Überraschungsgast in Jericho

Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis – Kirchweihfest

(Lesungen: 1 Petr 2,4-9  – Lk 19,1-10)

Die Predigt hier anhören!

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„Überraschungsgast in Jericho“. Das wäre so eine Schlagzeile zum heutigen Evangelium am Kirchweihtag. Das Wesentliche einer Nachricht wird ja mit einer Schlagzeile gesagt. Eilige Leser können sich den Rest sparen.

Wenn es stimmt, dass ein Drittel der deutschen Bevölkerung keiner Kirche mehr angehört – ca. 30 % sind Katholiken, ca. 30 % evangelische Christen – dann verwundert es schon, dass sich das Wort Kirchweih und die damit verbundenen Bräuche trotzdem hartnäckig durchhalten. Man weiß einfach, was auf dem Küchenzettel zu stehen hat, man lädt immer noch zum Kirchweihtanz ein und mancherorts gibt es sogar einen eigenen Markt.

Aber das Wesentliche dieses Festes ist vielen Zeitgenossen verloren gegangen. Kirchen werden als Baudenkmäler besucht und bewundert, Orgelkonzerte und Hochämter mit aufwändiger Musik – z.B. im Regensburger Dom – sind ein Magnet für Touristen. Wer aber fragt noch nach, warum wir Kirchweih feiern und welche Bedeutung dieses Fest für unser Leben haben kann?

In allen Religionen gibt es sog. Heiligtümer, Orte des Gebetes und Opferbringens. Dort kann der Mensch verweilen, aus seinen täglichen Beschäftigungen heraustreten und mit Gott Verbindung suchen. Der Mensch ahnt, dass sein Leben innerhalb der Grenzen des irdischen Daseins nicht aufgehen kann. Er sucht nach Sinn. An heiligen Orten und in religiösen Riten kann er über den Rand der Welt hinausdenken und sein vergängliches und unerfülltes Leben in einer Macht größer als er selbst – in Gott – bergen. Deshalb ist auch der Symbolwert von Sakralbauten hoch. Zu Recht erwarten wir, dass man sich in einer Kirche oder auch einer Moschee ehrfürchtig verhält.

Bis vor einigen Jahrzehnten war es selbstverständlich, beim Betreten einer kath. Kirche Weihwasser zu nehmen und eine Kniebeuge zu machen. Heute betreten die Menschen eine Kirche wie ein Museum und nur mit Hinweisschildern – oder mit eigenem Aufsichtspersonal in großen Kathedralen – lässt sich Ruhe und Ordnung sicherstellen. Haben wir vergessen, was die Botschaft einer Kirche aus Stein ist?

Der hl. Petrus, in dessen Namen der Verfasser des 1. Petrusbriefes schreibt, war Jude. Seine Gebetsstätte war der Tempel in Jerusalem. Und wir können davon ausgehen, dass er wenigstens einmal in der Woche, am Sabbat, zum Gebet in den Tempel ging.  Bei der Abfassung des 1. Petrusbriefes war dieser Tempel bereits von den Römern zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Wohin sollte man nun gehen, wo sich zum Gebet versammeln?

Petrus hatte im Jüngerkreis um Jesus eine Erfahrung gemacht, die sein Denken veränderte. Er hat Jesus als betenden Menschen erlebt, nicht nur im Tempel, sondern auch außerhalb des Tempels, mitten am Tag, in freier Natur, auf dem Berg Tabor z.B.  Und in den letzten Stunden ihres Zusammenseins mit Jesus auf dem Ölberg und im Abendmahlssaal erlebten Petrus und die anderen Jünger eine Weise des Betens, die unabhängig von einem offiziellen Gebetshaus möglich war. Die Versammlung der Jünger war ihm auf einmal selbst wie ein geistiges Haus vorgekommen. Denn mit Jesus in ihrer Mitte konnten sie die geheimnisvolle Nähe des Vaters spüren. Gott war ihnen nahe – auch außerhalb des Tempels.

Daran knüpft Petrus seine Einladung: die Christen sollten sich in ihren Gebetsversammlungen wie ein geistiges Haus begreifen, aufgebaut aus lebendigen Steinen und vom wichtigsten Stein, dem Eckstein, zusammengehalten. Ohne den Eckstein hat das Gewölbe keinen Halt und bricht zusammen.

Wir Christen sollen wissen, dass unsere Gebetsversammlungen nur dann Bestand haben, wenn wir uns zum Eckstein hin orientieren, uns vor IHM versammeln und gleichsam einfügen lassen in ein geistiges Haus, in dem Gott selber wohnt.

Dass Gott unter uns Menschen wohnen will, ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern eine Verheißung, die Jesus in seinem Tun bewahrheitet hat. Dem Zöllner Zachäus z.B. wurde sie geschenkt. Er war, obwohl ein Kollaborateur der römischen Besatzungsmacht und damit unbeliebt bei seinen jüdischen Volksgenossen, doch auch ein Sohn Abrahams und hoffte deshalb, dass Jesus nicht an ihm vorübergehen würde. Er war – wie wir alle – ein Mensch mit vielen Fragen und Mängeln. Er lebte nach bestem Wissen und Gewissen, war aber doch auch ein „Opfer seines Berufs“. Der Versuchung, höhere Zolleinahmen zu verlangen, als er für seinen Lebensunterhalt brauchte, konnte er nicht widerstehen.

Weil er offen war und sich für den Gesandten Gottes, für Jesus interessierte, ist seinem Haus Heil widerfahren. Gott schaut nicht auf das Äußere, sondern auf das Herz. Gottes Wohnstatt unter den Menschen ist das Herz des Menschen. Dorthin will er einkehren – zu einem jeden von uns. Und er ist – wie so oft – wirklich ein Überraschungsgast.

Wenn wir es am wenigsten für möglich halten, klopft der Herr an unsere Tür. Er drängt sich nicht auf, aber er lässt sich vernehmen. Wir müssen dazu nicht unbedingt besonders heiligmäßig sein. Nur ehrlich und offen müssen wir bleiben – Suchende und Ausschau Haltende nach Gott.

Wir, die Kirche, sind, wie Petrus sagt, ein geistiges Haus. Und wir können wie Zachäus hoffen, dass der Herr auch an uns nicht vorübergeht, sondern bei uns einkehren will zu einem gemeinsamen Mahl.

In unseren Kirchen brennt in der Regel das sog. Ewige Licht, die rote Ampel als Zeichen für die geheimnisvolle Gegenwart Gottes im Hl. Sakrament. Deshalb ist es üblich, eine Kniebeuge zu machen und in der Haltung der Anbetung zu verweilen. Dieses Licht hat aber noch eine andere, viel schönere Bedeutung. Es ist wie ein Aushängeschild mit der stillen Einladung: Komm her, freu dich mit uns tritt ein, denn der Herr will unter uns sein (wie wir zum Eingang gesungen haben). Wir sind zur Kommunion, zur Tischgemeinschaft mit Christus eingeladen. Wenn der Vergleich nicht zu plump ist, dann ist das so wie in der Oberpfalz, wo der Wirt mit einem Aushang bekannt gibt: jetzt gibt es etwas zum Essen und Trinken. Alle sind eingeladen.

Gott sie Dank haben wir noch Kirchen, die zum Gottesdienst einladen und zur Gemeinschaft mit dem, der unser Leben trägt und hält. Es liegt auch an uns, ob das in Zukunft noch so sein wird. Kirchen, in denen sich niemand mehr zum Gebet versammelt, stehen bald leer und werden zweckentfremdet. Heute, am Kirchweihtag, müssen wir auch darüber nachdenken und uns fragen, was jeder einzelne von uns tun kann, dass es nicht so weit kommt.

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