Das Bestehende ist nicht das Bleibende

Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis

Lesungen: Mal 3,19-20a – Lk 21,5-19

Alle liturgischen Texte (hier)

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Jedes Jahr um diese Zeit hören wir im Sonntagsgottesdienst so rätselhafte und unangenehme Texte wie heute. Die Auslegung ist schwierig. Ein naives und wörtliches Verständnis hat oft zu voreiligen Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang geführt. Endzeitpropheten, vor allem in den Sekten, haben mit solchen Bibelzitaten die Menschen in Unruhe und Angst versetzt. Dann aber ging die Welt doch nicht unter. Alles ging weiter wie bisher: nichts Außergewöhnliches geschah.

Heißt das nun: man braucht solche alten Texte der Hl. Schrift nicht ernst nehmen. Sie sind in einer apokalyptischen Epoche geschrieben worden, als man die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit noch unmittelbar nahe erwartete? Das heißt es gewiss nicht.

Denn in diesen Texten finden sich drei wichtige Hinweise:

1.   Eine Feststellung: Die Gestalt dieser Welt hat nicht ewig Bestand

2.   Eine Mahnung: Lebt achtsam, dass man euch nicht in die Irre führt

3.   Und eine Verheißung: „Wer standhaft bleibt, gewinnt das Leben“

Sie kennen wahrscheinlich den Kanon: „Alles ist eitel, du aber bleibt und wen du ins Buch des Lebens schreibst“. Es ist ein gesungenes Gebet, Ausdruck einer Ahnung, dass nichts in dieser Welt ewig Bestand haben wird. Bestand gibt es nur in Gott. Nur in ihm hat der Mensch eine ewige Bleibe, ein nicht von Menschenhand gebautes Haus, wie der hl. Paulus sagt, eine Wohnstatt, die durch kein Erdbeben mehr erschüttert werden kann.

Dieser Glaube kann uns leicht abhanden kommen, wenn wir unseren Lebensstil nur auf die Befriedigung diesseitiger Bedürfnisse beschränken und nur innerweltliche Ziele verfolgen. Unerwartete Ereignisse, Erschütterungen aller Art haben wir offenbar nötig, damit wir nicht gedankenlos in den Tag hinein leben.

Wir können das Wort Erd-beben einmal symbolisch verstehen und mit vergleichbaren Erfahrungen verknüpfen. Denn es gibt sie: die wirklichen geologischen und schlimmen Erschütterungen der Erdkruste – in dramatischer Form vor kurzen auf Haiti. Und auch die politischen, gesellschaftlichen, finanziellen und ganz persönliche Beben. Wenn z.B. eine Freundschaft in die Brüche geht, wenn ein Mensch an meiner Seite plötzlich stirbt. Dann wissen wir oft nicht mehr ein und aus. Manche sagen dann: das hat mir den Boden untern den Füßen weggezogen – wie bei einem Erdbeben.

Solche Erfahrungen sind nichts Außergewöhnliches. Sie werden Menschen jeden Tag irgendwo auf der Welt zugemutet. Nur wer seine Ohren und Augen verschließt, kann das verleugnen. Er lebt in den Tag hinein wie ein Träumer. Halten wir also fest: Das Bestehende ist nicht das Bleibende! Alles ist im Wandel begriffen.

Solche Erfahrungen können aber den Menschen auch in die Irre führen. Er kann Angst bekommen und unbedacht reagieren. Religiös begabte Menschen benützen sie dann zu voreiligen Prophezeiungen. Sie suchen nach außergewöhnlichen Menschen, bei denen sie Rettung und Heil vermuten. Sie finden und erfinden einen neuen Messias, einen Guru oder einen Heiler, auf den sie alle ihre Hoffnung setzen.

Davor wollte Jesus uns bewahren: Gebt acht, dass man euch nicht irreführt. Bleibt nüchtern, sagt Paulus dazu, und setzt eure Hoffnung allein auf die Gnade von Gott her.

Die einfachste Therapie gegen solche Angst auslösenden und nicht selten auch krank machenden Warnungen ist die Rückbesinnung auf unser Glaubensbekenntnis. Was wir jeden Sonntag im Credo gemeinsam sprechen, ist zwar wie trockenes Brot, aber beste Nahrung für die Seele. Es lohnt sich, diesen spröden Text immer wieder einmal in Ruhe zu meditieren, jeden Satz einzeln zu bedenken und abzuwägen. Das bewahrt vor Irrtum und Schwärmerei. Wir erwarten nicht vorrangig den Weltuntergang, sondern Gottes neue Welt,  die „Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt“ – heißt es  im Credo.

Was einem jeden von uns zukommt und was auf die ganze Welt noch zukommt, bleibt ein offenes Geheimnis. Lukas hat sein Evangelium nach der Zerstörung Jerusalems  geschrieben. Er hatte also eine Tragödie seiner Landsleute vor Augen. Er wusste auch aus der Geschichte seines Volkes Israel, dass es immer wieder Untergänge und Verfolgungen gab. In der Erinnerung an diese bösen Tage und im Blick auf das Schicksal Jesu zeichnet er sein Gemälde vom Tag der Wende, von einem Neuanfang Gottes mit der Welt und mit den Menschen.

Dieser Tag des Herrn wird kein Spaziergang sein. Alle Wandlung und Verwandlung ist mit Schmerzen verbunden. Auch Krankheiten heilen nie ohne Schmerz.

Deshalb brauchen wir Geduld und Standfestigkeit. Sie wird uns zugemutet: Wenn wir standhaft bleiben, werden wir das Leben gewinnen!

Wir verstehen die Texte besser, wenn wir sie in großen Zusammenhängen deuten. Als Jesus sein öffentliches Wirken begann, rief er eine neue Zeit aus: „Erfüllt ist die Zeit. Das Reich Gottes ist nahe“. Die Herrschaftsverhältnisse wandeln sich jetzt. Gott selbst wird das bewirken.

Wichtig für uns wird nicht sein, was kommt, sondern wer kommt. Gott selbst ist es, der in der Geschichte der Welt und in der Geschichte der Menschen, auf uns zukommt. – Darauf sollten sich die Jünger Jesu einstellen. Sie sollen wissen, dass äußere Erschütterungen nur die Begleiterscheinung der Ankunft Gottes sind. Sie sollen sich nicht ängstigen, sondern ganz im Gegenteil – jetzt erst recht Mut und Standhaftigkeit zeigen, um das Leben zu gewinnen.

Aus der Botschaft dieses Sonntags nehmen wir also nicht Endzeitstimmung und Angst mit nach Hause, sondern Aufbruchsstimmung und Zuversicht, die Zuversicht des einfachen und demütigen Menschen vor Gott. Es werden die Tage kommen, wo alle Überheblichen und Frevler zu Spreu werden, das wusste der Prophet Maleachi.

Wir lernen also den nüchternen Blick auf unsere Welt.

Wir lernen, uns nicht täuschen zu lassen vom Glanz der Welt. Und wir üben uns in Geduld und Standhaftigkeit.

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