Vom Übergang in den Ruhestand

Ruhestand oder Verlust des Arbeitsplatzes
Das Verlassen des Arbeitsplatzes nach langen Jahren beruflicher Tätigkeit – in meinem Fall sind es 41 Jahre als Priester und vor dem Studium drei Jahre als Einzelhandelkaufmann – kommt eines Tages auf jeden zu. Der beginnende „Ruhestand“ wird ganz unterschiedlich erlebt und ist nicht immer leicht zu verkraften. Ein ganz anderes Problem ist der unverschuldete Verlust des Arbeitsplatzes, den nicht wenige Menschen heute hinnehmen müssen. Zu den damit verbundenen Kränkungen möchte ich hier nicht Stellung nehmen, weil der seelische Schmerz darüber, anscheinend zu nichts mehr nützlich zu sein und die finanziellen Einbußen eigentlich un-säglich sind. Da kann man nur hoffen, dass sich nach verhangenen Tagen doch wieder ein begehbarer Weg in eine sinnvolle Tätigkeit auftut.

Ein anderer Lebensstil
Der Umbau des Tagesrhythmus und eine Neugestaltung der Lebensziele ist in beiden Fällen notwendig. Manche Menschen entdecken dann ihre lange vernachlässigten Hobbys, wobei das Reisen uns Deutschen besonders liegt – sofern man es sich noch leisten kann!

Aber auch ehrenamtliche Aufgaben reizen. Die im Beruf gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse kann so sinnvoll für das Gemeinwohl einsetzen.

Was aber geht in der Seele eines Menschen vor, wenn er – im letzten Lebensdrittel – den Umbau seiner Lebensstils unternimmt? Es scheint ein Umbau ohne festen Bauplan zu sein.

Ein neuer Alltag
Zunächst bricht die vertraute Alltagsstruktur weg. Für einige Tage im Jahr – z.B. im Urlaub – ist das ganz angenehm. Man fühlt sich frei von Zwängen, kann mal ausschlafen oder den spontanen Wünschen Raum geben.

Wenn aber der Urlaub (das Wort hat mit dem Wort „er-lauben“ zu tun) für den Rest des noch verbleibenden Lebens andauert, braucht es eine größere Achtsamkeit auf die inneren Stimmen und Stimmungen, die nach dem Sinn der Tage fragen.

Denn schnell – so bekunden Betroffene – ist man vergessen und nicht mehr gefragt. Vielleicht schreiben deshalb viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihre Memoiren – in der Hoffnung, dass doch noch jemand über sie redet oder sich an sie erinnert.

Das spirituelle Problem liegt darin, dass wir unser Selbstwertgefühl zu sehr an die Rückmeldungen knüpfen, die uns aus der privaten und öffentlichen Mitwelt gegeben werden. Auch wenn ein Lob selten ist, hat doch jeder, der gelobt wird, wenigstens für diesen Augenblick das Gefühl, wichtig und willkommen zu sein.

Diese Rückmeldungen verstummen aber mit den Jahren nach Eintritt in den Ruhestand. Woher dann das Gefühl bekommen, man sei doch noch „nützlich“ auf dieser Welt?

Vertrauen gewinnen
Christen gründen ihr Selbstwertgefühl nicht ausschließlich auf die  Rückmeldungen aus ihrem sozialen Umfeld oder auf das gesammelte  Wissen über sich selbst. (Im Laufe des Lebens lernt man seine guten und schlechten Seiten ganz gut kennen). Christen glauben daran, dass ein ganz Anderer mit einem wohlwollenden und wertschätzenden Blick auf sie schaut.

Irvin D. Yalom schreibt in seinem Roman „Und Nietzsche weinte“, es sei durchaus entlastend, wenn ein Mensch darauf vertrauen kann, dass ein Gott ihn täglich und stündlich „beäugt“ – nicht wie die Überwachungskamera der Polizei, sondern wie der/die Liebende, dem es einzig und allein darum geht, dass es dem Geliebten gut geht.

Hier kommt das Vertrauen ins Spiel. Es ist kein Geheimnis, dass dieses wertvolle Gut in letzter Zeit durch verschiedene Enthüllungen (Mißbrauchskandale, Finanzmarktkrisen, ec.) stark angekränkelt wurde. Wem kann man überhaupt noch trauen und vertrauen? Darüber müssen wir einen öffentlichen Diskurs vom Zaun brechen und die sog. Wertediskussion nicht scheuen. Es ist ohnehin kein Geheimnis, dass unsere Gesellschaft an zunehmendem Egoismus krankt. Die Habsucht galt immer schon als die Wurzel allen Übels (vgl. 1 Tim 6,10).

Die Nächstenliebe wieder entdecken
Schon vor Jahren hatte ich die Idee, zur Wiederentdeckung der Nächstenliebe sei eine Kampagne nötig. Wir müssen lernen, uns wieder „füreinander zu erwärmen“, weil wir alle „füreinander erkaltet“ sind! Das aber überfordert den Einzelnen. Das gelingt nur durch das Zusammenwirken Vieler.

Gott sei Dank gibt es viele kleine Kreise und Gruppen, die unabhängig vom mainstream Solidarität, gegenseitigen Respekt und konkrete Hilfe praktizieren. Durch diese kleinen „Gut-Wetter-Zonen“ könnte sich soziale die Großwetterlage eines Tages wieder verbessern.

Nur im Vertrauen darauf, dass „alles gut hinausgeht“, kann man lebenswendende Entscheidungen bejahen, kann Abschied nehmen und die Arbeit ruhen lassen. Und dieses Vertrauen muss über den Rand der Welt hinausgreifen. Denn der Mensch ohne Bezug zur Transzendenz, ohne Beziehung zu Gott, wird es nicht schaffen, als vergängliches Wesen Unvergängliches zu bewirken. Das allein kann nur Gott. Und ihm zu vertrauen, hat noch niemanden geschadet. Ganz im Gegenteil. Es trifft zu, was der Prophet redet:

„Die auf den Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“ (Jes 40,31a)

[print_link]

Print Friendly, PDF & Email