Vierzig Jahre Priester, ein Grund zum Feiern?

Predigt beim Gottesdienst in Cham St. Jakob am 29.08.2010

zum 40jährigen Priesterjubiläums von Pfarrer Gerhard Huf (mehr).

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Es geschah in Berlin. Vor sieben Jahren. Beim ersten Ökumenischen Kirchentag. In einer Veranstaltung zum Thema „Priestersein heute“ wurde gefragt, was denn die Priester angesichts der desolaten Situation der Kirche tun sollten. Der damals sehr bekannte Fernsehpfarrer Jürgen Fliege antwortete:

Ein Priester soll mit seiner Gemeinde Feste feiern und mit sauber geputzten Schuhen anständige Beerdigungen halten. Darauf käme es an.

Er hatte nicht ganz Unrecht, der eigenwillige Fernsehpfarrer. Der Priester soll ja mitten unter den Menschen sein – Freude und Leid mit ihnen teilen und zeigen, dass ihm nichts Menschliches fremd ist.

Aber was Jürgen Fliege da vom Priester erwartet, das machen doch andere Berufe längst viel besser.

Feste feiern und Events organisieren?

Da gibt es längst eigene Veranstaltungsfirmen, die das professionell aufziehen.

Und Beerdigungen?

Da bieten viele Bestattungsunternehmer Freiredner an und Ritendesigner gestalten Abschiedrituale, die sich sehen lassen können. In Gegenden Deutschlands, in denen es nur noch wenige Christen gibt, haben die Kirchen das Ritenmonopol auf dem Friedhof schon längst verloren.

Jürgen Fliege kann uns also nicht weiterhelfen, wenn wir bei Deinem 40jährigen Priesterjubiläum, lieber Gerhard, darüber nachdenken, was ein Priester heute tun und lassen soll. Da müssen wir schon gründlicher nachdenken.

Werfen wir also zunächst einen Blick auf die vergangenen 40 Jahre und befragen dann die Ur-Kunde des Glaubens. Denn die Welt um uns, die Welt in uns – also die Zeichen der Zeit – und die Hl. Schrift – das sind für uns die Offenbarungsquellen. Aus ihnen können wir auch ablesen, was es um den priesterlichen Dienst ist.

Im Juni ging das von Papst Benedikt ausgerufe  sog. „Jahr des Priesters“ zu Ende. Es ist ja kein Geheimnis mehr. Ausgerechnet in diesem Jahr  ist unser Beruf in eine massive Krise geraten. So etwas hat es in den letzten 40 Jahren, seit Du, lieber Gerhard Deine Primiz gefeiert hast, nicht gegeben. Ein Jahr vor Dir stand ich auch zum ersten Mal am Altar. Wir beide hatten eine gute Zeit im Priesterseminar Regensburg – es waren die Jahre des 2. Vatikanischen Konzils. Damals waren wir überzeugt, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann, dass sich etwas ändern muss. Ein Buch mit dem Titel „Abschied von Hochwürden“ war damals Bestseller. Die Gemeinden und die Priester ließen sich vom Geist des Konzils anstecken und suchten nach einem neuen christlichen Lebensstil.

Dann haben wir erlebt, dass ängstliches Rückwärtsrudern den Prozess der Reformen gestoppt hat. Und jetzt? Jetzt ist uns der „Abschied von Hochwürden“ durch die Ereignisse selbst aufgenötigt worden. Für Triumphalismus und allzu selbstherrliches Auftreten ist kein Platz mehr.

Die Menschen sehnen sich nach einem Priester, der nach dem Bild Jesu mitten den Menschen ist „wie einer, der dient“. Ersehnt wird der Priester, dessen Lebensstil dem Wunsch des hl. Paulus entspricht: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“, schreibt er an die Korinther. (vgl. 2 Kor 1,24).

Zum priesterlichen Lebensstil finden wir in den Lesungen des heutigen Gottesdienstes viele Anregungen:

  • Vom schonenden Umgang mit dem Schwachen, vom Trösten und Heilen redet der Propheten Jesaja in der 1. Lesung.
  • Das Herabsteigen von Thronen und das Annehmen der Menschlichkeit war Thema der 2. Lesung
  • Und das „Frei-werden“ und „An-nichts-mehr-hängen“ war die Botschaft des Evangeliums, ein neuer Lebensstil, nämlich in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt.

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Prophet Jesaja ist der große Hoffnungsprediger. Mitten in der Drangsal der Babylonischen Gefangenschaft behauptet er eine Wende des Schicksals gegen allen Anschein. Die alte Sehnsucht nach einem Retter bringt er in Erinnerung. Man hatte sie vergessen. Dieser vom Geist Gottes geführte Namenlose würde sich vor allem um die Armen kümmern und ihnen eine frohe Botschaft bringen.

Nicht klug daherreden würde er von kommenden besseren Zeiten, sondern handeln: Gefangene befreien, zerbrochenen Herzen heilen, Trauernde trösten. Hart kritisiert deshalb Jesaja an anderer Stelle die damalige Priesterklasse „Geschwätz bald hier, Geschwätz bald dort“ wirft er ihnen vor (Jes 28,7-15) Auf das Tun also kommt es an und nicht auf kluges Reden. Jesajas Verheißung gipfelt in einer kühnen Vision: Jubel wird sein statt Verzweiflung!

Angesichts der wirklichen Verhältnisse aber steht doch die Frage auf, ob solche Trost- und Hoffnungsbotschaften heute noch einen Sinn haben? Macht es Sinn, dass sich junge Menschen – wie wir damals den achselzuckenden Zeitgenossen unverdrossen zurufen: „Habt keine Angst! Gott ist auf euerer Seite! Alles Leid ist nur vorübergehend. Die Zukunft wird besser sein. Und weil das so ist, leben wir die tägliche Liebe zum Nächsten, vorrangig zu denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.“?!

Liebe Mitchristen!

Wir leben in heute in einer Gesellschaft ohne Halt. Überflutet mit Informationen und doch orientierungslos. Da braucht es Künder einer immer währenden Treue – die nur von Gott her kommen kann und dafür sollen Priester einstehen. Ihr Platz wird also vorrangig auf der Seite der Armen und Schwachen sein. So werden sie zu einem Zeichen dafür, dass Gott alle Wege mitgeht und den Menschen nicht im Stich lässt, auch in schweren  Zeiten.

Wenn Priester so leben, befinden sie sich in guter Gesellschaft mit Jesus. Denn auch er hielt sich vorrangig bei den unteren Klassen der Gesellschaft auf. Manche Kritiker haben ihm deshalb vorgeworfen, blauäugig mit Zöllnern und Sündern umzugehen.

Priester, die sich am Lebensstil Jesu orientieren, müssen allerdings damit rechnen, dass man sie fragt, ob sich denn das mit der Ehre und Würde ihres Amtes vereinbaren lässt.

Unsere Antwort ist eindeutig. Sie wird bestätigt in der zweiten Lesung: Der Gott gleiche Jesus von Nazareth ist sich nicht zu schade, vom hohen Thron herabzusteigen, sich zu entäußern und die Gestalt eines Menschen anzunehmen – wie ein Sklave. Erniedrigt wurde er, in allem uns gleich, sogar im äußersten Schicksal des Todes blieb der Sohn Gottes bei uns.

Die Melodie dieses sog. Philipper-Hymnus klingt wie ein Kontrapunkt zu allen gängigen Melodien, die in der Gesellschaft heute gespielt werden. Da gilt nur, wer oben ist, wer Einfluss, Macht und Geld hat. Stars und Spitzensportler lenken die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Präsentiert werden uns nur die Gewinner. Die Verlierer werden nur am Rande oder gar nicht erwähnt.

Gott auf der Seite der Verlierer? Ein ungewöhnlicher Gedanke. Martin Buber hat ihn mit seinem berühmt gewordenen Satz: -„Erfolg ist keiner der Namen Gottes“.

Heißt das nun, dass die Christen und zumal die Priester die geborenen Verlierer sind? Nein, das Gegenteil stimmt, wie der Hl. Paulus schreibt. Ich zitiere aus seinem Brief an die Korinther:

„Seht doch auf eure Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zu Schanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zu Schanden zu machen“. (vgl. 1 Kor 1,26-28).

Der große Platzanweiser Gott hat den Priester auf eine besondere Bühne gestellt. Es ist kein „Platz an der Sonne“, aber ein Platz an der Seite seines Sohnes Jesus Christus , mit dem er dieser Welt bereits gestorben ist, aber auch zu neuem Leben auferstanden. Das gilt übrigens für uns als  Getaufte genau so. Unser neues Leben ist längst über den Tod hinaus von Gott gehalten. Wir haben den besten Platz mitten in der Welt: es ist ein Platz in der Welt, aber nicht von der Welt.

Diese eigenartige Position – es ist nicht die pool-position beim großen Rennen um die ersten Plätze in der Welt – diese Position wird im Evangelium erkennbar.

Auf dem Weg nach Jerusalem begegnet Jesus einem Mann, der mit ihm gehen will. Jesus beantwortet dieses Ansinnen nicht mit „Ja, geh mit“ oder mit „Nein – Ich kann dich nicht gebrauchen“, sondern mit einem hintergründigen Hinweis. Heimatlos wird der sein, der mit ihm unterwegs sein will. Nicht einmal einen Ort, wohin er sein Haupt legen könne, wird einer haben. Sogar die Füchse in ihren Höhlen und die Vögel in ihren Nestern seien besser dran.

Wie dieses Unbehaustsein aussieht, weiß niemand genau. Man ahnt nur, dass damit eine große Freiheit verbunden ist. Warum? Weil einer an nichts mehr zu hängen braucht, sich mit nichts mehr beschweren muss, nicht mit Haus und Hof, nicht mit Besitz und Ansehen. Alles besitzt er, als besäße er es nicht. Alles ist nur wie eine Leihgabe, gut zu verwalten zwar, aber in der Bereitschaft und Freiheit, es wieder aus der Hand zu geben, wenn es denn sein muss.

Wir Christen sind Zukunftsmenschen, wir schauen nach vorne – und die Priester sollen uns daran erinnern, in Wort und Tat. Sie sollen selber wie „Menschen auf dem Weg“ sein, wie Nicht-Sesshafte und Pilger auf der Reise zum Vaterhaus, zur endgültigen Heimat bei Gott.

Der französische Theologe Yves Congar war ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee einer „armen und dienenden Kirche“. Vor dem 2. Vatikanischen Konzil galt er als Außenseiter und wurde vom Hl. Offizium in Rom mehrfach zurechtgewiesen. Erst spät wurde er rehabilitiert und sogar zum Kardinal ernannt.

Von ihm stammt ein schönes Wort über das Christenleben. Er sieht einen dreifachen Lebensrhythmus:

  • Sich einwurzeln in die Welt
  • Sich Loslösen von der Welt – und
  • Gestaltwandel.

Dieser Dreiklang sei auch im Leben Jesu erkennbar

  • In seiner Menschwerdung
  • in seinem Tod – und
  • in seiner Auferstehung.

Sich einwurzeln heißt: mit beiden Füßen in der Welt stehen, nicht fromm davonschweben in spirituelle Sonderwelten, sondern die Erde mit ihren Ecken und Kanten wahrnehmen und nicht aus der Welt flüchten.

Sich loslösen von der Welt heißt: die täglichen kleinen Abschiede und Zumutungen annehmen, was wie ein kleiner Tod ist.

Und darin den Gestaltwandel erleben, das Heranreifen zum vollen Mannesalter Christi, wie Paulus sagt, das neue Leben der Auferstehung erfahren.

Lieber Gerhard,

Du hast mich eingeladen, bei Deinem Jubiläum zu predigen. Ich möchte Dir zum Schluss noch ein persönliches Wort sagen.

Ich bin jetzt auch schon 71 Jahre im Leben unterwegs, davon 41 Jahre Priester. Diese Jahre waren reich an Erfahrungen, an Höhen und Tiefen, an Enttäuschungen und Glück. Der Gedanke, ich hätte mich vielleicht anders entscheiden sollen, kam mir nur selten. Ich habe erlebt, dass dieser Beruf ein schöner Beruf ist.

Man ist als Priester ja nicht nur Angehöriger eines Klerikerstandes, sondern steht in einer abenteuerlichen Nähe zum letzten Geheimnis des Lebens selbst, zu Gott – und zugleich in einer dichten Nähe zum Menschen.

Deshalb freue ich mich, dass wir beide damals ja gesagt haben und ich wünsche Dir von Herzen Segen und Gnade von Gott, unserem Vater. Jesus nennt uns seine Freunde und hat uns aufgetragen, diese Freundschaft allen Menschen weiterzureichen.

Und Ihnen, liebe Mitchristen, wünsche ich das Staunen und die Dankbarkeit darüber, dass es auch in so schwierigen Zeiten wie den unsrigen noch Menschen gibt, die mitten in der Welt, aber nicht von der Welt leben wollen. Hoffen wir, dass die wenigen Neupriester – in Bayern sind es 13 weniger als letztes Jahr – gute Kundschafter des Weges zum wahren Leben werden – freilich mit allen Schwächen und Menschlichkeiten, die wir alle haben.

Die Eucharistiefeier – die große Danksagung – ist der richtige Ort, um dieser Gesinnung Raum zu geben. Von hier aus können wir getrost in die Zukunft gehen, einander zuwinken und einander helfen als Schwestern und Brüder im Herrn. Denn er bleibt uns gewogen, geheimnisvoll mitten unter uns – bis ans Ende der Zeiten.

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