Festpredigt zum Vitusfest

Das  Bezirksklinikum Regensburg feiert jedes Jahr den Patron St. Vitus
mit einem festlichen Gottesdienst.

(Lesungen: Gal 2,16.19-21 / Lk 7,36-50)

Viel ist über diese Textstelle aus dem Lukasevangelium schon gesagt worden. Sie schildert Gefühlsbewegungen, Begegnungen und Berührungen. „Viel Liebe zeigen – wenig Liebe zeigen“, könnte das Thema diese Evangeliums sein.

Der Zuhörer kann sich einen Reim daraus machen und wieder einmal über seinen Umgang mit den Mitmenschen nachdenken.

Gottes aufsuchende Barmherzigkeit steht im Mittelpunkt. Wie Jesus der Sünderin begegnet, wie er sie aufrichtet – den kritischen Blicken und dem Getuschel der eingeladenen Gäste zum Trotz – das ist Hinweis darauf, wie Gott mit uns durch alle Höhen und Tiefen unseres Lebens mitgehen will, auch dorthin, wo wir uns selber am liebsten nicht begegnen möchten, wo wir uns vor uns selber schämen. Gott bietet seine Barmherzigkeit an und wir dürfen sie annehmen in dem Maße, in dem wir sie benötigen. Barmherzigkeit ist die Art und Weise, wie Gott uns Nähe zeigen will.

Was war geschehen?

Eine als Sünderin verrufene Frau erfährt, dass Jesus bei einem Pharisäer eingeladen ist. Pharisäer rechnen sich zu den Menschen, die ihre Frömmigkeit ernst nehmen. Sie halten sich streng an alle Gebote und Vorschriften des Gesetzes. Gastfreundschaft gehört dazu und gilt zudem als besonderer Beweis für ein Gott wohlgefälliges Leben.

Der Pharisäer tut Gutes – er bewirtet einen Wanderprediger aus Galiläa, vielleicht auch deshalb, weil er ihn näher kennen lernen möchte.

Jesus aber ist bei seinen Glaubensgenossen umstritten. Wir lesen von vielen Streitgesprächen zwischen ihm und den Pharisäern. Einige wollen von ihm nichts wissen. Sie unterstellen ihm, dass er die Weisungen Gottes nicht ernst nimmt, sondern sich – nach eigenem Gutdünken – moderne Lebensregeln schafft. Angeblich setzt er sich über das Sabbatgebot hinweg, hält sich nicht an die Sitte, dass ein Jude in der Öffentlichkeit nicht mit einer Frau redet – und vieles andere mehr. Sie sammeln geradezu eifrig „Fehltritte“, um eines Tages gegen ihn wie gegen einen Verräter Gottes vorgehen zu können.

Der einladende Pharisäer – namentlich wird er nicht genannt – ist deshalb spärlich mit Gesten seiner Gastfreundschaft. Was sonst üblich ist, z.B. dem Gast beim Betreten des Hauses ein Fußbad anzubieten, unterlässt er. Er möchte nicht in den Verdacht kommen, mit Jesus unter einer Decke zu stecken. Heute würde man das Diplomatie nennen: Vorsichtiges Taktieren, ja niemanden vergraulen. Alle Optionen offen halten.

Dass da eine Frau ungebeten ins Haus kommt, muss dem Gastgeber peinlich gewesen sein. Immerhin ist er zurückhaltend und will das Geschehen nicht unnötig dramatisieren. –

Aber Jesus spürt, dass ihm die ganze Angelegenheit mit der Frau peinlich ist und versucht anhand einer Parabel, das Verhalten der Frau zu deuten.

Von zwei Schuldnern erzählt er. Beiden wird von einem großzügigen Herrn die Schuld erlassen. Und, dass der, dem mehr Schulden erlassen wurden, natürlich auch mehr dankbare Liebe zeigen würde. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – so empfinden wir es.

Die Moral von der Geschichte aber muss auch uns nachdenklich stimmen. Sie lautet: wer mehr Liebe zeigt, hat wohl auch einen Grund dafür, einen Grund zur Dankbarkeit, weil ihm unverhofft Gutes widerfahren ist, weil ihm z.B. eine Schuld nicht angerechnet, sondern vergeben worden ist.

Das ist die Situation der Frau. Sie hat in der Begegnung mit Jesus erlebt, dass sie trotz ihres bedenklichen Lebenswandels nicht verurteilt wurde, sondern die Chance zu einem neuen Anfang bekam.

Dafür wollte sie öffentlich Dank sagen. Deshalb geht sie zu Jesus und zeigt ihm – in menschlichen Gebärden, im Weinen, in Berührungen und Küssen, ihre Liebe.

Was könnten wir aus dieser Geschichte als Impuls für unser Leben mitnehmen? – Sie ist ja vom Evangelisten Lukas bewusst aufbewahrt worden, sozusagen als ein Modell für unseren Umgang miteinander, ein Modell dafür, wie unser Menschsein menschlicher werden kann.

Das erste ist: nicht urteilen!

Das fällt uns schwer – besonders schwer in einem Haus wie diesem. Wir wollen die psychisch Kranken verstehen und greifen dabei zu allen möglichen Deutungen. Die nahe liegende ist eine alte einfache Regel: der kranke Mensch ist an seinem Elend beteiligt, wenn nicht sogar selbst schuld. So reden wir über andere Menschen, be- und verurteilen ihren Lebensstil nach unseren Maßstäben!

Damit können wir ab heute ruhig aufhören. Wenn jemand ein Recht hat, über uns und über andere zu urteilen, dann ist es Gott allein. Der Mensch hat kein Recht, über seinesgleichen zu richten und zu urteilen. Er soll sich zurückhalten und lieber vor seiner eigenen Türe kehren.

Das zweite ist: Liebe zeigen!

Aus Scheu und Angst, falsch verstanden zu werden, sind wir in den Formen unserer Zuwendung karg und gefühlsarm. Menschen in anderen Regionen dieser Welt, die Südländer – Italiener oder Spanier – bringen uns da manchmal in Verlegenheit. Sie zeigen viel unbefangener ihre Zuneigung. Dabei hätten wir Grund genug, jedem, der uns nahe steht, dankbar unsere Liebe zu zeigen.

Barmherzigkeit, Güte und Menschenfreundlichkeit sind die evangelischen Maßstäbe, die wir im Umgang mit unseren Mitmenschen, aber auch im Umgang mit uns selber, anlegen sollten.

Die Ermächtigung dazu haben wir aus dem Verhalten und den Worten Jesu selbst. Sie finden sich beim Evangelisten Lukas auch an anderer Stelle, wo er Jesus mit folgenden Wort zitiert: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden“.

Die Begebenheit im Haus des Pharisäers ist nur der anschauliche Kommentar zu diesen Worten Jesu.

Und wir? Wir wissen davon – und beten auch, was wir tun sollen – in der täglichen Vaterunser-Bitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Es fehlt oft nur die konkrete Umsetzung in der Tat.

Große Männer und Frauen, wie der Hl. Vitus, waren uns da um Einiges voraus. In den abenteuerlichen Legenden erscheint St. Veit als ein immer tätiger Heiler, häufig gerade denen gegenüber, die ihm zuvor das Leben schwer gemacht haben. Da wird etwa berichtet, dass er von seinem Vater geschlagen und vor den Richter gebracht wurde, weil er nicht von seinem Glauben lassen wollte. Auch der Richter befahl, ihn zu schlagen, aber dem Richter und seinen Knechten verdorrten die Arme, worauf Vitus betete und sie heilte.

Ein besonders schönes Detail sei zum Schluss noch erwähnt, weil es ein starkes Symbol für die Grundgedanken des heutigen Festtags ist.

Weil der Gedenktag des Vitus im Bereich der Sonnwende liegt, knüpfte sich in der Volksfrömmigkeit an diesen Heiligen der Glaube, er sei für pünktliches Wachwerden ohne Uhr zuständig. Ein entsprechendes Gebet lautete: „Heiliger St. Veit / wecke mich zur rechten Zeit; / nicht zu früh und nicht zu spät, / bist die Glocke sechs Uhr schlägt.“

Pünktliches Wachwerden ist eine Gnade – im praktischen Leben wie im übertragenen Sinn. Denn Wachsamkeit und Achtsamkeit sind Eigenschaften der Liebe, die heute unser Thema war.

Es wird Zeit, dass wir aufwachen, die Nächstenliebe wieder entdecken und uns jeden Tag darin üben.

(Klaus Stock)

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