Bedingungslose Liebe – was heißt das?

Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesungen: 1 Tim 1,12-17 – Lk 15,11-32)

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Das Gleichnis vom verlorenen Sohn – oder wie wir heute sagen –  vom barmherzigen Vater – kennen wir fast auswendig. Das erschwert in tieferes Verstehen, weil die ursprüngliche Neugier am Sinn dieser Erzählung nicht mehr da ist.

Das ist schade. Denn gerade dieses Gleichnis gilt nach Auskunft der vergleichenden Religionswissenschaft als einzigartiges und ausschließlich christliches Erzählgut. In keiner der großen Religionen wird Gott so überzeugend als barmherziger Vater vorgestellt.  Auch innerhalb der jüdischen Tradition ist dieses Gleichnis Jesu eine Revolution. Das patriarchalische Vaterbild wird auf den Kopf gestellt. Jesus schildert einen Vater, der gängige Vorstellungen weit überbietet.

Warum erzählt Jesus dieses Gleichnis?

Man hat ihm vorgeworden, er halte es mit Zöllner und Sündern. Er könne nicht unterscheiden zwischen gut und böse. „Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt“, so tuscheln z.B. die Gäste im Haus eines Pharisäers, wo sich Maria Magdalena zu Jesus gesellt und ihm die Füße wäscht.

Diesen Vorwurf mangelnder Urteilsfähigkeit will Jesus entkräften. Schauen wir das Gleichnis näher an: Der Großbauer handelt nach geltendem jüdischen Erbrecht korrekt. Sein älterer Sohn erhält demnach das Nutzungsrecht des Hofes – Besitzer bleibt der Vater bis zu seinem Tod. (Das erklärt übrigens auch, warum der Vater den Auftrag zum Schlachten des Mastkalbes geben kann!)

Der jüngere Sohn wird wunschgemäß ausbezahlt und verzichtet damit auf alle Rechte im Hof. Er geht in die Fremde. Auch das ist nichts Ungewöhnliches. In Israel sind viele junge Leute auf der Suche nach Arbeit und Brot ausgewandert. Zur Zeit Jesu befanden sich tausende von Juden in den grenznahen heidnischen Gebieten, um beruflich weiterzukommen. Freilich tauschten sie gegen diese Chance auch den Verlust ihrer Heimat und damit die Geborgenheit in der Familie ein. Auch ihre religiöse Heimat ging verloren. Sie handelten gegen ein altes auch heute noch geltendes Sprichwort: Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Fern der Heimat leben, in der Zerstreuung, in der Diaspora, galt als gefährlich. Denn man musste sich den Lebensgewohnheiten und Arbeitsbedingungen einer heidnischen Umwelt anpassen und war so dauernd genötigt, den jüdischen Lebensformen zuwider zu laufen, d.h. z.B. die Sabbatruhe nicht einzuhalten, die komplizierten Speisegesetze zu missachten, sozusagen in den Augen der Gesetzestreuen dauernd in Sünde zu leben. Das war eine fragwürdige Lebensform. Nur im Milieu einer geschlossenen Gesellschaft konnte man fromm und gerecht leben. Also war das Weggehen von zuhause leichtsinnig. Man konnte verloren gehen – wie der jüngere Sohn.

Wenn nun ein Jude in der Fremde in Not war, rannte er sich die Füße wund bis zur nächsten jüdischen Gemeinde. Dort konnte er sicher sein, dass ihm geholfen würde. Der Zusammenhalt im jüdischen Volk ist sprichwörtlich. Man kann sich aufeinander verlassen. Was aber tun, wenn weit und breit keine Glaubensbrüder zu finden sind und Hungersnot im Land herrscht?

Das war das Problem des jüngeren Sohnes – und das war wohl auch der äußere Anlass seiner Rückkehrpläne. Zuhause am elterlichen Hof, so dachte er, könnte er vielleicht als Tagelöhner sein Brot verdienen, auch wenn ihm klar vor Augen stand, dass er dort keine Rechte mehr hatte. Immerhin: vielleicht war der Vater noch am Leben – und der könnte eine Idee haben und weiterhelfen.

Bis zu diesem Punkt der Erzählung ist für die Zuhörer alles noch ganz normal. Sie haben im Hinterkopf die geordneten Verhältnisse einer traditionellen Bauernfamilie.

Jetzt aber ändert sich alles. Denn das Verhalten des Vaters sprengt alle Grenzen. Ein Großbauer hält Ausschau nach seinem mißratenen Sohn? Er geht ihm sogar entgegen, als er ihn von weitem kommen sieht?! Das geht zu weit, denken die Zuhörer. Das ist unter der Würde des Hausherrn. Der sollte besser Abstand halten und warten, bis dieser Missratene erst einmal Reue zeigt und das Unrecht wieder gut gemacht hat, bevor er ins Haus treten kann.

Nein. Der Vater läuft dem Heimkehrer sogar entgegen, lässt ihn nicht einmal ausreden, sondern umarmt ihn ohne jeden Vorwurf und zeigt spontan seine Freude.

Die dann folgenden Feierlichkeiten mit Festessen und demonstrativen Gesten der Würde – Festgewand und Ring – sprengen in den Ohren der Zuhörer jede Erwartung. Das, so empfinden sie, ist übertrieben. Auch der ältere Sohn protestiert gegen einen solchen Aufwand.

Lassen wir die Geschichte so stehen und fragen wir heute einmal nicht, was im Herzen des älteren Sohnes vorgegangen ist. Denn auch er steht ja als Erbe von Haus und Hof irgendwie in der Schuld des Vaters.

Fragen wir, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen will. Jesus will in dieser Vatergestalt zeigen, wie sich Gott zu uns Menschen verhält, vor allem zu denen von uns, die als „verloren“, als „Sünder“, als „getrennt-von-Gott-lebende“ gelten.

Akkurat diesen Menschen gilt Gottes besondere Vorliebe. Das Wort ist im wörtlichen Sinne zu verstehen. Vor jedem etwaigen Anrecht auf Liebe kommt Gott dem Menschen entgegen. Zuvor-kommend bietet er seine Zuneigung an – ohne Verdienst, ohne Vorleistung, ohne vorausgehende Wiedergutmachung wird verziehen. Bedingungslos sagt Gott JA zum Menschen. Das ist das Gottesbild Jesu. Und das ist neu und in keiner anderen Religion zu finden.

Und das ist auch das Gottesbild des hl. Paulus. In seinem Brief an Timotheus erzählt er von seinem Damaskuserlebnis: damals auf dem Weg, als er die ersten Christen verfolgte, stürzte er zu Boden. Es erschien ihm der auferstandene Christus – und sein ganzes Leben krempelte sich um. Denn er musste einsehen, dass Gott ihn trotz seiner schlechten Vergangenheit angenommen hatte, ihm sein Versagen und seine Schuld nicht anrechnete.

An seinen Freund Timotheus schreibt er:„Obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte, hat mich Jesus Christus für treu gehalten und in seinen Dienst genommen. Ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat“, .

Und der Schluss, den er zieht, und den auch wir heute ziehen können, lautet: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.

Diesem Satz haben wir nichts hinzuzufügen. Wir haben ihn nur zu hören und wahrzunehmen. Seit Jesus Christus gibt es keine Verurteilung der Sünder mehr, wenn sie umkehren und vertrauensvoll zu Gott wie zu einem barmherzigen Vater kommen. Die göttliche Antwort an uns Sünder heißt Erbarmen. Wer auf dieser Welt, so frage ich mich, ist so reich beschenkt wie wir?

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