Grenzenloses Heil. Wie die Fremdheit überwinden?

Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

(Lesungen: 2 Kön 5,14-17 – 2 Tim 2,8-13 – Lk 17,11-19)

Die Predigt hier anhören!

Alle liturgischen Texte (hier)

[print_link]

Anerkennung und Widerspruch hat er bekommen, der Bundespräsident – bei seiner ersten Grundsatzrede zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Der Islam gehöre zu Deutschland, sagte er und die Repräsentanten der Muslime zollten ihm Lob. Kritik bekam er  von vielen Seiten: der Islam sei mit der deutschen Kultur nicht vereinbar, denn seine Rechtsordnung, die Scharia, stehe gegen das Grundgesetz. Dennoch müssen wir lernen, miteinander im Frieden zu leben.

Konflikte zwischen Glaubenswelten und Kulturen sind nichts Neues. Das Buch „Kampf der Kulturen“ des Amerikaners Huntington hat schon vor Jahren Aufsehen erregt. Nicht zu vergessen sind die jüngsten Debatten zu den Thesen Sarazins. Und die Idee einer multikulturellen Gesellschaft, von den Grünen einmal angekündigt, lässt sich nicht einfach verwirklichen.

Am schärften prallen die Glaubenswelten und Kulturen derzeit im vorderen Orient aufeinander – im Dauerstreit und –kampf zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Wir sind ratlos und fragen uns bang, was das alles zu bedeuten habe. Auch Theologen schweigen lieber zu den Tatsachen, weil sie keine klugen Antworten finden. Sie verweisen lediglich auf die tausendjährige Geschichte Israels und stellen resigniert fest, dass alles immer schon so war.

Auch zu Zeiten Jesu hatte es Israel schwer, seine religiöse und kulturelle Identität zu wahren. Man wollte um Gottes willen keine Vermischung der Völker und grenzte sich deshalb scharf gegen alle ab, die einen anderen Glauben hatten. In den Augen der Völker waren die Juden Sonderlinge und ihr Lebensraum oft genug Angriffsziel mächtiger Reiche.

Wir Katholiken haben uns früher ähnlich ausgrenzend verhalten. Man mied den Umgang mit Andersgläubigen. Mischehen waren unerwünscht. Sie könnten ja zu einer Aufweichung der eigenen religiösen Überzeugungen und zum Abfall vom wahren Glauben führen. Nicht selten gab es offenen Streit und bittere Feindschaft zwischen den konfessionsverschiedenen Familien.

Was sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil nun doch geändert hat, nahm aber schon in biblischer Zeit und vor allem mit dem Auftreten Jesu seinen Anfang. Ein anderes Gottesbild begann zu wachsen und entwickelte sich langsam bis in unsere Tage. Wir sagen jetzt: Gott schließt keinen Menschen von seiner Liebe aus. Er ist der Gott und Vater aller Menschen. Niemand ist ihm fremd. Auch Andersgläubige, Nichtchristen, Ungetaufte und Angehörige anderer Weltreligionen gehören zur der großen Menschheitsfamilie auf ihren Suchwegen zu Gott. Sie gehen möglicherweise nur Seitenwege, die aber alle in den Hauptweg zu Gott einmünden. In dem Buch „Salz der Erde“ fragt der Journalist Seewald den damaligen Kardinal Ratzinger: „Was ist der Weg zu Gott?“ Und Ratzinger antwortet: „Es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt“. Eine erstaunliche Botschaft!

Im 2. Buch der Könige und im Lk-Evangelium werden Geschichten erzählt, in denen sich dieses neue Denken vorbereitet.

Der Syrer Naaman, ein Heide in den Augen der Juden, pilgert zum hl. Fluss Jordan, um sich dort auf Weisung des Propheten Elischa, zu reinigen. Er nimmt ein Tauchbad, vollzieht ein altes Ritual der Erneuerung und Heilung.

Der Prophet zögerte zuerst. Durfte er überhaupt einem Nicht-Juden zu Hilfe kommen? Darf man jemanden heilen, der nicht zum Volk Gottes gehört? Elischa überschreitet die Konfessionsgrenze und erlebt einen dankbaren und geheilten Fremden, Naaman aus dem heidnischen Nachbarland Syrien. Elischa nimmt ganz bewusst keine Dankesgeschenke an, um nicht in den Verdacht zu geraten, er selbst hätte das Wunder der Heilung vollbracht. Naaman versteht diesen stillen Hinweis: ein ganz anderer nur kann der Adressat des Dankes sein, der Gott Israels und der Gott aller Menschen. Jahwe allein gebührt der Dank. Diese Erkenntnis nimmt der Geheilte mit in seine Heimat.

Die Heilung der zehn Aussätzigen, von denen Lukas erzählt, enthält eine ähnliche Botschaft. Denn der einzige, der zurückkehrt, um sich zu bedanken, ist ein Andersgläubiger, ein Samariter, nicht ein Angehöriger des Gottesvolkes!

Ausführlich wird die Geschichte aufgebaut. Alle, die das Geschehen miterleben, halten den Atem an. Da der Aussatz ansteckend ist und es damals keine medizinische Heilungsmöglichkeit gab, war den Betroffenen ein schlimmes Schicksal gewiss: sie wurden aus der Gemeinschaft der Gesunden ausgestoßen, durften nur außerhalb der Wohnsiedlungen hausen und waren verpflichtet, Abstand zu halten, wenn sich jemand ihnen näherte. Mit Schellenklängen und Zurufen mussten sie den Ahnungslosen warnen: „Unrein, Unrein“, mussten sie rufen, so verlangte es die religiöse Ordnung. Körperliche Krankheit galt zudem als Zeichen für seelische Unordnung und Sünde. Sünder und Aussätzige werden in der Bibel in einem Atemzug genannt und gleich behandelt. Man muss sie meiden. Denn auch Sünde ist ansteckend.

Deshalb blieben auch die 10 Aussätzigen in der Ferne stehen und baten Jesus, von dem sie gehört hatten, dass er Kranke gesund machen kann: „Hab Erbarmen mit uns!“ Jesus gewährt ihnen Heilung und fordert sie auf, ihre Genesung den Priestern anzuzeigen. Priester hatten damals die Funktion einer Gesundheitsbehörde. Sie konnten jemanden „gesund“ oder „krank“ schreiben.

Die geheilten Aussätzigen gehen ihrer Wege und vergessen das Danken. Nur einer, der andersgläubige Samariter, bedankt sich.

Was wir aus den beiden Geschichten mitnehmen könnten, lässt sich in vier Punkten zusammenfassen:

1. Gott ist in Jesus Christus wirklich der „Heiland“ aller Menschen. In seiner Nähe werden auch die für unheilbar gehaltenen Menschen heil. Kein Mensch ist für immer verloren, wenn er gläubig die Nähe Gottes sucht.

2. Das auserwählte Volk Israel ist zwar der erste Empfänger des göttlichen Erbarmens. Aus seiner Mitte kommen die großen Propheten und Weisheitslehrer. Aus ihm stammt, wie der jüdische Theologe Schalom Ben Chorim sagte, unser „Bruder Jesus“. Aber das Heil ist nicht auf das Gottesvolk beschränkt, sondern für alle da, für die andersgläubigen Samariter, die Heiden, die Griechen, für alle Völker und Kulturen.

3. Manchmal zeigt es sich, dass Menschen von schlichter Menschlichkeit Gott näher sind als Menschen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Kirche meinen, sie hätten das Heil schon sicher in der Tasche. Das ist ein kleiner Rippenstoß für uns Kirchgänger: wir sollen diejenigen, die nicht regelmäßig am gottesdienstlichen und sakramentalen Leben der Kirche teilnehmen, nicht ausgrenzen oder selbstgerecht über sie reden! Gottes Heil lässt sich nicht in Kirchenmauern eingrenzen.

4. Schließlich werden wir an die schuldige Dankbarkeit erinnert. Alles, was wir sind und haben, ist Geschenk von Gott. Deshalb ist es richtig und gut, „in Wahrheit würdig und recht“, so singen wir im Hochgebet vor dem Sanctus, Gott die Ehre zu erweisen und ihm immer und überall zu danken.

Von ihm dürfen wir alles erhoffen, was wir brauchen: Gesundheit und Heil und ewiges Leben.

Print Friendly, PDF & Email