Gott im Kreuz – wo denn sonst?!


Gedanken zu einem leidvollen Thema

„Wer Gott im Kreuz Jesu Christi gefunden hat, weiß, wie wunderlich sich Gott  in dieser Welt verbirgt und wie er gerade dort am nächsten ist, wo wir ihn am fernsten glauben“. Dieses Wort von Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg gehängt wurde, zeigt uns, dass die Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu Christ keine einfache Wahrheit ist.

Sie ist wider allen Anschein die Botschaft vom Leben in und aus Gott. Allerdings ist sie keine Soft-Botschaft im Sinne eines billigen Alles-wird-gut-Gerede. Die biblische Erzählung vom ersten Menschenpaar, das – aus dem Paradies vertrieben – sich nun auf einem Acker unter Dornen und Disteln zurechtfinden muss und das tägliche Brot nur unter großen Mühen essen kann, ist  angesichts der globalen gesellschaftlichen Probleme auch heute noch ein Bild für unsere Lebenswirklichkeit.

Die Vertreibung aus dem Paradies war jedoch nicht ohne Verheißung. In diesem Acker, als Bild für die Welt und unser eigenes Leben, hat Gott sich wunderlich verborgen. Nicht um mit uns Verstecken zu spielen, sondern damit wir ihn dort finden, wo wir ihn am fernsten wähnen. Bonhoeffer hat das erfahren und spricht davon. Sein Leben erstickte letztlich unter den Dornen und Disteln des Nazi-Regimes, dem er Widerstand geleistet hat. Er hat sein Kreuz als das Kreuz Christi auf sich genommen und darin Gottes Nähe erfahren.

Jesus greift seinerseits das Bild vom Acker auf, um etwas über das Wesen des Reiches Gottes mitzuteilen: „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand…“ (Matth.13,44). Der Acker ist auf dem Hintergrund der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies Sinnbild für die Mühsal und  Not des Lebens. Auf diesem Acker ist der Mensch auf sich selbst gestellt und muss unter widrigen Umständen um seine Existenz kämpfen. Er ist somit auch ein Bild für die Gottesferne des Menschen. Und gerade hier hinein hat sich Gott als Schatz verborgen.

In der vermeintlichen Ferne ist er uns am nächsten.  „Es gibt etwas, was man an einem einzigen Ort in der Welt finden kann. Es ist ein großer Schatz, man kann ihn die Erfüllung des Daseins nennen. Und der Ort, an dem dieser Schatz zu finden ist, ist der Ort, wo man  steht“. Dieser Satz des Religionsphilosophen Martin Buber fordert uns heraus, unsere konkrete Lebenswirklichkeit anzunehmen und diesen Standort als unseren eigenen zu bejahen.

Wie oft sind wir immer schon woanders, an gedachten und erhofften Orten? Wie oft weichen wir unserer Lebenswirklichkeit aus, weil sie so bedrückend  und ängstigend ist, weil sie uns wie ein Kreuz vorkommt? Aber wenn wir ausweichen und nicht zu uns und bei uns stehen, verfehlen wir gerade die tröstende Nähe Gottes in Jesus Christus, der zu uns und bei uns steht. Das Evangelium ermutigt uns immer aufs Neue, dass wir uns zu unserer Lebenswirklichkeit stellen. Charles Pegy hat das kühne Wort geprägt: „Die Ereignisse, sagt Gott, das bin ich!“ Und von Ignatius von Loyola wird der Gedanke überliefert: „Gott umarmt dich durch die Wirklichkeit!“

Gott will kein abstrakter und nur gedachter Gott sein, sondern wesenhaft und konkret  in unserem Leben erfahren werden: „Der Ort, wo man steht“, wird zum Ort der Gottesbegegnung. Wir brauchen  Gott nicht anderswo zu suchen. Wir werden ihn finden, weil er uns längst gefunden hat.

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