Was vor über 1000 Jahren geschah …

Eine Predigt zum Fest des Hl. Bischofs Wolfgang,
Patron der Stadt und der Diözese Regensburg, 31. Oktober 2010

Lesungen:  Ex 34,11-16 – 1 Kor 9,16-19 – Joh 10,11-16

[print_link]

Mehr als 1000 Jahre trennen uns von einer Zeit großer äußerer Bedrohung und innerer Umbrüche in Europa. Aus Ungarn kamen immer häufiger kriegerische Horden und verwüsteten das Land und die Städte. Die Kirche rang um ihr Selbstverständnis gegenüber der staatlichen Macht und suchte in der Reform der Klöster neue Wege in die Zukunft.

Damals – vermutlich um 920 – wurde im schwäbischen Pfulligen der Hl. Wolfgang geboren.– Nach Eintritt in das Kloster Reichenau am Bodensee besuchte er die Domschule in Würzburg, wurde im Bistum Trier mit wichtigen Verwaltungsaufgaben betraut und zog sich dann in das Kloster Einsiedeln zurück. Hier wurde er von Bischof Ulrich von Augsburg 968 zum Priester geweiht und begab sich 971 als Missionar nach Ungarn. Ein Jahr später wurde er Bischof von Regensburg. Diese wenigen Daten sollten wir kennen. Und vor allem nicht vergessen, dass er aus seelsorglichen Überlegungen die Abtrennung Böhmens vom Bistum Regensburg durchsetzte. Er verstarb am 31. Oktober 994 im Alten von 64 Jahren im oberösterreichischen Pupping und fand im Kloster St. Emmeram zu Regensburg seine letzte Ruhestätte.

Wenn man sich vorstellt, dass die damalige Welt praktisch nur dem heutigen Europa glich – erst 500 Jahre später wurde die sog. „Neue Welt“ entdeckt – dann sind die Reisen des Papstes oder der Bischöfe zu den Kirchen in Afrika oder Lateinamerika durchaus vergleichbar mit den Reisen des hl. Wolfgang z.B. nach Ungarn, Österreich und in die Schweiz. – Die Bischöfe sehen ja in der Nachfolge der Apostel ihre seelsorgliche Aufgabe immer auch im Blick auf die ganze Welt, nie nur im Blick auf eine begrenzte Region einer Diözese.

Bischöfe wählen für ihr Selbstverständnis das Bild des guten Hirten. Oberhirten nennen sie sich – und sie tragen bei der Feier der Liturgie einen symbolischen Hirtenstab, um sich und die Gläubigen an diese Rolle zu erinnern.

In der Lesung und im Evangelium des heutigen Festtages hörten wir einiges über die Hirtenrolle. Der Prophet Ezechiel kritisiert, dass die damals bestallten Hirten, versagt haben. Deshalb lässt er Gott gleichzeitig verkünden, er werde nun selbst diese Aufgabe für sein Volk übernehmen. Im Johannesevangelium erkennen wir dann, wie sich in der Person Jesu diese göttliche Absicht durchgesetzt hat: In Jesus können wir mit Recht den wahren und wirklich guten Hirten erkennen.

Ezechiel beschreibt fünf verschiedene Fähigkeiten und Eigenschaften, die einen guten Hirten ausmachen. Wir wollen sie kurz anschauen:

Ein Hirt:
– kümmert sich um seine Schafe
– er versammelt die Herde an einem guten Ort
– er nährt sie
– er heilt sie
– und – zusammengefasst –  er tut das Rechte.

1)    Das Sich Kümmern ist die Grundhaltung, aus der heraus die einzelnen Handlungen fließen. Sich kümmern, das macht auch Kummer für den, der sich kümmert. Das ist Mühsal, Not, Gram, Belastung, Mitleiden. Wer sich nicht kümmert, schaut weg, dem sind die Anderen egal. Übertriebene und ängstliche Sorge ist nicht gemeint, sondern eine wandernde Aufmerksamkeit, die den Anderen im Blick hat, aber auch auf sich selber achtet, die ferner die sozialen Strukturen im Auge behält und auch immer wieder einmal den Blick nach oben – zum Fürbittgebet – erhebt.

Gute Hirten können das. Sie halten Abstand zur Herde, sind aber doch mit wachen Augen immer wieder bei ihr, dann wieder bei einem einzelnen Tier. Und sie vernachlässigen auch sich selbst nicht. Sie wissen, in wessen Dienst sie stehen und halten deshalb auch zu ihrem Herrn und Meister Kontakt.

2)    Das Versammeln an einem Ort. Ezechiel spielt auf die Zerstreuung an, die das Volk Israel in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft erlitten hatte. Am dunklen, düsteren Tag wurden sie zerstreut, versprengt, wie auch heute immer wieder Menschen in Kriegszeiten vertrieben, zerstreut werden, Familien und ganze Dorfgemeinschaften auseinandergerissen werden. Welch seelischer Schaden dabei entsteht, kann man ermessen, wenn man die Erkenntnisse der Psychologie ernst nimmt. Die Wurzel aller Krankheiten, so meinen manche Psychologen, lägen darin, dass ein Mensch „niemandem mehr angehört“, keine Heimat mehr hat, kein Zuhause, keinen Ort der Sammlung. Der ort-los gewordene Mensch ist der heil-lose Mensch. Deshalb schaffen jene Menschen Heil, die andere immer wieder „an einen Ort versammeln“, die Gemeinschaft stiften und anregen.

Die ganze Kirche ist eigentlich eine einzige Sammlungsbewegung. Auch die Eucharistiefeier an jedem Sonntag ist ein Ort der Sammlung und der Versammlung. Wir verstehen erst, wie wichtig das Zusammenkommen ist, wenn wir den Gegenspieler Gottes und sein Ziel ernst nehmen. Er trägt nämlich den Namen Diabolos – und das heißt: der Zerstreuer, der Durcheinanderbringer. Er ist der Feind der Einheit. Er mag Gemeinschaft nicht, sondern nur tödliche Isolation.

Ein guter Hirt sammelt seine Schafe an einen Ort, damit sie in Gemeinschaft leben und gedeihen können.

3)    Das Nähren gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Hirten. Er muss die Nahrung den Schafen nicht vorkauen. Es genügt, wenn er für sie gute Weideplätze ausfindig macht und sie dorthin führt. Ohne Nahrung und Nähe verhungert und verkümmert der Mensch. Genügend Nahrung bereitstellen ist eine lebensförderliche Haltung. Was Nähren ist, kann man z.B. in Filmaufnahmen bewundern, wo Vogeleltern ihre Jungen füttern. Die Eltern geben ihren Jungen, was sie zum Leben brauchen, sie geben ihnen Lebens-mittel, also das Leben selbst. Ein guter Hirt ist jemand, der den Schafen Nahrung und Nähe gibt.

4)    Das Heilen. Darüber wäre viel zu sagen. Wir können es mit einem Hinweis auf den Krankendienst bewenden lassen. Was ein kranker Mensch vor allem braucht, ist Ruhe an einem Ort – Bettruhe. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Genesung. Wir wissen es aus eigener Erfahrung. Ein guter Hirt wird deshalb für ein Klima der Ruhe und Stille sorgen und das Tempo in allen Lebensvollzügen verlangsamen. Gerade heute braucht der gehetzte und ruhelose Mensch dringend einen Ort des Ausruhens. Ein guter Hirt kann Voraussetzungen schaffen, damit diese wichtige Erfahrung möglich wird und die seelischen und körperlichen Wunden heilen können.

5)    Das Rechte tun. Gott der Herr spricht bei Ezechiel: Ich sorge für Recht, ich handle, wie es recht ist. Was ist damit gemeint? Jeder Mensch, so lesen wir in den Grundgesetzen aller Staaten, hat ein Lebensrecht. Seine Menschenwürde darf nicht angetastet werden. Das sind die hohen und hehren Ziele aller Völker und Staaten. Leider stellen wir fest, dass manche Staatenlenker mehr nach Eigennutz und jeweiligem Wählertrend agieren. Unsere Welt ist voll von Unrecht. Es gibt zu wenig gute Hirten unter den Führungsgestalten in Staat, Gesellschaft.

Am Fest eines großen Bischofs, des Hl. Wolfgangs, müssen auch alle, die in der Kirche ein Amt haben, ihr Gewissen erforschen und sich von Ezechiel fragen lassen, ob sie immer im Sinne der fünf Eigenschaften gelebt und gewirkt haben? Gewiss sind wir dabei hinter dem Ideal zurückgeblieben. Aber im Volk Gottes darf sich niemand auf den Anderen Berufen, sondern alle sind verantwortlich für alle: Miteinander füreinander lautet das Motto! Jeder ist irgendwie ein Hirt, ein Hüter seines Bruders. Die Ausrede des Kain gegenüber Gott, der ihn nach dem Brudermord fragt: „Wo ist dein Bruder?“, diese Ausrede: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“? – gilt nicht mehr.

Wolfgang war ein guter Bischof und Hirt unserer Regensburger Kirche. In seinem Sinn wollen wir uns befragen lassen, über unser Leben in ein selbstkritisches Gespräch eintreten. Kirche wird sich erneuern, wenn sich jeder Einzelne auf den Weg macht, wenn wir alle vom guten Hirten Jesus lernen. Auf ihn schauen, das steckt an und es ihm nachmachen, das gereicht uns allen zum Heil.

Print Friendly, PDF & Email