Wer ist Jesus?

Predigt am 7. Sonntag in der Osterzeit – 16.05.2010

(Lesungen: Offb. 22,12-14.16-17.20 / Joh 17,20-26)

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören!

Von Jesus Christus sprechen wir beim Gottesdienst in der Predigt. Seine Gestalt steht auch heute wieder im Mittelpunkt der Lesungen. Nach der Offenbarung des Johannes ist er der Herr der ganzen Welt: der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende, einer, der umsonst „Wasser des Lebens“ spendet und einer, der bald kommen wird …

… und nach dem Evangelium des Johannes ist Jesus ein betender Mensch: er spricht in rätselhaften Worten zu Gott wie zu einem Vater, bittet um die Einheit unter den Menschen und redet von einer Liebe, die niemanden ausschließt.

Wer ist dieser Jesus?

Wir haben natürlich Antworten parat. Wir wissen noch einiges aus dem Religionsunterricht. Und in Staaten, in denen Religionsfreiheit herrscht, ist öffentliches Reden über Jesus möglich.  Jeder kann sich über Bildungsveranstaltungen und Gottesdienstbesuche kundig machen. Immer häufiger beschäftigen sich bei uns auch die großen Magazine mit ihm – und die Bücherflut über ihn reißt ohnehin nicht ab.

Dennoch scheint sich das Interesse in Grenzen zu halten. Nur selten ist Jesus Christus auch Gegenstand gesellschaftlicher Gesprächsrunden. Wenn überhaupt nach ihm gefragt wird, dann so, wie man sich mit anderen Gestalten der Weltgeschichte befasst: mit Politikern, Feldherren, Wissenschaftlern u.a.  Manchmal ist es einfach nur die Neugier, über einen ausgewöhnlichen Menschen etwas mehr zu erfahren.

Die entscheidende Frage aber, wer dieser Jesus für mich ist, wird kaum gestellt!

Kann man so der Gestalt des Jesus von Nazareth gerecht werden? Ich glaube nicht. Der Zugang zu Jesus ist anders; und die Wege zu ihm vielgestaltig. Manche Menschen hegen eine neue Sympathie für ihn – wegen seiner Menschlichkeit. Wir treffen auf Zeitgenossen, die sich von der Kirche verabschiedet haben, aber von Jesus persönlich viel halten: sie sagen dann: Jesus ja – Kirche nein!

Fragt man nach, wie sie sich die außergewöhnliche Wirkung Jesu erklären könnten, dann sagen sie: so etwas geht eigentlich gar nicht. Wie Jesus nach dem Zeugnis des Evangeliums gelebt hat und wie die ersten Christen seine Botschaft der gegenseitigen Liebe in die Tat umgesetzt haben, das kann es in Wirklichkeit gar nicht geben. Wahrscheinlich haben seine Anhänger maßlos übertrieben,  wenn z.B. Lukas in der Apostelgeschichte schreibt: „Sie (die Jünger Jesu) hatten alles gemeinsam“ – als ob es keinen Privatbesitz geben dürfte. Wenn es wirklich so war, dann nur in der anfänglichen Begeisterung,  als historischer Ausnahmezustand.

Wie kann man zudem von einem Menschen erwarten,  was Jesus in seiner Bergpredigt gesagt hat: die Armen, die Trauernden, die Verfolgten könne man selig zu preisen? In welches Menschenhirn sollen solche Zumutungen hineinpassen?

Also: mit dem gewöhnlichen Denken scheitern wir an der Person und Gestalt Jesu und seiner Botschaft. Irgendwie bleibt er uns rätselhaft und fremd. Und sein Einfluss auf unser Leben geht gegen Null. Lieber schlagen wir uns mit unserer eigenen Lebenserfahrung herum – in dem Bemühen, etwas einigermaßen Vernünftiges daraus zu machen.

Aber soll das wirklich alles sein? Dann könnten wir auch auf den Sonntagsgottesdienst verzichten. Wenn bloße Erinnerung an ein nie erreichbares Vorbild angesagt ist, können wir einpacken und die Religion als Luxus von Unerleuchteten und Schwärmern zur Seite legen.

Wenn wir erfahren wollen, wer Jesus für uns ganz persönlich ist, müssen wir eine Voraussetzung erfüllen, die sich am besten in einem Bild erklären lässt. In der Mathematik kennen wir Rechenvorgänge mit Klammern. Das Vorzeichen vor einer Klammer ist dafür maßgebend, welchen Wert die einzelnen Zahlen innerhalb der Klammer haben. Steht etwa ein Minus-Zeichen vor der Klammer, ändern sich bei der Auflösung der Klammer alle Werte, auch die positiven. Steht ein Plus vor der Klammer, bleiben alle Werte bei der Auflösung der Klammer erhalten. Auf das Vor-zeichen also kommt es an.

Wir setzen nicht selten ein Minus vor die Klammer unserer Lebensgeschichte und glauben dann zu wissen, wie es innerhalb der Klammer bei uns  aussieht. So machen wir uns zum Richter in eigener Sache.

Wie, wenn wir den Mut hätten, ein Plus vor die Klammer zu setzen, daran festzuhalten, was Paulus den Korinthern geschrieben hat:  „Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde – durch mich, Silvanus und Timotheus -, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht“ (2 Kor 1,19) – das Plus vor der Klammer!

Jesus hat seine Jünger  ermutigt,  dem Vater im Himmel alles zuzutrauen. „Glaubt an Gott und glaubt an mich“ – Man könnte übersetzen: gebt eueren negativen Klammergriff, mit dem ihr Euer Leben dauernd bewertet, auf.  Lasst los und lasst Euch von Gott um-armen, traut ihm alles zu, haltet Euch an ihn und an das positive Voreichen, das er in seiner unbegreiflichen Liebe zu uns gesetzt hat.  Das ist der inhaltliche Sinn von Glauben. Glauben heißt: sich fest-machen in Gott. In dem, was man nicht sieht, seinen Halt suchen.

Allmählich begreife ich, warum das Evangelium eine befreiende Botschaft ist. Befreiung bringt es, weil nicht ich mehr allein – in den Klammern meiner Angst – mein Leben bewerten muss, sondern weil mich einer mit unendlichem Erbarmen hält und trägt. In seine Hände hinein – kann ich mich loslassen. Das wollte Jesus seinen Freunden vor seinem Abschied aus dieser Welt vermitteln: das absolute Vertrauen in die liebende Fürsorge Gottes, den er seinen und unseren Vaters nennt.

Ob solches Vertrauen nicht unser Leben gewaltig verändern würde? Dann wäre die Frage entschieden, wer Jesus für mich ist: der treue und verlässliche Bote der Liebe Gottes des Vaters nämlich. Seinen Worten kann ich trauen – ich kann mich auf ihn verlassen – ich kann ihm glauben und ihm, was mein Leben betrifft, alles an-vertrauen. Das wird sich dann auf mein Lebensgefühl auswirken. Dann ist Jesus mehr als nur eine interessante geschichtliche Gestalt, die man irgendwie aus der Distanz heraus bewundern kann. Nein. Dann ist er mein Herr und mein Gott und mein Alles.

[print_link]

Print Friendly, PDF & Email