Schöne und gute Aussicht

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis

Lesungen: 2 Thess 2,16-3,5 – Lk 20,27-38

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Zur schönen Aussicht, Nummer eins. Das ist die Adresse eines Hotels in Südtirol, das direkt unter dem Bergmassiv des Rosengartens liegt. Wer dort einkehrt, hat einen wunderschönes Bergpanorama vor Augen, genießt wirklich eine schöne und gute Aussicht.

Über gute oder schlechte Aussichten sprechen wir nicht nur im Blick auf eine Landschaft, sondern manchmal auch im Blick auf die vor uns liegende Zeit. Welche Aussichten habe ich, fragen sich junge Menschen, wenn sie vor einer Berufswahl stehen. Sind die Aussichten für die wirtschaftliche Entwicklung gut oder schlecht, fragen sich die Meinungsforscher. Hat unsere Partei gute Aussichten auf einen Wahlerfolg, wollen die Politiker wissen.

Wir verbinden viele Lebenssituationen dem Wort Aussicht. Wer etwa schwer erkrankt ist, möchte von seinem Arzt gerne wissen, welche Aussichten für eine Genesung er hat? Und wer sich einmal den Luxus des Nachdenkens leistet und aus der Alltagshetze heraustritt, kommt wohl an der Frage nicht mehr vorbei,  welche Aussichten er angesichts seiner eigenen Sterblichkeit hat. Er wird nach dem Sinn von allem fragen, fragen, wohin die Reise geht und was nach dem Tod kommt.

Dann betritt er den Bereich der Religion. Denn die Religionen haben dazu Antworten parat. Und er steht mitten in den Fragen, die die Menschen zur Zeit Jesu auch schon beschäftigt haben. Für eine Gruppe der Juden, die Sadduzäer z.B. gab es keine Aussicht auf ein Jenseits. Sie konnten sich ein Leben nach dem Tod nicht vorstellen. Für sie war der Tod das Abgeschnittensein vom wirklichen Leben, eine Existenz im Schattenreich des Todes, das endgültige Aus.

Die Pharisäer hingeben hielten daran fest, dass der Gott des Lebens alles, was er geschaffen hat, auch im Dasein erhalten will. Sie hatten in ihren Hl. Schriften ja gelesen, dass Gott ein Freund des Lebens ist: „Er hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“, so steht es im Buch der Weisheit (vgl. Weisheit 1,13).

Ungewißheit und Zweifel gab es also auch schon damals – und sie gibt es auch heute. Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 hat ergeben, dass zwar drei Viertel der deutschen Bevölkerung durchaus mit der Existenz eines Gottes rechnen. An die Auferstehung der Toten aber glauben keine zwanzig Prozent. Und auch unter den Mitgliedern der christlichen Kirchen ist es nur ein gutes Drittel, das diesen Glauben noch teilt. Wohl gehört die Auferstehung der Toten zu den Inhalten des Glaubensbekenntnisses, das in jedem Gottesdienst gesprochen wird. Auch im Beerdigungsritual der Kirchen ist von der Auferstehung der Toten die Rede. Doch scheint es sich hier mehr um ein ehrwürdiges Stück Tradition zu handeln, das für weite Kreise keine lebensprägende Bedeutung mehr hat: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ (Faust, in der gleichnamigen Tragödie von Johann Wolfgang Goethe).

Die Frommen zur Zeit Jesu hätten gern gewußt, wie das mit dem „Leben nach dem Tod“ aussieht. Und wen sollten sie denn fragen, wenn nicht diesen Wanderprediger Jesus aus Nazareth, von dem erzählt wurde, dass er ein besonderer Rabbi sei, ein Lehrer der Weisheit und einer, der von Gott und seiner Welt etwas versteht. Hatte er nicht bei seinem ersten Auftreten in Galiäa vollmächtig verkündet: „Jetzt ist die Zeit erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe“ (Mk 1,15) Vielleicht kann er aus den Zweifeln herausholen und eine gute Antwort auf die Frage geben, welche Aussichten wir Menschen haben, wenn es ans Sterben geht.

Ein Leben nach dem Tod stellt man sich früher und heute noch gern als Verlängerung des irdischen Daseins über den Tod hinaus vor. Deshalb hat ja auch die Idee einer „Wiederverkörperung“, einer Seelenwanderung von einem Körper in einen anderen einen eigenen Reiz. Für die Juden damals gab es noch ein anderes, besonderes Problem. Ein gottverbundenes dauerhaftes Leben kann nur in den eigenen Nachkommen gesichert werden. Deshalb musste eine Frau, wenn die Ehe kinderlos blieb, nach dem Tod ihres Mannes nocheinmal heiraten, unter Umständen sogar mehrmals.  Zu welchem Mann sollte sie nun aber in einem anderen Leben gehören, wenn sie nacheinander sieben verstorbene Männer gehabt hat?

Diese Frage will und kann Jesus gar nicht beantworten, weil das neue Leben im Jenseits nicht zu vergleichen ist mit dem Leben im Diessseits. Die bekannten Lebensformen – verheiratet sein, ledig sein, verwitwet sein oder einer geistlichen Gemeinschaft als Ordensmann oder Priester anzugehören, diese Unterschiede gibt es im Jenseits nicht. Es gibt auch den Tod nicht mehr. Den sind alle ihrer biologischen Existenz nach bereits gestorben.  Sie haben eine Verwandlung durchgemacht in eine neue Lebensform.

Ein Bild dafür ist für Jesus die Kindschaft: Söhne und Töchter Gottes werden die Menschen nach der Auferstehung der Toten sein, sagt er. Um dies zu veranschaulichen, vergleicht er dieses neue Leben mit dem von Engeln. Die Engel sind von irdischer Anhaftung und von sozialer Einordnung frei und mit menschlichen Sinnen nicht erkennbar. Deshalb bleibt uns auch zu Lebzeiten ein direkter Blick in das Jenseits verwehrt. Nur in der volkstümlichen Ausmalung kann z.B. der Brandner Kaspar ins Paradies schauen – und was sieht er da? Natürlich nichts Neues, sondern nur, was er schon im Diesseits gesehen hat.

Trotzdem steckt hinter der volktümlichen Vorstellung auch eine tiefe Wahrheit. In einer Inszenierung des Regensburger Figurentheaters hört man den Brandner Kaspar ein geradezu prophetische Wort sprechen. Als ihn der Tod (der „Boandlkramer“)  den Blick ins Jenseits öffnet, sieht der Brandner dort seine verstorbene Frau wieder. Und dann ruft er voll Staunen aus: „Mei, das i dös no derlebn derf!“

Da ist einer, der bereits „gestorben“ ist – er ist ja mit dem Tod auf dem „Leichenwagen“ unterwegs ins Jenseits –  der sich  ganz lebendig und voll guter Stimmung fühlt. Sein bayerischer Blick ins Jenseits  offenbart ihm die tiefe Wahrheit: Gott ist ein Freund des Lebens. Bei ihm gibt es kein Ende des Lebens, sondern nur eine Verwandlung, ein Durchschreiten der Todeszone mit einer guten Aussicht, dem ewigen unzerstörbaren Leben von Gott geschenkt  – und das auch noch mit allen Lieben, mit denen man sein irdisches Dasein teilen konnte.

Bei allem Zweifel –  das nenne ich wirklich eine gute, eine schöne Aussicht. Und wir sollten sie uns immer wieder einmal gönnen, nicht um uns den Blick auf die vergängliche Welt zu verbieten, sondern um unseren Glauben zu stärken, dass Gottes neue Welt unvergänglich und ewig ist und bleibt – als unsere wahre und endgültige Heimat im Himmel.

Ob die Sadduzäer mit der Antwort Jesu zufrieden waren, wissen wir nicht. Vermutlich wird es auch heute noch Menschen geben, die in ihren Zweifeln verharren. Wir aber haben Grund zur Hoffnung. Wir bekennen im Credo  nicht nur die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, weil wir von Jesu Tod und Auferstehung gehört haben, sondern wir trauen auch den Glaubenszeugen zu, dass sie uns nicht betrogen haben mit ihrem Bekenntnis eines in Aussicht gestellten ganz anderen Lebens. Gott ist treu. Er wird sein Wort halten. Darauf können wir uns verlassen.

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