Gott ist die Liebe. Warum dann Krankheit und Leid?

Ein ungelöstes Problem

Diese Frage wurde seit Menschengedenken noch von keinem Weisen oder Gelehrten befriedigend beantwortet. Krankheit, Leid und Tod sind argumentativ nicht erklärbar. Die Theologen sprechen vom sog. „Theodizeeproblem“. Damit haben sie nur einen Namen gefunden, aber das Problem nicht gelöst. Sie verweisen dann darauf, dass Gott sich selbst vor dem fragenden und anklagenden Menschen verantworten müsse. Was immer er aber zu seiner Verteidigung auch unternommen hat, Menschen verstehen es (lange) nicht und bleiben fürs erste ratlos und enttäuscht zurück. Leiden ist eben auf weite Strecken auch ein Nicht-Verstehen.

Lohnt sich dann überhaupt noch die Anstrengung, etwas Sinnvolles zu diesem schwerwiegenden Thema zu sagen? Oder wäre es nicht besser zu schweigen, wie ein Weisheitslehrer aus dem Osten empfiehlt?:: „Wer weiß, der redet nicht – und wer redet, der weiß nicht!“

Sprachlosigkeit und Schweigen

…  können aber nur eine mögliche Reaktion auf Krankheit und Leid sein. Wir kommen nicht umhin. Wir müssen dieser existentiellen Betroffenheit Raum und Zeit geben. Denn aus Erfahrung wissen wir, dass schnelle, beschwichtigende und fromme Erklärungen und Trostworte keine Hilfe sind. Wir müssen versuchen, das Unsagbare in Worte zu kleiden, dürfen die Betroffenen nicht allein lassen mit ihrem Kummer. Nicht mit Rat-schlägen, sondern mit emphatischen (einfühlsamen) Fragen sollte ein Gespräch in Gang gebracht werden mit und zwischen den Betroffenen. Das vertrauensvolle Arzt/Pflegekraft-Patientengespräch und/oder eine Selbsthilfegruppe sind geeignete „Sprechzimmer“ für die Annäherung an eine Antwort. Schon der Wechsel von einem „Warum“ zu einem „Wozu“ kann neue Sichtweisen erschließen Das „Warum“ sucht Gründe in der Vergangenheit, das „Wozu“ hofft im Blick auf die Zukunft fündig zu werden, geht insgeheim davon aus, dass das Ganze vielleicht doch einen (noch) verborgenen Sinn hat.

Die Grenze geschriebener Texte

In einem schriftlichen Beitrag fehlt allerdings die beruhigende Melodie der hörbaren Sprache und das Erlebnis eines konkreten Gegenüber. Das ist ein Nachteil gegenüber einer direkten Kommunikation, die mit jedem geäußerten Gedanken einen „Sprachraum“ eröffnen kann. Das Lesen eines Notenblattes ist noch nicht das Vernehmen einer Melodie. Deshalb lade ich die Leser und Leserinnen ein, über die folgenden Gedanken zu reden und/oder den einen oder anderen Hinweis in konkretes Verhalten oder Tun einfach mal umzusetzen. Wir lernen alle mehr durch Erfahrung als durch Belehrung.

Für Christen gilt zunächst folgende Erfahrung: auf dieser Welt gibt es keine Erlösung von Krankheit, Leid und Tod, sondern nur eine Erlösung in Krankheit, Leid und Tod. D.h. es kann immer nur auf das Durchhalten und Aushalten ankommen, allerdings nicht ohne einen hoffnungsvollen Grund. Im Blick auf die Geschichte der Menschen mit Gott lässt sich feststellen: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche und Gebete, aber er erfüllt alle seine Verheißungen! Gott nimmt das Leid nicht einfach weg, sondern nimmt auf seine rätselhafte Weise Anteil am Leid. Immer wieder stellt man fest, dass eine leidvolle Passage erst im Nachhinein anders bewertet werden kann. „Es hat schon so sein müssen“, sagen oft einfache Leute im Rückblick auf durchlittenes Leid! „Ich habe viel dazugelernt, was ich vorher so nicht verstanden habe“. Manchmal höre ich sogar ein noch kühneres Wort: „Die Tatsachen sind geblieben! Doch in mir ist alles anders geworden!“

Antwortversuche

Viele gängige Antworten wären also mit diesen ersten Einsichten zu verknüpfen und auf ihren brauchbaren Wert hin zu überprüfen.

Schwer ist es dennoch für uns alle, Krankheit und Leid anzunehmen und zu verstehen. Mit allen möglichen Deutungen versuchen wir uns zu helfen:

Wir sagen z.B.

  • es ist ein Verhängnis
  • es ist ein Schicksal
  • es ist eine Prüfung
  • es ist eine Strafe Gottes
  • es ist eine Chance zum Nachdenken
  • oder: doch nur eine vorübergehende Zeit bis zur sicheren Genesung.

Unsere Erfahrung sagt uns doch, dass das Leben ein ständiges Hin und Her ist.

Ich nenne ein paar Beispiele:

Man sagt zum Beispiel: Krankheit, Leid und Tod sind …

  • die Konsequenz eigenen Fehlverhaltens („ungesunder Lebensstil“, „Suizid auf Raten“, usw.)
  • die Folge eines „nicht gelebten Lebens“
  • eine verdiente Strafe für persönliche Sünden oder für die Ursünde der Menschheit (Erbsünde, individuelle oder kollektive Vergeltungslogik)
  • ein unabwendbares, tragisches Schicksal (griechisches Denken)
  • ein Teil des unbegreiflichen Gottes selbst (Karl Rahner SJ)
  • Von Gott selbst verursacht (!) Ungewöhnlich ist dieses Behauptung, aber nachzulesen in der Bibel:
    „Ich erschaffe das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt“. (Jes 45,7)
    „Geschieht ein Unglück in der Stadt, ohne dass der Herr es bewirkt hat?“ (Amos 3,6)
    „Gutes und Böses, Leben und Tod, Armut und Reichtum, kommen von Gott“ (Sirach 11,14)
    „hier ein Beispiel eines Schuld-Ergehens-Zusammenhangs…)
     

Diese letzte überraschende Erklärung hat man den Schuld-Ergehens-Zusammenhang genannt. Er wird allerdings nicht in allen Büchern der Hl. Schrift konsequent beglaubigt, sondern bereits im Buch Hiob in Frage gestellt und von Jesus ausdrücklich aufgehoben. Als die Jünger ihn bei der Begegnung mit einem Blindgeborenen betroffen fragen, wer denn gesündigt habe, er oder seine Eltern, dass dieser so mit Blindheit geschlagen wurde, antwortet er: „Weder er noch seine Eltern“ (vgl. Joh 9,1-12). Vielmehr gibt Jesus dieser Situation einen ganz anderen Bezugsrahmen. Gottes unbegreifliche Heilsmacht soll erkennbar werden.

 

Unterschiedliches Verhalten

Die Menschen verhalten sich in Krankheit und Leid sehr unterschiedlich.

  • Sie fügen sich trotzig in das Unabwendbare
  • Sie nehmen alles vertrauensvoll an und halten stand: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen“ (Ijob, 2,20)
    Sie hoffen wider alle Hoffnung: „Zwar blüht der Feigenbaum nicht, an den Reben ist nichts zu ernten, der Ölbaum bringt keinen Ertrag, die Kornfelder tragen keine Frucht: im Pferch sind keine Schafe, im Stall steht kein Rind mehr. Dennoch will ich jubeln über den Herrn und mich freuen über Gott, meinen Retter. (Hab, 3,17-19)
  • Sie suchen einen Verantwortlichen und/oder beschuldigen Gott selbst
  • Sie kämpfen unermüdlich dagegen an.
  • Sie resignieren und kapitulieren

Offenbar gibt es doch keine allgemein gültige und verbindliche Weise, mit Krankheit und Leid umzugehen.

Der  mutige Blick auf einen (Mit-)Leidenden

Christen aber haben die Möglichkeit, sich an Jesus Christus selbst zu orientieren. Denn bei ihm sind alle dem Menschen vertrauten „Antwortversuche“ vorgelebt:

  • Er protestiert und begehrt gegen das Leid auf, konkret während seines Prozesses: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23)
  • Er hadert und ringt mit Gott: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34)
  • Er kennt die Rolle des stellvertretenden Leidens: „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt“. (1. Petr 2,24)
  • Er geht durch Widerstand hindurch bis zu einer Haltung der Ergebung – in Annahme und Einverständnis „Es geschehe dein Wille“. (Mt 26,42)

Im Hinschauen auf einen kranken und leidenden Menschen wird fremdes Leid erfahrbar und Mit-leid (besser: Mit-gefühl) geweckt. Dadurch bleibt der Leidende nicht mehr allein, sondern der Mitfühlende wird für ihn zu einem „bedeutsamen Anderen“. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Aus dem Antlitz des Gekreuzigten in der Neumünsterkirche Würzburg (Bild) kann der Betrachter die stille Botschaft hören: „Schau her, ich stecke in deiner Haut!“

In der Leidensgestalt des Gekreuzigten Jesus von Nazareth, der zugleich der Auferstandene ist, deutet sich ein Durchgang und das erlösende Ende von Krankheit, Leiden und Tod an. So entsteht Trauerkraft und Trost im Leiden, und nicht erst nach dem Leiden.

„Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? … Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Röm 3,6.8)

[print_link]

Print Friendly, PDF & Email