Fußballgott – welch ein Gott!?

Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr C

(Lesungen: Sach 12.10-11.13,1 / Gal 3,26-29 / Lk 9,18-24)

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Seit gut einer Woche schaut die ganze Welt nach Südafrika. Alles dreht sich um den Fußball. Man hat den Eindruck, dass es im Moment nichts Wichtigeres auf dem Erdball gibt: Fußball und Erdball – eine seltsame Wortverwandtschaft. Wir versuchen zu verstehen, was da los ist und bleiben doch ratlos. Was soll man z.B. sagen, wenn sogar der Bischof von Regensburg in der Zeitung mitteilen lässt, dass er möglichst jedes Spiel anschauen will?

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Dieser faszinierende Wettkampf der Nationen um die ersten und besten Plätze ist immer noch besser als mit Waffengewalt Kriege zu führen um Vorrang, Macht und Einfluss in der Welt.

Aber die Frage muss doch erlaubt sein, wie viel Fußball in den Köpfen, Gefühlen und Geldbeuteln der Menschen Platz einnehmen darf! Ist das Ganze nicht doch nur ein gewaltiges Ablenkungsmanövers von den wirklichen Lebensfragen, vielleicht nur eine Neuauflage der Praxis kurz vor dem Untergang des römischen Weltreichs? Damals verlangten die Menschen „Brot und Spiele“ – und die Kaiser haben sie großzügig gewährt.

Wo sich die Probleme weltweit ins Unüberschaubare und Unbeherrschbare auftürmen, wächst offenbar die Sehnsucht der Menschen nach Ablenkung und die Hoffnung auf eine bessere, heilere Welt.

Das war immer schon so. Wo einer auftrat und dem Volk mit Brot und Spielen Sand in die Augen streute und wie nebenbei die Lösung aller Probleme versprach, wurde er der Wunschkandidat der Vielen. Immerhin hat der Präsident der FIVA, der Schweizer Jürgen Blattner groß getönt, dass sein Fußballweltverband keine wirtschaftlichen Probleme habe, sondern im Unterschied zu den hoch verschuldeten Staaten erfolgreiche Bilanzen vorweisen könne. Immer ist es die Vision des perfekten glücklichen Lebens, die die Menschen fasziniert. Wer so etwas verkündet, gewinnt Zustimmung, ist willkommen und erwünscht – wie ein Messias. Nicht zufällig redet man vom Fußballgott.

Das alles sollte uns Christen schon nachdenklich stimmen. Denn wir kennen einen anderen Mittelpunkt der Welt, der uns mehr interessieren sollte, als der kleine runde Punkt Fußball. Von den frühen Christengemeinden jedenfalls berichtete um 110 der Statthalter Plinius der Jüngere an den römischen Kaiser: „Sie pflegten sich an einem bestimmten Tage vor Sonnenaufgang zu versammeln um Christus als ihrem Gott einen Wechselgesang zu singen. Hernach seien sie auseinander gegangen und dann wieder zusammengekommen …“

Es war der sonntägliche Gottesdienst, der einen wichtigen Platz im Zentrum der Wochengestaltung einnahm. Heute ist es für viele der Fußballplatz oder in diesen Tagen das Erlebnis public viewing. Vor Großleinwänden versammelt man sich, um den Fußballgott zu bewundern.

Es ist ja auch ein GANZ ANDERER – kein Star im weltlichen Sinn, dessen Vorbild man aus dem AT kannte, kein Erfolgreicher, sondern ein Gescheiterter, um den Totenklage gehalten wird – wie um den einzigen Sohn, wie um den Erstgeborenen. Der Tod dieses Namenlosen beim Propheten Sacharia war für das Volk damals eine Katastrophe, aber auch der Beginn einer vom Geist Gottes bewirkten Umkehr des Denkens.

Plötzlich waren Erfolge und Siege nicht mehr so wichtig. Worauf es wirklich ankam, das erkannten die Verlierer der Geschichte – nicht die Sieger. Das geschlagene Gottesvolk in Jerusalem musste einsehen, dass menschliche Erfolgsgeschichten nicht das letzte Wort haben. Probleme und Sorgen der Menschen scheinen auf eine andere Lösung zu hoffen – auf einen wirklichen Messias und Retter.

Die dumpfe Ahnung, die sich auch heute noch im stillen Nachsinnen einstellt, hält Ausschau nach einem GANZ ANDEREN. Als Jesus von Nazareth in Galiläa auftrat und sich den Armen und Vergessenen, den Schwachen, Kranken und Ausgestoßenen zuwandte, ging den Menschen ein Licht auf. Sie konnten anfänglich nicht wissen, wer dieser Wanderprediger eigentlich war. Nur allmählich wurde ihnen klar, dass da mehr ist als nur ein erfolgreicher Problemlöser. Er selber fragte seine engsten Freunde, um ihren Erkenntnisstand sozusagen zu testen: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“. Unsicher waren sie, rätselten herum – und nur Petrus machte aus seiner Herzensüberzeugung kein Hehl: Du bist der Messias Gottes.

Um diese Bahn brechende Einsicht nicht falsch zu deuten, erinnerte Jesus an sein Lebens- und Leidensschicksal. Die religiösen Führer würden ihn verkennen: die Hohenpriester und Schriftgelehrten würden ihn verwerfen und töten – aber am dritten Tag würde er auferstehen.

Das ist nun wahrlich keine Erfolgsgeschichte, mit der man die Massen faszinieren und zu ausgelassenen Freudenorgien verleiten könnte – das ist eine nüchterne und sehr alltägliche Geschichte. Gott ist eben der Gott unseres Alltags. Als menschenfreundlicher und mitfühlend barmherziger Gott spricht er uns in Jesus Christus an: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut“.

Es sind nicht die vordergründig faszinierenden Erlebnisse, die dem menschlichen Herzens Frieden schenken, sondern die einfache und treue Nähe zu unserem grauen und nicht selten belastenden Alltag, von der wir die Kraft zum Leben haben.

Fußball ist eine schöne Abwechslung. Aber die Seele kann sich davon nicht vollwertig ernähren. Wir brauchen eine Kost, die uns durch den Alltag hindurch am Leben erhält. Wir brauchen einen festen Halt, wenn sich manches, was scheinbar Halt bietet, als haltlos erweist, wir brauchen eine Vision über den Rand der Weltkugel hinaus – und wir brauchen eine bedingungslose Bejahung – wir brauchen die Erfahrung, geliebt zu werden.

Das ist wahrscheinlich bei Massenversammlungen in den Fußballstadien nur selten zu finden, vielmehr in der einfachen Versammlung der Gottsuchenden im Raum der Kirche.

Was wirklich sinnvoll ist, was auf Dauer trägt und hält, danach sollten wir also immer wieder Ausschau halten.

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