Den Kranken Würde zusprechen

In der Krankenseelsorge kann heute zweifellos von einer Wiederentdeckung der Hl. Salbung für Kranke und Sterbende gesprochen werden. Der Zugang zu diesem heilenden Sakrament (Heilszeichen) ist für kirchendistanzierte Menschen trotz dieser erfreulichen Entwicklung immer noch schwierig.

Biblischer Auftrag und heutige Logik

Im Ritual der Krankensalbung wird dieser kirchliche Dienst biblisch begründet: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wir den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben“ (Jak 5,14-16)

Für viele Zeitgenossen aber gilt bei ernsthaft schwerer Erkrankung ein anderes „Bekenntnis“: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er den Hausarzt, der wird kommen und ein Medikament verschreiben oder ihn ins Krankenhaus einweisen – und der Kranke wird wieder gesund werden…“

Da steht die Frage auf, wie in einer säkularisierten Gesellschaft ein neuer Zugang zu diesem heilenden und tröstenden Sakrament der Krankensalbung gefunden werden kann, ohne die erstaunlichen Fortschritte der Medizin in Frage zu stellen. Einen „Verdrängungswettbewerb“ zwischen ärztlichem und seelsorglichen Dienst am Bett eines Sterbenden darf er nicht geben.

Rückblick in die Geschichte

Nur die älteren Menschen wissen noch aus eigener Erfahrung, wie es früher einmal war. Beim Herannahen des Todes gab es so etwas wie einen „geordneten Rückzug“ aus dem Leben. Wenn der Arzt nichts mehr tun konnte (eine kränkende Erfahrung für jeden Arzt mit der unangenehmen Nachricht an die Angehörigen: „Wir haben alles getan, wir können nichts mehr tun“), übergab er den Sterbenden in die Obhut der Pflege. Pflegende begleiteten in „Sitzwachen“ den Sterbenden und riefen dann, wenn sie ihrerseits „nichts mehr tun konnten“, den Priester. Dieser kam als Letzter in der Betreuungskette an das Sterbebett zur „Letzten Ölung“. Ungewollt geriet er dadurch in die Rolle eines Todesboten, eine Verzerrung seines Auftrags, nämlich ein „Bote des (ganz anderen) Lebens“ zu sein.

Deshalb haben viele Menschen in der Phase ihrer Auseinandersetzung mit Sterben und Tod nicht selten den Dienst des Seesorgers mit dem Hinweis abgelehnt: „Ich brauche keinen Pfarrer. Ich muss noch nicht sterben“.

Die Krankensalbung wurde in der Tat so vollzogen, wie es der damalige Name besagte: als „Letzte Ölung“. Wenn der Priester mit Ministrant, Glöckchen, Kerzenlaterne und den Geräten für das Sakrament und eventuell der Krankenkommunion kam, bedeutete das: Es gibt keine Hoffnung mehr. Um niemanden zu erschrecken, wartete man daher nicht selten damit, bis es zu spät war – und die Spendung des Sakramentes bei bereits eingetretener Bewusstlosigkeit war so selten nicht.

Ein anderer Name und ein neues Verständnis

Die Liturgiereform während des 2. Vatikanischen Konzils (1962-1965) hat diese Praxis verändert. Der neue Name „Krankensalbung“ sollte den Betroffenen die Angst nehmen, es handele sich bei diesem Dienst um eine Art „Todesweihe“. Als „Letztes Sakrament“ (Erhard Weiher) ist die „Letzte Ölung“ jedoch immer noch in Erinnerung. Man sollte deshalb den älteren Menschen das ihnen noch vertraute Wort nicht durch anmaßende Belehrung ausreden. Schließlich begleiten die Zeichenhandlungen (Sakramente) den Lebensweg des Christen durch alle Lebenswenden:  am Beginn des Lebens (Taufe), nach Erlangung der Unterscheidungsfähigkeit (Beichte und Kommunion), beim Eintritt ins Erwachsenenalter (Firmung) und anlässlich einer persönlichen Lebenswahl (Ehe oder Priesterweihe und/oder Ordenseintritt) bis zur Vollendung in der Todesstunde (Krankensalbung).

Der heilsame Kern der Krankensalbung

Abgesehen von der wohltuenden Berührungshandlung während der Salbung und den deutenden Gebetsworten und Lesungen aus der Hl. Schrift ist vor allem die unaufgeregte und beruhigende Nähe des Seelsorgers eine erkennbare und von den Kranken auch so erfahrene Tröstung in ihrer Bedrängnis und Angst. Salbungen werden nach alter Tradition als Zeichen des Wohlbefindens und der Freude erlebt. Sie sind gleichzeitig ein Ehrenerweis für den „Gesalbten“. Dem schwachen und unansehnlich schwerkranken Menschen wird Würde zugesprochen. Sein Leben verdient Respekt und Achtung bis zuletzt! Eine stärkende Wirkung dieses Rituals wird von allen Beteiligten immer wieder betont, wenn dieses Sakrament nicht nur im stillen Kämmerlein vollzogen wird, sondern wenn möglich auch im Beisein der Angehörigen, des Pflegedienstes und des Arztes.

Weil diese soziale Dimension im Krankenhausalltag nur schwer umzusetzen ist, haben sich inzwischen neue gemeinschaftliche Formen der Krankensalbung eingebürgert, die von den Betroffenen sehr gerne angenommen werden: regelmäßige Krankensalbungsgottesdienste für mehrere Beteiligte – nicht am Krankenbett, sondern in der Krankenhauskirche – erstmals übrigens in Lourdes praktiziert.

Das ungelöste Problem des Spenders

Ein bis heute nicht gelöstes Problem wird seit dem Ende des Konzils kontrovers diskutiert. Es ist die Folge des zunehmenden Priestermangels. Spender des Sakraments der Krankensalbung ist nach geltendem Kirchenrecht nur der Priester. Begründet wird dies u.a. mit dem Hinweis, dass das Sakrament der Krankensalbung sündentilgende Wirkung hat und die Vollmacht der Sündenvergebung an den Dienst des Priesters gebunden ist. Für eine Beauftragung etwa an den Diakon gibt es zurzeit keine Bereitschaft, obwohl der Dienst des Diakons ausdrücklich auch auf die Kranken zielt und Sündenvergebung auch außerhalb einer sakramentaler Handlungen möglich ist (z.B. durch fürbittendes Gebet).

Konfrontation und Herausforderung durch die Ökumene

In der evangelischen Kirche werden gemeinhin nur zwei Zeichenhandlungen als Sakramente anerkannt, die Taufe und das Herrenmahl. Deshalb wurde eine Salbungshandlung lange Zeit nicht praktiziert. Inzwischen hat die evangelische Krankenhauseelsorge den Wert dieses Rituals wieder entdeckt und praktiziert „Krankensalbung“ selbstverständlich – ohne den Anspruch einer sakramentalen Handlung.

Diese Praxis – in der Krankenhausseelsorge ist ökumenische Zusammenarbeit heute selbstverständlich – bringt viele kath. KrankenhausseelsorgerInnen in Erklärungsnöte. Immerhin sind in Deutschland schon mehr als 50 Prozent der Krankenhausseelsorger Pastoralreferenten, Gemeindereferenten und Ordenangehörige. Sie können nur in Zusammenarbeit mit einem Priester diesen Dienst vorbereiten, aber nicht selber vollziehen. Auf der Suche nach Auswegen werden vielerorts Heilungsrituale praktiziert, die manche Gläubige dann mit der Krankensalbung verwechseln können – ein nicht gelöstes Problem, das manchen Kummer bereitet.

Neubesinnung ist angesagt

Die Deutschen Bischöfe haben sich zuletzt 1998 in ihrer Arbeitshilfe Nr. 60 „Die Sorge der Kirche um die Kranken“ geäußert. Inzwischen hat sich durch viele Aufbrüche (Hospizbewegung, Palliativpflege und -medizin) die Situation in schwerer Krankheit und am Lebensende stark verändert. Eine Neubesinnung im Blick auf dieses kostbare Hoffnungszeichen Krankensalbung ist nicht nur wünschenswert, sondern dringend gefordert. Alle Berufe im Gesundheitswesen (Pflegende und Ärzte zumal) sind eingeladen, die Krankenhausseelsorger in dieser Umbruchzeit nicht allein zu lassen, sondern gemeinsam mit ihnen nach Wegen zu suchen, die neben der medizinischen und pflegerischen auch die spirituelle Begleitung Schwerkranker und Sterbender weiterentwickeln könnte.

Die Chancen dazu stehen gut. Jedenfalls sind die alten Bedenken gegen die Krankensalbung fast völlig verschwunden und bei den Kranken ist eine neue Bereitschaft und eine große Zufriedenheit festzustellen. Auf diesem Weg weiter zu gehen, ist ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung des Krankendienstes.

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