Verantwortung – Last oder Lust?

Predigt beim XXXIV. Internationalen Kongress für Pflegeberufe in Salzburg

Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis:
Sir 35,15b-17.20-22a und Lk 18,9-14 (Pharisäer und Zöllner – und ihre Verantwortung)

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738.765 Worte zählt die Bibel. Und nur 9x kommt das Wort Verantwortung vor: 8x im Zusammenhang mit kultischen Vorschriften. Und nur ein einziges Mal in dem bedenkenswerten Rat des Jitro an seinen Schwiegersohn Mose: „Entlaste dich und lass auch andere Verantwortung tragen“. (Ex 18,22).

Lange habe ich deshalb überlegt, welcher Text aus dem reichen Lebenswissen der Hl. Schrift mit unserem Kongressthema zu tun hat. Die Lesungen des heutigen Sonntag einfach zu übernehmen, schien mir anfänglich nicht möglich. Denn wie kann einer Verantwortung übernehmen, der sich – dem Wort Jesu folgend – selbst erniedrigt, klein macht und gering von sich denkt? Neigt er nicht von vorneherein dazu, sich vor verantwortungsvollen Aufgaben zu drücken und das Spielfeld anderen zu überlassen: „Mach nur Du, ich kann das nicht – und ich will mich da nicht vordrängen…“

Zudem beobachten wir, wie sich die Einflussreichen und Mächtigen in Politik und Gesellschaft wechselseitig erhöhen und/oder erniedrigen – das alte Spiel treiben, von dem schon das Märchen Schneewittchen erzählt: „Spieglein, Spieglein an der Wand. Sag mir: wer ist die schönste im ganzen Land?“

Wer ist der Schönste, der Größte? Natürlich der auf einem verantwortungsvollen Posten sitzt, zu dem dann die Leute aufschauen und den sie bewundern können.

Immer gibt es Menschen, die ihr Tun und Lassen mit dem Pathos der Verantwortung rechtfertigen, sich besser als andere dünken und ihre Ziele rücksichtslos verfolgen. Wenn sie dann scheitern, treten sie einfach zurück und übernehmen … die Verantwortung. Wie seltsam ist doch political correctness.

Liegt vielleicht in der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner doch ein Schlüssel für ein anderes verantwortungsvolles Verhalten?

Es ist eine Gleichniserzählung, die nicht nur damals zum Nachdenken anregen sollte. Man muss aber genauer hinhören, um nicht voreilig den selbstbewussten Pharisäer zu verurteilen und den Zöllner zu loben, der sich nicht aus der Deckung traut und bescheiden und demütig wirkt.

Immerhin betet der fromme Pharisäer leise und dankt Gott dafür, dass er sich von anderen Menschen unterscheiden kann: er strebt danach, ein guter Mensch sein. Deshalb will er mit Räubern, Betrügern, Ehebrechern und auch dem Zöllner da nichts zu tun haben.

Übrigens stellt sich hier die Frage: wie konnte Jesus wissen, was der Pharisäer betete, wenn der Mann doch nach Lukas leise sprach? Das ist schon eigenartig und bedarf einer Erklärung. Wir können davon ausgehen, dass vor Gott alles offen liegt, dass ihm auch die heimlichen Gedanken der Menschen vertraut sind. In der Hl. Schrift heißt es einmal über Jesus: „Er brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist“ (Joh 2,25).

Übrigens offenbaren auch die äußere Haltung, das Auftreten und das Gehabe eines Menschen seine Gedanken. Nicht nur die Sprache verrät ihn, sondern seine ganze Gestalt. Wir sprechen einander ja auch ohne Wort an. Wir können einander im Schweigen begegnen, nonverbal miteinander kommunizieren.

So hat Jesus wohl die beiden im Tempel Betenden durchschaut. Ihr Auftreten hat mehr über sie ausgesagt als ihre Worte.

Den Zöllner verstehen wir gemeinhin als Gegenbild zum Pharisäers. Er hält sich im hinteren Bereich des Tempels auf. Mit einer Geste der Demut – er schlug sich auf die Brust – legte er seinen Zustand als armer und sündiger Mensch vor Gott dar. Allerdings geht der Evangelist davon aus, dass er vernehmlich sprach.

Wenn wir jetzt vor dem Hintergrund unseres Themas „Verantwortung“ nach dem Kern dieser Geschichte fragen, lassen sich drei Erkenntnisse gewinnen:

Die erste:

Pharisäer und Zöllner – das sind zwei Gestalten und Typen, wie wir sie auch in uns antreffen. Auch wir wollen gute Menschen sein, auch wir vergleichen uns mit anderen und streben verantwortlich nach einem besseren Leben. Andererseits erfahren wir auch unsere Grenzen, erleben wir uns schwach und fehlerhaft.  Wir sind Pharisäer und Zöllner zugleich – und diese Einsicht sollte uns bescheiden machen. Sie verbietet jeden Dünkel und jedes abschätzende Vergleichen mit anderen. Vor allem auch deshalb, weil wir davon ausgehen können, dass Gott uns sowieso kennt.

Die zweite:

… betrifft unser Streben nach Gerechtigkeit, unsere gute Absicht, so verantwortlich zu leben, dass es recht ist und dass Unrecht zurückgedrängt wird. Sich um einen Ausgleich der Interessen bemühen, um Verteilung der materiellen und geistigen Güter, damit es allen Menschen gut geht, ist der konkrete Inhalt eines verantwortungsvollen Lebensstils – nicht die mögliche „Erhöhung“ des Selbstwertgefühls oder die Mehrung des öffentlichen Ansehens.

Die letzte:

Zwei fromme Menschen – so unterschiedlich sie auch sind – gehen zum Beten in den Tempel. Damit bekunden sie öffentlich, dass sie an Gott glauben und ihm die Ehre geben. Sie versuchen nach der Weisung des Herrn zu leben. Ein Wort aus dem Buch Jesus Sirach dürfte ihnen da nicht unbekannt sein. „Ihr, die ich den Herrn lobt, singt laut, so viel ihr könnt; denn nie wird es genügen. Ihr, die ihr ihn (im Tempel) preist, schöpft neue Kraft, werdet nicht müde; denn fassen könnt ihr es nie“ (Sir 43,30). (Sirach meint hier die unbegreifliche Schönheit und Erhabenheit Gottes und seiner Schöpfung).

Diesen ganz anderen Ausdruck der Verantwortung sollten wir nicht übersehen. Man darf die Menschen nicht um Gott betrügen. Wir dürfen der Welt gegenüber nicht verschweigen, was wir von Gott gehört und von ihm empfangen haben. „Der Herr ist ein Gott des Rechts. Bei ihm gibt es keine Begünstigung“, haben wir in der Lesung gehört. Vetternwirtschaft ist Gott fremd. Vielmehr schafft er Recht. Gott hat ein Ohr für die Armen, die Bedrängten hört er. Und mit unseren Taten will er den Armen und Bedrängten zu Hilfe kommen. Diese gute Nachricht sollen die Menschen  mmer und überall mit Worten und noch viel konkreter mit Taten verkünden.

Der aus den Philippinen stammende Bischof Padilla sagt z.B. über seine Mission in der Mongolei: „Kommt und seht, ist unsere Devise. Wir laden Menschen ein, sich uns anzuschließen. Neugierige Fragen wie: Wer sind diese Fremden? Was tun sie? Warum sind sie hier in die Mongolei gekommen?, müssen beantwortet werden. Unsere Verantwortung besteht darin, eine Kirche zu sein, die willkommen heißt und ihrem Ruf als Verteidigerin der Armen und Unterstützerin der Bedürftigen gerecht wird.“

Wir können die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner jetzt wieder beiseite legen und uns noch einmal fragen, was den beiden wichtig war, nämlich gut zu leben, Gott die Ehre zu geben und sich in allem auf ihn zu verlassen.

Wer sich darum bemüht, braucht sich nicht mehr mit anderen zu vergleichen und um seinen Selbstwert bangen. Er wird erfahren, dass die von ihm übernommene Verantwortung nicht nur eine Last, sondern auch eine Lust sein kann.

Verantwortlich leben und arbeiten heißt dann: Man tut etwas – und dann geschieht etwas. Und das Geschehen – so stellt sich oft im Nachhinein heraus, ist eben nicht nur die Folge meines Tuns allein, sondern ist immer verschränkt und verwoben mit Ereignissen, die nicht in meiner Verfügung stehen, sondern unvorhersehbar und unkontrollierbar ins Leben hereinspielen. Auch deshalb ist es Unsinn, zu behaupten, der Mensch sei für alles verantwortlich, was geschieht. Auch deshalb ist der Rat des Jitro “Lass auch andere Verantwortung tragen“ heute noch brandaktuell. „Charles Pèguy hat sogar kühn behauptet: „Die Ereignisse, sagt Gott, das bin ich“. Immer ist das „Machbare“ rätselhaft mit dem „Wunderbaren“ verschränkt.

Dann ist kein Grund mehr zum Rühmen, sondern nur noch zum Staunen und Danken. Weil immer schon der erhöht wird, der sich selbst erniedrigt. In Verbindung mit unserem Gott haben wir eine Chance zu einer spielerischen und heiter gelebten, zu einer lustvollen Verantwortung. Das könnte ein Zukunftsprogramm sein für die vor uns liegenden nicht einfachen Zeiten.

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