Der kranke Mensch und der heilende Herr

Festpredigt beim Heilbrünnlfest in Roding am 04. Juli 2010
Mehr über die Wallfahrtkirche Heilbrünnl
(hier)

[print_link]

Lesungen: Jesaja 66,10-14c –  Jak 5,13-16 – Lk 10 (Ausschnitte)

Liebe Mitchristen!

Hier in Heilbrünnl – an diesem Wallfahrtsort – zu predigen ist nicht möglich, ohne das Thema Krankheit und Heilung anzusprechen. Quellwasser war schon immer ein starkes Symbol für Heilung und Heil. Schon in der ersten Lesung hörten wir von einem Strom und einem rauschenden Bach als Zeichen für wieder gewonnene Lebensfülle und Lebensfreude, wie sie der Prophet Jesaja dem kranken und niedergeschlagenen Volk verkündete.

Nach der Legende wurde hier ein Marienbild im Brunnenwasser gesehen und geborgen. Und seither spricht man dem Brünnl heilende Wirkung zu.

In mancherlei Beschwerden und Krankheiten haben sich Menschen hierher gewandt und Hilfe und Heil erfahren. Normalerweise deuten wir Krankheit ganz unterschiedlich. Wir sagen z.B. Krankheit ist:

  • ein Schicksal
  • eine Prüfung
  • manche sagen sogar: eine Strafe
  • oder doch nur eine Chance zur Besinnung zu kommen und seinen Lebensstil zu ändern.

Wir alle kennen Zeiten, in denen es uns gut geht. Da fühlen wir uns wohl an Leib und Seele, sind gut gelaunt und haben gute Gedanken.

Dann kippt auf einmal alles um, unverhofft und unerklärlich – wie das Wetter. Wir fühlen uns schwach, haben Schmerzen – wir sagen: es geht mir nicht gut. Ich glaube, ich bin krank.

Normalerweise leben wir in einem fließenden Übergang zwischen gesund und krank. Keiner ist immer ganz gesund – irgendein „Wehwechen“, hat jeder. Und niemand ist immer ausweglos krank. Heilungskräfte und gesunde Anteile tragen wir alle in uns. Darauf baut auch die Heilkunst. Kein Arzt kann helfen, wenn der Kranke nicht mit der Therapie mitarbeitet und auf Genesung hofft. Bleiben wir also bescheiden und versuchen wir, die kranken Tage als Kehrseite der gesunden Tage anzunehmen

Im Evangelium haben wir eben gehört, dass Jesus seine Jünger beauftragte: „Geht, heilt die Kranken und sagt den Leuten – das Reich Gottes ist nahe“ (Lk. 10,9). Auch wissen wir, dass er selbst vielen Kranken geholfen hat.

Jesus kam nicht als neugieriger Besucher zur Welt, um menschliche Schicksalswege kennen zu lernen oder die Schöpfung mal so nebenbei zu begutachten. Er kam als der ersehnte heilende Herr – als Heiland – zu den Menschen. Er wollte erfahrbar machen, was schon im Alten Testament über Gott zu lesen war: „Ich, Jahwe, bin dein Arzt“ (Ex 15,26).

Seither sind wir eingeladen, eine Sprechstunde besonderer Art zu besuchen, bei einem Arzt, der weder ein medizinisches Diplom, noch einen Professorentitel, noch eine gut gehende Praxis unterhält, der aber – das glauben wir – über diese guten und hilfreichen Dienste hinaus dem ganzen Menschen Heil schenken kann. Wie ist das zu verstehen?

Irenäus von Lyon schreibt in seinem Buch über die Gottesfreundschaft: „Jesus verlangte unsere Nachfolge nicht deshalb, weil er unseren Dienst etwa brauchte, sondern um uns das Heil zu schenken. Denn dem Herrn folgen heißt am Heil teilhaben“. [1] Es käme also darauf an, sich in der Nähe des Herrn aufzuhalten, seine Nähe zu suchen und als heilend zu erfahren. Wenn aber einer jetzt einwendet: aber ich fühle mich doch gerade in kranken Tagen vom Herrgott verlassen! Dann möchte ich ihm dieses Gefühl nicht ausreden, sondern sogar bestätigen.

Ja, es ist so. Wer krank ist, fühlt sich zurückgeworfen auf sich selbst, einsam und auch von Gott verlassen. Auch das Beten gelingt nicht mehr wie früher. Wie geht man damit um?

Viele von uns haben immer noch eine merkwürdige Scheu, gegenüber Gott zu klagen und zu jammern, obwohl die Hl. Schrift vielfach davon berichtet. Frauen und Männer ziehen Gott oft zur Rechenschaft und klagen ihn sogar an. Das klassische Beispiel ist der Dulder Hiob, der offen mit Gott hadert. Klage kam sogar aus dem Mund Jesu, als seine schwerste Stunde am Kreuz angebrochen war: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“.

Was ist also zu tun, wenn man in Krankheit und Leiden steht? Was dürfen wir erwarten? Der Philosoph Peter Wust hat von einem Hin und Her zwischen Widerstand und Ergebung gesprochen. Und diese seltsame Mischung deckt sich mit dem, was der hl. Paulus Geburtswehen genannt hat. Es ist das im Durchhalten verwandelte Glück, dass ein Kind geboren wird. Die ganze Schöpfung, so meint Paulus, liegt immer noch in Geburtswehen. Gott ist sozusagen noch nicht fertig mit uns und mit seiner Schöpfung. Alles ist noch im Werden begriffen…

Wie der Arzt nicht gleich fertig ist mit seinen Patienten, wie er sie immer wieder zu Nachsorgeuntersuchungen einbestellt, um den Verlauf der Genesung zu begleiten, so begleitet uns Gott auf dem Pilgerweg des Lebens durch Höhen und Tiefen, in Gesundheit und Krankheit. Der Begleiter, erscheint er auch zeitweise wie abwesend, ist doch da – verborgen zwar, aber verlässlich und treu.

Dass wir Gottes geheimnisvolle und tröstende Nähe oft nicht erfahren, bleibt ein Rätsel und liegt möglicherweise auch an unserem schwachen Glauben. Wir blicken zu kurz, überblicken das Ganze nicht. Der Mundartdichter Ludwig Somagne hat es einmal so ausgedrückt.

Wir glauben, was wir sehen. Was wir nicht sehen – nicht zu glauben!“.

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir mit unseren Sinnen erfassen können. Es gibt den rettenden und Heil schaffenden Gott. Unsere Hoffnung auf Gesundheit und Heil ist keine Fata Morgana. Insgeheim wissen wir doch, dass menschliche Heilkunst immer nur vorübergehende Genesung bewirkt. Auch der beste Arzt der Welt kann vor einem möglichen Ausgang der Krankheit nicht retten – vor dem Tod.

Liebe Mitchristen!

Es gibt keinen billigen Trost in Krankheit, Leiden und Sterben. Es gibt allerdings bestimmte Orte und Zeiten, die unsern schwachen Glauben und unsere Hoffnung auf Heil stärken – wie dieses Heilbrünnl hier. Allzu fromme Sprüche sollte man allerdings vermeiden und lieber die Nähe zu Jesus Christus suchen und auf die Fürsprache der Gottesmutter vertrauen, deren Bild hier auch verehrt wird. Über Jesus Christus lesen wir im Hebräerbrief ein rätselhaftes Wort, das ich Ihnen zum Schluss noch zumuten möchte.

Er habe, so heißt es da, „im Leiden den Gehorsam gelernt“. Lange habe ich über dieses seltsame Wort nachgedacht. Ich möchte es heute so deuten:

Gehorsam hat mit Hören zu tun. Jesus hat also mitten in Drangsal und Leid aufmerksam hingehört. Er lädt uns ein, die uralte Frage „Warum?“ anders zu stellen. Nicht: „Warum bin ich krank und muss leiden – sondern wozu? Welchen Sinn könnte es haben, dass ich – jetzt – ausgerechnet ich jetzt – krank geworden bin?

Da muss man lange und geduldig in die Melodie seines Lebens hineinhorchen, um eine Antwort zu finden – so wie Jesus, der Christus, der den Gehorsam, das verstehende Hören, gelernt hat. Nach langem Ringen und Protest wird einer dann vielleicht so wie Jesus am Ölberg sagen können: „Ja, Vater, wenn es sein muss, dann geschehe dein Wille…“. Und das wäre schon der Anfang eines Einstellungswandels, der Anfang eines Heils, das mehr ist als nur körperliche Heilung.

Von dieser Gesinnung sind wir alle freilich noch weit entfernt. Unser Lebensgefühl geht normalerweise in eine andere Richtung – Leben und Er-leben haben Vorrang. Leiden darf nicht sein.

Wir können aber auf Jesus schauen und von ihm lernen, dass die Passagen von Krankheit und Leid begehbar sind. Manchmal kann ein stummer Blick auf ein Kreuz oder der Besuch einer Wallfahrtkirche alles in uns verändern und einen unerwarteten Frieden schenken.

In der Würzburger Neumünsterkirche hängt ein Kruzifix mit einer seltenen Darstellung des Gekreuzigten. Er hat seine Arme vom Querbalken gelöst und breitet sie einladend vor dem Betrachter aus. Vor diesem Kreuz ist es so, als ob man eine leise Stimme sprechen hört: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut“. Der Prophet Jesaja sagt über den Gekreuzigten: „Er ist verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen worden. ….. Durch seine Wunden sind wir geheilt“. (Jes 53,5). Den verwundeten Heiler anzuschauen, verändert oft schlagartig die Situation, weil man einen Mitleidenden gesehen hat.

Der Jesuit Alfred Delp, von den Nazis in Berlin hingerichtet, hatte schon recht, als er in sein Tagebuch notierte: „Gott geht alle unsere Wege mit“. Er bleibt an unserer Seite – in gesunden und in kranken, in guten und bösen Tagen. Darauf dürfen wir hoffen – und das wird uns helfen, durchzuhalten, komme was kommen mag. Diese Zuversicht könnte an einem Tag wie diesem, am Heilbrünnlfest in uns allen wieder aufblühen. Dann hätten wir Grund zum dankbaren Feiern dieser ehrwürdigen Wallfahrtstätte.


[1] Lektionar zum Stundenbuch II72, Seite 25

Print Friendly, PDF & Email