Was hältst Du von einem Schutzengel?

Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe.

Diese Zusage an das verängstigte und den Weg durch die Wüste suchende Volk finden wir im Buch Exodus (Ex 23,20). Gottes gute Ratschläge für den Auszug aus der Sklaverei Ägyptens und für ein gelingendes Leben enden mit dieser Verheißung. Und diese sind heute noch genau so aktuell wie damals.

Engel erleben zur Zeit eine Renaissance. Klassik Radio meldete vor kurzem, dass die Stadt Bremen „Engel-Stadtrundgänge“ anbietet. Den neugierigen Touristen werden vergessenen Denkmäler, Statuen und Gemälde mit den verschiedensten Engeldarstellungen gezeigt. Was wir lange Jahre als Relikt seliger Kinderzeit vergessen hatten, hat Konjunktur. Anselm Grün hatte schon vor Jahren mit seinem Bestseller „50 Engel für das Jahr“ eine wahre Bücherflut ausgelöst

Von Engeln wird auch wieder gesungen, vor allem vom Schutzengel, den man  – bitte schön –  nicht übersehen möge bei der Raserei auf den Straßen: „Fahr nicht schneller, als Dein Schutzengel fliegt, weil ihm viel an deinem Leben liegt“, so tönte es schon vor Jahren aus dem Radio. Dann folgten wohlmeinende Ermahnungen für die Frau/den Mann am Steuer, die in dem theologischen Unsinn gipfelten: „Wenn Du rast, dann kommt er (der Engel, Anm. d.V.) nicht mehr mit, denn nur in Grenzen hält er mit dir Schritt!“

Eine fromme Bewegung mit dem Namen „Engelwerk“ machte ein Zeitlang von sich reden. Die Art und Weise der Verehrung der Engel, wie sie da gepflegt wurde und der Einfluss der Anhänger dieses „opus angelorum“ auf höhere Kirchenkreise erregte die Gemüter und füllte die Kolumnen der Presse.

Dass dies alles in unserer so aufgeklärten Neuzeit möglich war, verwundert ein wenig. Hat Aufklärung nicht stattgefunden? Waren die Engel nicht doch nur Ersatzfiguren bei der Ablösung einer heidnischen Götterwelt durch den einen wahren Gott? Oder scheitert Aufklärung an den Eingangstoren der Herzen? Empfindungen und Gefühle aus frühen Lebensjahren tauchen anscheinend im Erwachsenenalter wieder auf, besonders dann, wenn man erlebt, wie Kinderauf wunderbare Weise aus gefährlichen Situationen gerettet werden. Dann sagen wir erleichtert (ob gläubig oder ungläubig): „Das Kind hat einen Schutzengel gehabt!“

Mitte September bekannte Frau Sozialministerin Hadertauer im Fernsehen, sie hätte dem Ministerpräsidenten, als sein Dienstwagen nur knapp einem Zusammenstoss mit einem Geisterfahrer ausweichen konnte, in einer SMS geschrieben: „Wir haben einen Schutzengel gehabt!“

Wir sind also gar nicht von gestern, sondern sehr modern, wenn wir die alte Tradition der Verehrung von Schutzengeln pflegen und die Boten Gottes, die Engel, nicht vergessen.

Engel werden zwar im Credo, dem verbindlichen Glaubensbekenntnis, nicht erwähnt; gehören aber zu der von Gott erschaffenen „unsichtbaren Geisteswelt“. Deshalb geht es um die Frage, wie wir die Rede von den Engeln Gottes verstehen sollen und wie wir in unserer modernen Welt eine redliche Frömmigkeit pflegen, die sich nicht lächerlich macht.

Die eingangs zitierte Zusage Gottes „Ich werde einen Engel schicken“…birgt noch eine tröstliche Verheißung. Es heißt dann weiter:

Achte auf ihn und hör auf seine Stimme! Widersetz dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig.
Wenn du auf seine Stimme hörst und alles tust, was ich sage, dann werde ich der Feind deiner Feinde sein und alle in die Enge treiben, die dich bedrängen. Mein Engel wird dir vorausgehen“.
(Ex 23,20-23b)

Hier wird deutlich, dass die Engel eine Dolmetscherrolle spielen. Sie sind sozusagen der Mund Gottes, die Überbringer seiner Ratschläge und Weisungen, die wir nicht überhören sollen.

Eine Geschichte, die der indische Jesuit Anthony de Mello überliefert hat, scheint mir ganz gut an das Geheimnis der Engelwelt heranzuführen. Sie trägt die Überschrift „Gott, der Ernährer“ und lautet folgendermaßen:

Gott beschloss, der Erde einen Besuch abzustatten, also schickte er zuvor einen Engel hinunter, um zu sehen, wie dort die Lage war.

Der Engel kehrte zurück und berichtete: „Die meisten haben nicht genug zu essen, und sehr viele sind arbeitslos.“

Gott sagte: „Dann werde ich in der Form von Nahrung für die Hungernden erscheinen und als Arbeit für die Arbeitslosen“.

Zugegeben: eine merkwürdige Geschichte, aber mit einem tiefen theologischen Sinn. – Der Engel Gottes erscheint als eine Art Vorhut Gottes, als Vorbote, was ja der ursprüngliche Sinn des Wortes ist: Angelos ist das griechische Wort für Engel, d.h. Bote, Gesandter, Repräsentant. Der Mädchenname „Angela“ leitet sich davon ab.

Die Engel sind also so etwas wie eine „Erscheinungsgestalt Gottes“ in dieser Welt. Ein Engel tritt nicht auf, weil er wichtig ist, sondern weil er Gott selbst wichtig erscheinen lässt. Deshalb haben Engel ganz verschiedene Gestalten, wie es in der Geschichte angedeutet wird: Gott erscheint „in der Form der Nahrung“ für die Hungernden, „in der Form der Arbeit“ für die Arbeitslosen und, so können wir jetzt ergänzen: „in der Form des mächtigen Schutzes“ für die Schutzlosen und Schwachen.

Das ist der Ansatz der Schutzengelverehrung: dass wir in den Engeln den mächtigen Schutz Gottes selbst gewahren und ihm deshalb dankbar die Ehre geben. „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen…. Denn in ihm ist meine Name gegenwärtig“.

Übersetzt heißt das: in ihm – im Engel – bin ich (Gott) selbst gegenwärtig.

Von der liebevollen Zuwendung Jesus zu den Kindern erzählt der Evangelist Matthäus. Kinder sind des besonderen Schutzes bedürftig. Es gibt auf der Welt nichts, was unseren Schutz und unsere Achtsamkeit so sehr nötig hat, wie ein Kind. Bei Matthäus heißt es: „Jesus stellt ein Kind in die Mitte“. Das ist nicht nur wörtlich, sondern auch symbolisch gemeint. Kinder gehören in den Mittelpunkt unserer Sorgfalt und Aufmerksamkeit! Sie sind die Ersten im Himmelreich!

Sie haben ein Vorrecht und einen Vorrang. „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten!“, warnt Jesus. Denn: „Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“, was so viel heißt wie: der himmlische Vater ist ihnen besonders nahe mit seiner schützenden Obhut, so nahe, dass er jedem einzelnen sozusagen seinen ganz persönlichen Schutzengel zur Seite stellt (vgl. Mt 18,1-5.10).

Manchmal sagt ein Patient einer Schwester oder einem Pfleger im Krankendienst „Sie sind mein guter Engel“. Das ist ein Ausdruck von Vertrautheit und Dankbarkeit. Wer so etwas hört, dem werden sicher nicht gleich die Flügel wachsen, aber er wird doch „beflügelt“ und motiviert in seiner Arbeit. Es wird ihm gut tun, zu erfahren, einem schutzbedürftigen und schwachen Menschen etwas vermitteln zu können von der umfassenden Fürsorge, die eigentlich nur Gott selbst gewähren kann.

Für den persönlichen Glauben und für das tägliche Tun kann der Gedanke, „einander ein guter Engel“ sein, die positiven Kräfte im sozialen Miteinander fördern.

Immer ist Gott selbst der Mittelpunkt des gläubigen Menschen. Und auf dem Wege zu diesem Mittelpunkt wird ihm Hilfe und werden ihm Helfer geschenkt. Wer sich im Schutz des Allerhöchsten geborgen weiß, der kann ohne „altmodisch“ zu sein sagen: mein Schutzengel begleitet mich. Er hat nichts anders gesagt als: Gott steht zu mir – das glaube ich und darauf vertraue ich.

Mit einem gesunden Verständnis für die Engel kann man vielleicht sogar ein schmunzelndes und versöhnliches Verhältnis gewinnen zu dem von mir aufs Korn genommenen Schlagertext. Weite des Herzens ist angesagt – gerade in unserer Kirche heute. Und die Engel könnten sie uns vorzeigen – sie sind nämlich nicht eingeengt in Raum und Zeit, sondern wie Gott selbst immer und überall da – als seine göttlichen Boten, als seine Vorhut und seine Weise, uns nahe zu sein und zu bleiben.

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