Wörter machen Leute. Von der Magie und Macht der Sprache

Gesundheitsfördernde Einstellung zu Intuition und Vertrauen

Der Journalist Wolf Schneider hat vor Jahren mit seinem selbstkritischen Versuch über den Journalismus seine Kollegen zum Nachdenken bewegt. Nach gängiger Auffassung haben die Journalisten die Aufgabe, eine Schneise in das Chaos der Ereignisse zu schlagen, Orientierung zu bieten in einem Meer von Informationen. Ihr Werkzeug ist das Wort. Aber darin liegen Chancen und Gefahren. Denn: „Die Menschen lügen – alle“ (Psalm 116,11) Diese biblische Weisheit ist bis heute nicht widerlegt worden.

Das mag u.a. daran liegen, dass der Mensch als einziges Lebewesen sprachmächtig ist und sich zum Aufbau und Erhalt seines Selbstbildes der Sprache bedient. Wortlose Gesten der Behauptung von Macht und Revier sind uns aus dem Tierreich bekannt – und manche Menschen benehmen sich gelegentlich auch so. („Der benimmt sich wie ein Gockel“ – eine bayerische Bemerkung über stolze Zeitgenossen!).

Die Magie und Macht der Sprache ist also nur dem Menschen zugänglich. Wörter kommentieren und unterstreichen die Gesten. Und an dieser Nahtstelle kann ein schillerndes Gemisch menschlicher Lebensäußerungen entstehen, das den naiven Beobachter verwirrt. Soll er als Hörer oder Leser des Wortes seiner Intuition folgen, kritisch und „verblüffungsresistent“ bleiben oder soll er „Menschen verstehend“ allem vertrauen, was ihm vor die Sinne kommt?

Beide Fähigkeiten müssen zunächst einmal ausgebildet und gepflegt werden, um damit den Alltag zwischenmenschlicher Begegnungen befriedigende gestalten zu können. Denn diese Nahtstelle entscheidet – kaum zu glauben – auch über Gesundheit im weitesten Sinn des Wortes.

Gesundheit ist nicht nur das Funktionieren eines hochkomplexen biologischen Systems, sondern auch das gelingende Zusammenspiel der körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen des Lebens. Auf der Suche nach einer Balance zwischen Intuition und Vertrauen ist es also ratsam, diese vier Dimensionen im Blick zu behalten. Das gelingt nicht ohne Askese und mit einen besonnenen Lebensstil. Und es braucht Zeit und Geduld. Beides ist aber unter dem Druck, ständig hellwach präsent zu sein, um schnelle Ersturteile und Einschätzungen über Vorgänge und Ereignisse zu gewinnen, nicht zu leisten.

Deshalb ist der Rückzug in die Stille und Einsamkeit – zu Meditation und Gebet – unverzichtbar. Die buddhistische Lebenslehre kennt das Pendeln zwischen Markt und Einsamkeit. Nur wer immer wieder einmal in die Einsamkeit geht, kann – gestärkt und mit kritischer Unterscheidungsgabe ausgestattet – „auf den Mark“ (der Meinungen!) zurückkehren.

In der jüdisch-christlichen Lebenslehre gilt die gleiche Weisheit – mit einem feinen Unterschied. In der Einsamkeit und Stille darf der Menschen davon ausgehen, dass er nicht allein und einsam ist, sondern „all-ein(s)“. Das heißt im Sinne der Mystik, dass er mit dem Urgrund von allem Sein – mit Gott selbst – in Berührung und Kontakt kommen kann.

Der hl. Franziskus, ein Meister des Pendelns zwischen Markt und Einsamkeit (immerhin entstammte er einer Kaufmannsfamilie) hat den Zusammenhang zwischen den „Leute machenden Worten“ und dem inneren Wahrheitsgehalt über einen Menschen und seinen Worten mit einer unübertrefflichen Mahnung zum Ausdruck gebracht.

Seinen Mitbrüdern empfahl er: „Verkündet immer und überall das Evangelium, notfalls (!) mit Worten!“ Dieser Vorrang der Tat vor dem Wort kann als Unterscheidungshilfe gelten, wenn es darum geht, einem Ereignis, einer vollmundigen politischen Verheißung oder einer niederdrückenden Untergangsrede gegenüber besonnen zu bleiben. Und nur die Besonnenheit im Lebensstil bewahrt vor Krankheiten jeglicher Art.

Also gilt es, eine „gesundheitsfördernde“ Einstellung gegenüber intuitivem Urteil und blindem Vertrauen zu gewinnen. Der hl. Paulus hat seine offene Selbstauslegung im ersten Korintherbrief mit folgenden Worten zusammengefasst: „Mir macht es allerdings nichts (mehr) aus, wenn ihr oder ein menschliches Gericht mich zur Verantwortung zieht; ich urteile auch nicht (mehr) über mich selbst. Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, doch bin ich dadurch noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der mich zur Rechenschaft zieht und – an anderer Stelle sinngemäß – „der hat mich geliebt!“. (1 Kor 3,3-4).

Eine solche Frohbotschaft entlastet ungemein und gibt dem Leben die so selten gewordene heitere Gelassenheit.

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