Wer oder was heilt? Biblische Zeichen und Wunder im heutigen Verständnis

Predigt am 10. Sonntag im Jahreskreis – 06.06.2010

(Lesungen: 1 Kön 17,17-24 / Gal 1,11-19 / Lk 7,11-17)

Alle liturgischen Texte (hier)

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Was wir heute in der ersten Lesung und im Evangelium hören, wird viele von uns eigenartig berühren.

Der Prophet Elija heilt den todkranken Sohn einer allein stehenden Frau, bei der er in Miete wohnt. Und Jesus hält einen Leichenzug an und ruft den toten Sohn einer Witwe ins Leben zurück.

Kann denn so etwas wirklich wahr gewesen sein, fragen moderne Zweifler. Aber es steht doch in der Hl. Schrift, wenden wir ein, gehört also zu unserem Glaubenswissen, das doch den provokanten Satz kennt: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“

Wer aber hat Vergleichbares in unseren Tagen zu berichten? Warum erfahren wir Ähnliches heute nicht mehr? Und welchen tieferen Sinn könnten dann diese Zeichenhandlungen haben?

Wir wollen hier nicht über die theologische Frage reden, ob es Wunder gibt und wie diese heute aussehen könnten. Dass unerklärliche Heilungen auch heute noch geschehen, wird z.B. in Lourdes seit Jahrzehnten beobachtet und kritisch überprüft. Wenn sich z.B. ein unheilbarer Tumor ohne Therapie einfach zurückbildet, sprechen die Ärzte mit ihrer medizinischen Fachsprache von „Spontanremission“ (Spontanrückbildung oder –heilung) und verzichten auf jede Erklärung oder Deutung. Das gibt es einfach, sagen sie. Und andere Menschen sprechen dann von einem Wunder oder einem direkten Eingreifen Gottes in den Lebenslauf eines Menschen.

Wer in einem Gesundheitsberuf tätig ist und die Heilungserfolge der modernen Medizin erlebt, wird nicht selten auch sprachlos vor dem Verlauf einer schweren Erkrankung stehen. Er kann viele wissenschaftliche Gründe für den Erfolg oder Misserfolg einer Therapie aufzählen, muss aber immer wieder einräumen, dass man nicht mit absoluter Sicherheit voraussagen kann, ob menschliches Bemühen um Heilung wirklich erfolgreich ist. Andererseits wird er staunend „Heilungswunder“ erleben, an die er nie geglaubt hätte. Wir kennen heute Situationen, in denen Menschen nach damaligem Verständnis tot waren und auch in den Augen eines aufgeklärten Menschen chancenlos wie tot auf der Intensivstation liegen – und doch wieder genesen.

Bei den biblischen Berichten geht es aber nicht in erster Linie darum, ob es Wunder gibt oder nicht, sondern um die Frage, wer Gott ist und was es für uns Menschen bedeutet, mit ihm in eine heilende und Leben schaffende Beziehung zu kommen.

Elija tut das einzig Richtige, was wir ihm auch heute noch genauso nachmachen könnten: er appelliert an Gottes Mitleid, weil ihm der Kummer seiner Wirtfrau zu Herzen geht. Es betet nicht: „Bitte, heile dieses sterbenskranke Kind“, sondern: „Willst du – Gott – denn auch über die Witwe, in deren Haus ich wohne, Unheil bringen und ihren Sohn sterben lassen?“ Erst dann fleht er um Genesung.

Damit wird uns ein Beispiel gegeben, wie wir beten und bitten sollen. Wir sollen einfach – angerüht vom Mitleid gegenüber unsere Mitmenschen – vor Gott unser Herz ausschütten und nicht gleich auf ein spektakuläres Heilungswunder drängen.

Ähnlich ist die Situation, in die Jesus hineingeraten ist. Auch ihm geht der Kummer der Frau zu Herzen. Seine erste Reaktion ist ein Trostwort, nicht gleich die Totenerweckung: „Weine nicht!“, sagt er zu der Witwe. Man könnte ergänzen. „Glaube doch an Gottes unendliche Möglichkeiten, dem Leben trotz Krankheit, Leid und Tod, einen letzten Sinn zu geben. Als Zeichen für Gottes Allmacht wird dann die Totenerweckung sozusagen nur nachgereicht. Sie ist nicht das eigentlich wichtige Ereignis in dieser Szene. Denn der junge Mann ist mit Sicherheit später verstorben.

Immer geht es in den Erzählungen der Hl. Schrift darum, dass wir aus unserer beschränkten Sichtweise herausgelockt und zu einem hochherzigen Gottvertrauen eingeladen werden. Der hl. Paulus denkt genauso, wenn er den zweifelnden Galatern schreibt, dass sein Evangelium nicht von Menschen stammt, also keine klug erdachte Lebensweisheit ist. Er hatte Nichtjuden zum Glauben an Jesus Christus bewegen können. Den jüdischen Mitbewohner in Galatien war das nicht recht. Sie hielten daran fest, dass jeder, der Heil von Gott her erlangen will, zuerst beschnitten werden muss und dann die jüdischen Gesetze und Gebote genau einzuhalten habe. Dann erst könne er sich mit dem Messias Jesus anfreunden.

Da er selber ein gesetzestreuer Jude war, hatte er leidvoll erlebt, dass man das Heil nicht durch gewissenhafte Regel- und Gesetzerfüllung erlangt, sondern dadurch, dass man sich der rettenden und heilenden Macht Gottes bedingungslos anvertraut, so wie es Jesus Christus vorgelebt und gelehrt hatte. Im Glauben an Jesus Christus wird der Mensch gerecht, nicht durch Werke des Gesetzes und durch nachweisbare Leistungen. Das war ja die gute Nachricht, das Evangelium, das den Menschen zu einer neuen Freiheit verhalf – und auch da stand kein anderer als der zu Beginn zitierte Satz im Hintergrund: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“. Wo die Möglichkeiten des Menschen am Ende sind, fangen die Möglichkeiten Gottes erst an.

So werden die Lesungen des heutigen Sonntags für uns wieder einmal ein Anfrage an unser Vertrauen und an unserer Glauben an Gott. Man muss ihn gegen alle Zweifel und Widerstände immer wieder einüben. Und wenn wir ihn – wie gleich jetzt – gemeinsam bekennen, wird er seine heilende und entlastende Wirkung für uns alle nicht verfehlen.

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