Dankbarkeit – eine vergessene Tugend

Vortrag am 19.11.2010 beim Arzt-Patienten-Seminar
für Lebertransplantierte und Patienten, die auf ein Spenderorgan warten

Als Nichtbetroffener und als Theologe über die Dankbarkeit nach einer Organtransplansplantation zu sprechen, ist ein Wagnis. Wer soll wem wann wofür und auf welche Weise danken?

Herr Dr. Hammerschmid hat es in einem ersten Vortrag bereits unternommen und mit Bravour gemeistert.

Bedarf es noch einer Ergänzung? Hat die Theologie spezifische Gründe für die Haltung der Dankbarkeit? Ist sie wirklich eine vergessene Tugend?

In meinem kurzen Beitrag kann ich auch nicht davon absehen, dass eine dankbare Grundhaltung erfahrungsgemäß für ein gelingendes und glückliches Leben sinnvoll ist. Erst vor diesem Hintergrund lassen sich dann Denkanstöße für eine theologische Begründung der Dankbarkeit formulieren.

„Sag danke, sag bitte!“

Diese klassische Ermahnung unserer Erzieher hat sich tief in unser Gedächtnis eingegraben und nicht selten das peinliche Gefühl der Unzulänglichkeit hinterlassen. Irgendwann konnten wir es einfach nicht mehr hören! Wer sich bedanken muss, fühlt sich abhängig. Und niemand ist gern abhängig.

Das natürliche Streben und Trachten geht vielmehr dahin, immer unabhängiger, freier und selbstbestimmter zu werden. Selbstwirksamkeit, Selbstverwirklichung und Autonomie sind die hehren Ziele des aufgeklärten Menschen. Er soll –  nach Kant – aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit endlich heraustreten.

Ein nicht unerheblicher Teil des Leidens an einer schweren Krankheit ist aber gerade das Gefühl der totalen Abhängigkeit von der ärztlichen Kunst und von einem Organspender. Auch für Nichtbetroffene sind Medienberichte, wonach etwas 12 000 Menschen in der BRD auf der Warteliste für neue Nieren, Lebern oder Lungen stehen, also von einem potentiellen Spender abhängig sind, belastend. Letztes Jahr konnten z.B. nur rund 4700 Organe verpflanzt werden.

Was phantasiert ein potentieller Organempfänger? Mit welchen Gefühlen wartet er als Sterbenskranker (!) auf den Tag X? Wie stellt er sich seinen möglichen Lebensretter vor, der ja vorher gestorben sein muss. – Was bewegt andererseits einen Menschen, seine Bereitschaft zur Organentnahme durch einen Spenderausweis zu bekunden?

Es gibt Studien über die seelischen Verarbeitungsstrategien von Organempfängern nach einer Transplantation. Ich kenne keine für die Zeit des Wartens. Die gefühlte Todesnähe klammert sich an die Hoffnung auf ein Spenderorgan. Von Selbstverwirklichung und Autonomie kann da keine Rede sein. Dankbar kann einer in dieser Phase nur für die ärztliche Versorgung sein und auf die Tatsache, dass er überhaupt noch lebt.

Nach geglückter Transplantation geht Dankbarkeit meist spontan auf – vermischt mit Gefühlen der Erleichterung und Freude. Diese Gefühle lassen sich nicht verallgemeinern, nur schwer beschreiben und auch nicht einfach in gleichmäßigen Häppchen auf alle verteilen, die mitgelitten und mitgewirkt haben.

Zählen wir einige Adressaten der Dankbarkeit auf – ohne Anspruch auf Vollständigkeit

1.   Erster Adressat ist zweifellos die moderne Hochleistungsmedizin. Konkret das verantwortliche Behandlungsteam

2.   Dann die Logistik, sofern man Einblick erhalten hat in die aufwändigen Prozesse der Bereitstellung und Verteilung der Spenderorgane

3.   Gegenüber dem verstorbenen Organspender bleiben die Gefühle diffus. Er ist ja vor der Organentnahme gestorben – wie andere Menschen auch sterben müssen. Er bleibt anonym. Wie kann ich einem unbekannten Toten danken? Ich kann es nur im Gedenken an seine Spendebereitschaft zu Lebzeiten, so ähnlich wie ich jeden mir vertrauten Verstorbenen ein dankbares Gedenken bewahren kann.

Dass es noch eine andere, über allem stehende Instanz geben könnte, die ein möglicher Adressat der Dankbarkeit ist, kommt nicht automatisch in den Blick.

Hier setzen Überlegungen ein, die ihren Anfang in der Erfahrung haben, dass die Dankbarkeit eher eine späte Tugend ist – in der Kindheit zwar andressiert, aber erst im Erwachsenenalter als Haltung angenommen – oder vernachlässigt und vergessen.

Denn Danken hat mit Denken und mit Staunen zu tun. Wer gedankenlos lebt und das Staunen verlernt hat, ist unfähig zur Dankbarkeit.

Woran wäre also zu denken? Worüber sollte man wieder das Staunen lernen?

Ganz einfach darüber, dass eigentlich nichts auf der Welt selbstverständlich ist, dass es Welt und Natur gibt, dass es meinesgleichen gibt, dass ich nur lebe, weil ich geliebt und angenommen worden bin und hoffentlich immer noch geliebt werde.

Dass überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. Diese letzte Einsicht war schon immer der Anfang aller Philosophie und Theologie, die der Frage nach einer „Macht größer als wir selbst“, der Gottesfrage nicht ausweicht.

Solches Denken und Staunen ist keine angeborene Fähigkeit, sondern nur eine Möglichkeit. Sie muss deshalb  eingeübt und vollzogen werden.

Um die Dankbarkeit aus dem Vergessen herauszuholen, braucht es aber gute Gründe! Und eben diese Gründe sind uns nicht mehr so leicht zugänglich, weil wir alles, war uns umgibt, war wir haben und gebrauchen, was uns zuhanden ist, nur mehr als Ertrag unserer Leistungen und Fähigkeiten, als Werk unserer Hände betrachten.

Haben wir nicht selbst alles gebaut und gestaltet, was da zu sehen und zu bestaunen ist? Sind nicht wir die Hersteller der Güter dieser Welt – vor allem der technischen und medizinischen Errungenschaften?

Der Philosoph Martin Heidegger hat ein eigenes Wort für diese von Menschen gemacht Welt geprägt. Er hat vom „Ge-stell“ gesprochen, dem Produkt menschlichen Schaffens, das er gleichsam vor sich hin-stellt und dann stolz bewundert. Die zahlreichen groß angelegten Ausstellungen und Messen weltweit sind ein Beispiel dafür. Naturwissenschaftliches Denken, die Logik der Zahl – zur Perfektion durch Elektronik und Computer fähig – fasziniert die Menschen so sehr, dass sie ihr Staunen und Danken nur noch mit dem Werk ihrer Hände verbinden. Wer kennt nicht die großen Gefühle angesichts der Leistungen etwa der Raumfahrt.

In all dem aber liegt eine Tendenz der Selbstüberschätzung. Der Prophet Jesaja hat seine Landsleute davor gewarnt, trotz lobenswerter Leistung zur Verteidigung der Stadt nicht zu vergessen, dass das Da-sein vor dem Tätig-sein kommt.

Der Mensch soll der Frage nicht ausweichen, wem er sein Da-sein eigentlich verdankt, woher er kommt und ob er nicht lebt von einer Macht größer als er selbst, einer Macht, die dem Spiel des Menschen nicht einfach teilnahmslos zuschaut, sondern an seinem Glück liebend interessiert ist.

„Ihr habt – so der Prophet – zur Verteidigung Euerer Stadt die Häuser gezählt und mit Steinen die Mauer befestigt; ihr habt zwischen den beiden Stadtmauern ein Becken angelegt, um das  Wasser des alten Teiches zu sammeln als Vorrat, doch ihr habt nicht auf den geblickt, der alles bewirkt: ihr habt nicht auf den geschaut, der alles aus der Ferne bestimmt“ (Jes 22,1-14).

Zweifellos dürfen wir die Größe unseres Geistes und die Werke unserer Hände bewundern und stolz sein auf das, was wir alles entdeckt, erfunden und geleistet haben. Kurzsichtig aber ist es, darüber zu vergessen, dass es da noch Dinge gibt, die wir nie und nimmer aus eigener Kraft hervorbringen können. Trotz der staunenswerten Erfolge der Medizin bleibt immer noch ein unerklärlicher Rest von Ungewissheit und Wagnis, wie sich ganz aktuell jetzt wieder zeigt bei der neu entfachten Diskussion um den Hirntod.

Dankbarkeit bekommt dort eine Chance, wo man einer Einsicht zustimmt, die ich dem Philosophen Jörg Splett verdanke: Er sagte einmal: „Man tut etwas – und dann geschieht etwas“. Und das Geschehen  – das stellt es sich oft erst im Nachhinein heraus – ist eben nicht nur die Folge meines Tuns allein, sondern bleibt immer verschränkt und verwoben mit Ereignissen, die nicht in meiner Verfügung stehen, sondern unvorhersehbar und unkontrollierbar ins Leben hineinspielen.

Auch deshalb ist es Unsinn, zu behaupten, der Mensch sei für alles verantwortlich, was geschieht. Man müsse nur nach den Trägen und Schuldigen suchen, die den unaufhaltsamen Fortschritt hemmen und verhindern. Charles Péggy hat einmal kühn behauptet:
„Die Ereignisse, sagt Gott, das bin ich“. Immer ist das „Machbare“ rätselhaft mit dem „Wunderbaren“ verschränkt.

In glaube, dass Patienten nach einer gelungenen Transplantation diese Empfindungen kennen. Sie kommen dem Staunen und Danken ziemlich nahe.

Der Altbischof von Innsbruck, Reinhold Stecher, ein großer Freund und Bewunderer seiner alpenländischen Heimat, hat sich zur Dankbarkeit als einer vergessenen Tugend einmal so geäußert:


Dankbarkeit setzt ein Innehalten voraus;
diese Tugend ist leider schlecht bei Fuß.
Sie kommt bei unserem ausgeflippten Lebenstempo nicht mit.

Erst wenn wir uns auf eine Bank setzen
und ruhig werden und auf das hektische
Dasein einmal so gelassen und distanziert
hinunterschauen wie an der Europabrücke
auf den brausenden Verkehr; wenn alles etwas zurücktritt
und wir zu einem ruhigeren Rhythmus unseres Herzens kommen,
dann kann es sein, dass auf einmal die Dankbarkeit neben uns auf der Bank sitzt
wie eine stille, vornehme Frau mit einer großen, verwandelbaren Ausstrahlung.

Denn für den nachdenklichen Menschen zeigen
Dinge, Ereignisse, Begegnungen und Erinnerungen
plötzlich eine neue, bislang vergessene Seite.

Es ist fast so ähnlich, wie wenn über eine Landschaft
ein zauberhafter Lichteinfall kommt, weil die Sonne
durchbricht.

(Dr. Reinhold Stecher) em. Bischof von Innsbruck

Dankbarkeit, meine Damen und Herren, kann man nicht verordnen, man kann dazu nur einladen. Das habe ich versucht. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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