Sturmwind, ein unberechenbarer und unbekannter Gott

Predigt zum Pfingstfest – 23.05.2010

(Lesungen: Apg 2,1-11 / 1 Kor 12,3b-7.12-13 / Joh 14,15-16.23b.26)

Alle liturgischen Texte (hier)

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Fünfzig Tage nach Ostern feiern wir jedes Jahr ein Fest, dessen Name Pfingsten sich vom griechischen Pentecoste – „der fünfzigste Tag“ ableitet. Die Herabkunft des Hl. Geistes auf die im Gebet versammelte Gemeinde in Jerusalem steht im Mittelpunkt der biblischen Berichte. Pfingsten ist der Gründungstag der Kirche, der Anfang eines „neuen Weges“ zu Gott. An Pfingsten wird endgültig bestätigt, dass Jesus von Nazareth der Sohn des lebendigen Gottes ist und uns in seinem Kommen zur Welt den Reichtum seiner Gnade und seines Erbarmens geschenkt hat.

Kein Fest im Kirchenjahr belegen wir mit so vielen Hoffnungen: der Hl. Geist möge doch endlich den Ungeist unserer Zeit vertreiben, der Hl. Geist möge unsere begrenzte Erkenntnis sprengen, der Hl. Geist möge die zerstrittenen Völker und Nationen einen, den unseligen Kriegen ein Ende bereiten, die Trauernden trösten, die Einsamen aufrichten und uns selbst in strittigen persönlichen Fragen ein sicheres Urteil schenken.

Die Wunschliste könnten wir beliebig vermehren: immer geht es um mehr Klarheit, besseres Wissen, größere Kraft – einfach um jene Fähigkeiten, die das armselige Leben eines jeden von uns aufhellen und erlösen könnten, damit wieder Geschmack in den faden Alltag kommt und die Lähmungen der Seele und des Leibes verschwinden zugunsten einer neuen Freude und Lebendigkeit.

Wir sind anspruchsvoll. Und zwar zu Recht. Denn diese Wünsche sind ja nicht nur aufgrund unserer Mängeln und Schwächen entstanden, sondern finden sich als Verheißungen in der Bibel – auf vielen Seiten verstreut.

So sieht z.B. der Prophet Ezechiel in einer Vision, wie der Geist Gottes einem riesigen Feld mit Totengebein – Symbol der erstorbenen Hoffnung Israels – neues Leben einhaucht. Der Prophet Joel schaut wunderbare Zeichen am Himmel und auf der Erde, die sich in der Ausgießung des Gottes-Geistes über alles Fleisch manifestiert. Paulus spricht vom Seufzen der Schöpfung, die bis zum heutigen Tag in Geburtswehen liegt und sich unter dem Wehen des Geistes erneuern wird.

Und schließlich hat Jesus selbst vor seinem Abschied aus dieser Welt ausdrücklich die Gabe des Hl. Geistes verheißen: „Ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll“ (Joh 14,16). Und nach seiner Auferstehung geht er auf die verängstigen Jünger zu, haucht sie an und sagt ihnen: „Empfangt den Hl. Geist“ (Joh 20,22).

In der Apostelgeschichte (Apg 19,2) wird eine bemerkenswerte Begebenheit berichtet. Paulus fragt einige Jünger: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie antworteten ihm: Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt“. (Apg 19,2) Viele Christen würde heute wohl antworten: Im Religionsunterricht haben wir zwar etwas vom Heiligen Geist gehört, wir sind sogar gefirmt worden, aber etwas Besonders haben wir dabei nicht gespürt. Der Hl. Geist ist uns ein unbekannter Gott.

Es ist nicht leicht, dem Wirken des Geistes auf die Spur zu kommen. Im Zeitalter der Technik, der rational geplanten Menschenführung, der Massenmedien, der Psychologie ist alles in einem innerweltlichen System von Ursache und Wirkung erklärbar.

Ein jüdischer Rabbi hat es so ausgedrückt: „Wehe, die Welt ist voller Lichter. Aber der Mensch verstellt sie sich – mit seiner kleinen Hand“. Weil wir immer nur das Werk unserer Hände vor Augen haben, nur mehr um uns selber kreisen in rastlosem Tun und Schaffen, weil wir vor unseren eigenen Abgründen immer schneller davonlaufen, ist uns das Gespür für das verborgene Wirken des Gottesgeistes verloren gegangen.

Selbst innerhalb der Kirche scheint alles nur noch Betrieb und Aktion zu sein, kein Hinhören mehr auf eine vielleicht unbequeme Botschaft von Gott, dessen Hl. Geist noch ganz anderes vermag, als wir uns in unseren kühnsten Träumen auszudenken wagen. Wer hätte sich vor Jahren vorstellen können, in welch abgrundtiefe Krise die Kirche hineingeraten werde. Und wer konnte voraussehen, was sich beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München alles zugetragen wird? Für ängstliche Christen sind die Ereignisse ganz schön verstörend. Vor Ungewohnten haben wir immer Angst. Sicherer fühlen wir uns in unseren eigenen vier Wänden, im selbstgebauten Haus der Gesetze und Buchstaben, der Regelungen und Abgrenzungen. Aber der Hl. Geist wird als Sturmwind beschrieben. Wenn ein heftiger Sturm über das Land fegt, kann sich allerhand verändern.

Heute ist ein Tag, an dem wir aus unseren alten Gewohnheiten heraustreten, unsere Ängste überwinden und in die Richtung des Lebens aufbrechen sollten. Lassen wir uns vom Hl. Geist antreiben wie ein Boot, das seine Segeln in den Wind stellt und unverhofft Fahrt gewinnt. Das geht aber nur, wenn die Anker gelichtet werden. Solange wir ängstlich angebunden bleiben im Hafen unserer eigenen Bequemlichkeit und Angst, wird der Wind des Hl. Geistes keine Chance haben, unsere Leben nach vorne zu bewegen.

Wer mehr über den Hl. Geist wissen will, soll nicht nur um seine Gnadengaben beten, sondern soll seine Angst preisgeben und sie hineinlegen in den von Gott bereitgestellten Raum der Hoffnung. Was kann denn eigentlich passieren, was nicht von Gott in seiner unendlichen Liebe aufgehoben und gehalten wird? Pfingsten ist so auch ein Prüfstein unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unsere Liebe zum Herrn, ein Testfall dafür, ob wir uns wirklich an das Wort Jesu halten wollen. Dann nämlich wird eintreten, was Jesus versprochen hat: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“. (Joh 14,23) „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26).

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