilen wir kurz bei unseren Erfahrungen. Friede und das Gefühl von Geborgenheit haben wir dann, wenn alle jene Bereiche unseres Lebens, die wir selbst nicht im Griff haben, aufgehoben sind in der Macht eines Anderen, dem wir vertrauen können.

Wenn es einen Menschen gäbe, dem ich restlos vertrauen könnte, würde mich nichts mehr aus der Ruhe bringen. Keine Angst um die Zukunft würde mein Herz quälen. Keine Sorge um vergangene Fehler mich belasten. Wenn es einen solchen Menschen gäbe!

Ist es redlich zu sagen: den gibt es nicht? Ist es erlaubt zu sagen: den gibt es? – Im Laufe des Lebens begegnen wir vielleicht einmal einem Menschen, der diese Geborgenheit und diesen Frieden ausstrahlt – aber auch dieser Mensch wird irgendwann einmal enttäuschen. So werden wir – unserer Sehnsucht nach Frieden kaum auf der Spur – doch wieder zurückgeworfen und ernüchtert wegen der Schwächen und Unvollkommenheiten unserer Mitmenschen.

Wie aber, wenn dieser gesuchte und ersehnte Mensch Jesus wäre? Wir erleben, dass Friede und Sicherheit durch Mitmenschen vermittelt wird. Wenn nun Gott seinen Frieden vermitteln will, kann er das nur, wenn er Mensch wird und uns in menschlichen Gebärden begegnet. Genau das aber hat Gott in Jesus getan: Jesus war – im Äußeren wie ein Mensch – der Sohn des lebendigen Gottes, der einzige und wirkliche Garant und Bringer des Friedens.

Gott hat in Jesus von Nazareth mitten unter uns gelebt. Vor seinem Abschied aus dieser Welt sagte er: „Ich gehe fort und komme wieder zu euch. Ich habe es euch jetzt gesagt, bevor es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es geschieht“.

Ankunft und Abschied, Nähe und Distanz sind die beiden Pole, um die die geheimnisvolle und immerwährende Gegenwart Gottes unter uns kreist. Der Abschied Jesu von dieser Welt will uns zu einem „Sprung des Glaubens“ veranlassen, eines Glaubens an seine neue, andere Gegenwart im Hl. Geist.

Sich dem Mensch gewordenen Gott Jesus Christus anvertrauen, heißt einerseits dem Mitmenschen zutrauen, dass er friedenfähig ist und andererseits bereit sein, von ihm Abschied zu nehmen. Denn der Mitmensch ist immer nur ein unvollkommenes Zeichen Gottes und seines ganz anderen Friedens, den die Welt nicht kennt.

In unserem Mühen um Frieden sollen wir also den Weg zum Mitmenschen nicht verlassen: es ist der richtige Weg, auch wenn Enttäuschungen unausweichlich sind. Wir können sie verkraften, weil der Glaube an Jesus über den konkreten Mitmenschen hinausweist auf Gott. Der Friede und das sichere Wohnen haben seine Wurzeln in der neuen Welt Gottes und nur wenn beides dort verwurzelt ist, hat der Mensch eine Chance, mitten in den Gefährdungen seines Lebens zuversichtlich unterwegs zu bleiben. Sein endgültiges Ziel ist doch die neue Stadt, das himmlische Jerusalem, das uns mit Sicherheit erwartet.

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