Der Skandal von arm und reich

Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesungen: 1 Tim 6,11-16 –  Lk 16,19-31)

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Kürzlich trafen sich am Sitz der UNO in New York die Regierenden vieler Nationen zu einem Armutsgipfel. Es ging wieder einmal um das Problem, wie die Entwicklungshilfe verbessert, wie Kindersterblichkeit, Hunger und Armut in der Welt besser bekämpft werden könnten. Der gute Wille bei den reichen Ländern ist da, aber das selbst gesteckte Ziel, nämlich bis 2015 0,7 % des Bruttosozialprodukts für die Entwicklungshilfe aufzubringen, liegt noch in weiter Ferne.

Dass Armut und Not kein neuzeitliches Thema ist, wird uns heute in der Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus vorgestellt. Dieses Gleichnis ist uns schon aus Kindertagen vertraut, weil sich starke Bilder tief in die Kinderseele einprägen. Wir leiden schon sehr früh an sozialen Ungerechtigkeiten.

Jesus hat diese Geschichte nicht erst erfunden, sondern von einer ägyptischen Erzählung übernommen, die bei den Juden in verschiedener Fassung im Umlauf war. Das Schema ist immer gleich: ein in dieser Welt armer, aber frommer Mann, gelangt im Totenreich zu Glück und Wohlleben – ein in dieser Welt Reicher hingegen stürzt am Ende ins Verderben. Unser natürliches Empfinden sagt, dass das so sein muss: siegen muss einmal die ausgleichende Gerechtigkeit, wenn schon nicht in dieser Welt, so dann wenigstens in der jenseitigen.

Jesus wollte mit dieser Geschichte wohl auf die Gefahren hinweisen, die im Reichtum stecken. Reichtum fesselt das Herz und vernebelt den Blick für das Gute. Der Reiche kann sich alles leisten, kann die Bedingungen für ein glückliches Leben eigenmächtig herstellen. Der Arme kann nur leben, wenn ihm jemand etwas zum Leben gibt. Er kann sich selbst nicht helfen. Er kann nur noch von der Güte hilfsbereiter Mitmenschen leben, zuletzt von der Güte Gottes.

Die Geschichte erinnert noch an eine andere Wahrheit. Der Mensch ist persönlich verantwortlich für sein Leben. Das wird er in letzter Radikalität erfahren, wenn der Tod an seine Tür klopft. Dann kann sich keiner mehr einfach nur auf gute Beziehungen zu wichtigen Persönlichkeiten hinausreden. Der reiche Prasser hatte es versucht, als er an den Stammvater Abraham erinnerte und damit an seinen Vorteil als Mitglied des von Gott auserwählten Volkes. Von Abraham durfte er Solidarität erhoffen, Fürsprache und Rettung aus seiner Qual. Aber Abraham kann ihm nicht helfen. Ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund ist zwischen denen, die getröstet werden und denen, die die Folgen ihres Tuns tragen müssen.

Und schließlich hat Jesus noch eine andere Botschaft in die Erzählung eingewoben. Er möchte seine Zuhörer vor der Vorstellung warnen, es gäbe so etwas wie eine direkte „Funkverbindung“ zwischen Diesseits und Jenseits, man könne einander raten und/oder warnen. Der reiche Prasser hätte ja gern seine fünf noch lebenden Brüder gewarnt. Aber auch das ist nicht möglich. Weisung und Rat muss man mitten in der Welt hören, von Menschen wie Mose und die Propheten, also von vorbildlich unter uns Lebenden. Diesen soll man Gehör schenken.

Dem aufmerksamen Zuhörer dürfte nicht entgangen sein, dass Jesus die Geschichte auch als Vorbereitung zum Verständnis seines eigenen Todes und seiner Auferstehung deutet. Denn einerseits sind die Menschen begierig nach Botschaften aus dem Jenseits, andererseits aber wehren sie ab, wenn Gottes neue Welt wirklich einbricht in die Zeit, wie wir es in der Menschwerdung Jesu erfahren haben: das göttliche Leben ist ja eingefleischt in die vom Tod gezeichnete Welt und hat sie zur Auferstehung verwandelt.

Auferstehung der Toten – das ist der Realismus Gottes und das ist mehr als menschliches Denken hervorbringen kann – das geht über menschliches Begreifen hinaus – und trifft deshalb oft auf taube Ohren.

Was Jesus in diesem Gleichnis sagen will, findet sich im Timotheusbrief in praktischen Ratschlägen verdichtet. Es sind diese drei:

1. Du kannst nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern musst dich immer wieder einmal fragen, was richtig und gut ist und was zu tun und zu unterlassen ist.

2. Wenn Du reich bist, bist Du besonders gefährdet und solltest deshalb dein Leben mit großer Wachsamkeit führen. Nutze die Möglichkeiten, die im Reichtum stecken, für gute Taten und hänge dein Herz nicht an deinen Besitz.

3. Das letzte Wort über dein Leben wird nicht in dieser Welt gesprochen, sondern erst am Ende des irdischen Weges. In der Zwischenzeit gilt es, auf vorbildliche Menschen zu hören, wenn sie dich mit ähnlichen Worten wie Paulus ermutigen: “besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben”

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