Erntedank

Predigt zum Erntedankfest am 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesungen: Joel 2,21-24.26-27 –  Lk 17,5-10)

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Das Erntedankfest ist in ländlichen Gegenden ein beliebtes Fest. Das Betrachten der kunstvoll ausgelegten Erntegaben in den Kirchen tut der Seele gut. Die Menschen freuen uns über die Früchte der Erde, über die Schönheit der Schöpfung und ihren Reichtum.

Von Jesus wissen wir, dass er ein Naturfreund war. In vielen Reden verwendet er Bilder aus der Natur und aus der Landwirtschaft.

Da erwähnt er das kleine Senfkorn, das unscheinbar zu wachsen beginnt und dann doch zu einem üppigen Strauch heranreift. Da redet er vom Einwurzeln und Verpflanzen eines Maulbeerbaums, vom Pflügen und vom Vieh hüten, vom Arbeiten und Ausruhen nach getaner Arbeit, als sei das Leben des Menschen zutiefst verschränkt mit seiner ländlichen Umwelt.

An anderer Stelle vergleicht er Menschen, die ihm folgen wollen mit einem, der die Hand an den Pflug legt und nicht mehr zurückschauen soll – sonst tauge er nicht für das Reich Gottes.

Sind denn Bilder aus der Natur besser geeignet als technische Produkte, um den Glauben der Menschen zu stützen?

Wir müssen einräumen, dass uns die unmittelbare Naturnähe nicht mehr selbstverständlich möglich ist. Immer mehr Menschen leben in Ballungszentren und Großstädten. Der ländliche Raum leidet am Wegzug der jungen Generation. Und in den Städten ist es nur wenigen gegönnt, in einem Schrebergarten Naturnähe zu erleben. Deshalb sind auch an schönen Herbsttagen die Autobahnen voll mit Ausflüglern in die Natur. Irgendwie haben wir das Empfinden, draußen sei die Welt noch in Ordnung – Naturverbundenheit sei ein Garant für Gesundheit an Leib und Seele. Naturnähe erleichtere den Zugang zur Schöpfung und auch zu Gott selbst.

Aber bleiben wir realistisch und hüten wir uns vor einer übertriebenen Naturromantik. Die Welt, in der wir leben, ist unser Lebensraum, den wir nicht nur hüten und pflegen, sondern auch gestalten sollen. Paradiesische Zeiten wird es in dieser Weltzeit nicht mehr geben. Aus dem Paradies sind wir vertrieben. Dahin können wir nicht zurück. Aber wohin wir gehen – das ist das Reich Gottes. Davon hat Jesus gesprochen. Er hat uns eingeladen, daran zu bauen und unterwegs zu bleiben in diese neue und endgültige Welt, die mehr ist als ein neues irdisches Paradies.

Wie aber erreichen wir dieses Ziel? Sicher nicht allein durch unser rastloses Tun. Auch nicht durch zunehmende Anstrengung des Denkens, sondern vor allem durch einen Wandel unserer Einstellungen.

Und dieser beginnt mit dem Staunen und der Dankbarkeit. Staunen müssen wir wieder lernen darüber, dass es diese Welt und uns Menschen überhaupt gibt. Und Dankbarkeit ist einzuüben. Sie ist keine angeborene Fähigkeit. Dankbarkeit braucht auch Gründe! Und eben diese Gründe sind uns nicht mehr so leicht zugänglich, weil wir alles, was wir haben und besitzen, nur mehr als das Werk unserer eigenen Hände wahrnehmen.

Haben nicht wir selbst alles gebaut und gestaltet, was da zu sehen und zu bestaunen ist? Sind nicht wir die Hersteller der Güter dieser Welt – vor allem der technischen Errungenschaften?

Der Philosoph Martin Heidegger hat ein Wort für diese von Menschen gemachte Welt geprägt – er hat vom „Gestell“ gesprochen, dem Produkt menschlichen Schaffens, das er vor sich hin-stellt und dann stolz bewundert. In den groß angelegten Ausstellungen und Messen weltweit – wie zur Zeit im Autosalon in Paris – kann man dies erkennen.

Vor einer Gefahr der Selbstüberschätzung und dem Verlust des Wissens, dass Gott alles in allem ist, warnte schon der Prophet Jesaja seine Landsleute in Jerusalem:

„Ihr habt (so sagt er) – zur Verteidigung Euerer Stadt – die Häuser gezählt und mit Steinen die Mauer befestigt; ihr habt zwischen den beiden Stadtmauern ein Becken angelegt, um das Wasser des alten Teiches zu sammeln als Vorrat, doch ihr habt nicht auf den geblickt, der alles bewirkt: ihr habt nicht auf den geschaut, der alles aus der Ferne bestimmt“ (vgl. Jes 22,1-14).

Zweifellos dürfen wir unsere Werke bewundern und auch stolz sein auf das, was wir alles so geleistet und erfunden haben. Wehe aber, wenn wir darüber vergessen, dass es da noch Dinge gibt, die wir nie und nimmer aus eigener Kraft hervorbringen können.

Z.B. das Wachstum der Früchte der Erde. Kunstdünger und raffinierte Anbaumethoden, Genmanipulation an den Nahrungsmitteln, steigern zwar den Ernteertrag, aber zu viel des Guten hat uns auch neue Probleme und Nöte beschert. – Immer wieder sind wir in der Gefahr, zu vergessen, was der Prophet Jesaja an anderer Stelle gesagt hat. Er überlieferte uns Gottes mahnende Worte: „Bin nicht ich es, der Himmel und Erde erfüllt!“ (vgl. Jes 23,24)

Macht doch Euere Ohren und Augen auf und schaut die Welt an, wie sie ist. Schaut euch in den Tagen der Ernte an, was da so alles geworden ist – zum größten Teil auch ohne Euer Zutun.

In einer Gleichnisrede erzählt Jesus von einem Bauern, der jeden Tag auf seine Felder geht und sie bestellt. Er sät den ganzen Tag und legt sich dann zur Ruhe. Ohne sein Zutun – sozusagen über Nacht – wächst die Saat. Im griechischen Orginaltext steht dafür das Wort „automatisch“ – ganz von selbst. Der Bauer muss nur warten bis zur Zeit der Ernte, die er dann mit Freude einbringen wird.

In allen Kulturen sind Erntezeiten immer schon frohe und ausgelassene Feste gewesen. Die Menschen wussten, wem sie alles zu verdanken haben.

Unser Erntedankfest erinnert an die vergessene Wahrheit, dass das meiste, was ist, nicht von uns verursacht und hergestellt, sondern dass es uns geschenkt worden ist. Und wer wahrnehmen kann, dass er ein Beschenkter ist, der hat auch wieder Gründe zum Danken und Loben.

Unser Dank fließt ein in die große Feier des Dankes, die Eucharistiefeier. In ihr bringen wir Brot und Wein zum Altar, Zeichen für das Leben und für die Freude und bitten Gott um seine verwandelnde Kraft, damit sie uns Brot des Lebens und Kelch des Heiles werden.

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