Geborgen am Ende des Lebens

Vortrag in der Pfarrei in Moosbach/Opf.  am 25.11.2010

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Heute Abend machen wir uns Gedanken über Sterben und Tod. Das Thema passt gut in den Novembermonat, obwohl es so alt ist wie die Menschheit. Denn wir Menschen sind die einzigen Lebewesen auf diesem Planeten, die um ihre Sterblichkeit wissen. Tiere scheinen eine dumpfe Ahnung von ihrem bevorstehenden Ende zu haben. Allein der Mensch vermag sich gedanklich und gefühlsmäßig an die Todeszone heranzutasten und wünscht sich insgeheim, es möge wenigstens ein gutes Sterben, ein „Sterben in Würde“, ein guter Tod sein.

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Die Kulturen der Welt haben verschiedene Antworten auf die Fragen von Sterben und Tod bereitgestellt. Dabei verschoben sich die Inhalte der Sehnsucht nach einem guten Lebensende.

Während früher der Gedanke an eine „Erlösung“ im Vordergrund stand – auch als Erlösung von Krankheit, Leid und dem Jammertal dieser Welt, wird heute mehrheitlich eine „Geborgenheit“ ersehnt. Damit sind wir mitten im Thema.

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Sterben und Tod zeigen uns immer ein doppeltes Gesicht, Einerseits ist da etwas Faszinierendes. Wie anders könnte man sich das große Interesse an der Hospizbewegung erklären!?. Wieso sollte man ausgerechnet Sterbende begleiten wollen, wo es doch viele andere, weniger belastende Dienste der Nächstenliebe gibt?!

Andererseits erfasst uns auch immer noch ein kalter Schauer, wenn wir unerwartet und unvorbereitet dem Tod begegnen. Das ist bei Katastrophen (wie Erdbeben, Kriegen, Amokläufen, Selbstmordattentaten usw.) genau so der Fall wie beim unerwarteten Tod eines nahen Angehörigen (wie vor kurzem in dieser Gegend der unerklärliche Tod einer jungen Mutter von fünf Kindern). Dann steht die Frage auf, wann, wie, unter welchen Umständen kommt der Tod auf mich zu – und was passiert da eigentlich mit mir? Wie soll ich damit umgehen?

Der griechische Philosoph Epikur hat vorgeschlagen:

Folie 4 … „Der Tod geht uns nichts an…“

William Shakespeare hingegen lässt einen seiner Protagonisten im Schauspiel ausrufen:

Folie 5 … „Dulden …“

Innerhalb der christlichen Sterbekultur gab es bis vor wenigen Jahren so etwas wie einen „geordneten Rückzug“ aus dem Leben.

Folie 6 … Wenn der Arzt nichts mehr tun konnte …

Sterben war allerdings noch eingebettet in eine selbstverständliche Abfolge von religiösen Ritualen. Die Sakramente wurden sogar – entschuldigen Sie den Ausdruck – im „Dreierpack“ angeboten. Man kannte sie als Sterbesakramente: Beichte-Wegzehrung-Letzte Ölung.

Folie 7 Traditionelle Sterbebegleitung

Zu jeder Aussteuer gehörte natürlich auch die sog. „Versehgarnitur“, ein kleiner Hausaltar für den Vollzug der priesterlichen Sterbebegleitung.

Folie 8 Versehgarnitur

Die Kirche hatte das Monopol in Sachen Sterbebegleitung und sorgte sich mit ihren Ritualen und Gebeten um einen guten Tod.

Dieses kirchliche Milieu, meine Damen und Herren, ist zerbrochen. Das gibt es nur noch in ganz wenigen Gegenden, weithin überhaupt nicht mehr.

Wir müssen uns also neu orientieren und fragen, welche Impulse von der Hospizbewegung und der Palliativmedizin für die Erneuerung einer christlichen Sterbekultur ausgegangen sind und was heute der spirituelle Beitrag sein kann, um die verloren gegangene Geborgenheit am Ende des Lebens wieder zu gewinnen.

Dazu braucht es einen kurzen Blick in die derzeitige gesellschaftliche Situation.

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V.E. Frankl, der Begründer der Logotherapie, spricht in seiner Daseinsanalyse von einer tragischen Tias im Leben des Menschen. Mit drei unvermeidbaren Erfahrungen müsse sich jeder Mensch auseinandersetzen.

  • Mit dem Schuldigwerden
  • Mit dem Krankwerden
  • Und mit dem Sterben

Hospizbegleiter und alle Berufe im Gesundheitswesen können diese Auseinandersetzungen bei ihren Patienten beobachten. Schwerkranke fragen manchmal, ob sie nicht selber schuld sind an ihrer Krankheit. Sie deuten ihre Krankheit.

Die Pflegenden, die Ärzte und Seelsorger in Krankenhäusern haben gelernt, mit solchen Deutungen umzugehen, die Warum-Fragen auszuhalten und einem Sterbenden über lange Passagen hinweg Halt und Geborgenheit zu geben.

Beim Herannahen des Todes nimmt allerdings auch die Ratlosigkeit und Ohmacht der Fachleute zu. Denn jeder Einzelfall ist anders. Der Sterbende selbst ist nicht mehr Regisseur in seinem Lebensfilm. Er erleidet so etwas wie eine Ich-Katastrophe. Es ist, als ob ihm der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Und die Fachleute sind buchstäblich am Ende ihrer Weisheit…

Worauf läuft jetzt alles hinaus? Gibt es noch irgendwo einen Halt, wenn nichts mehr hält? Lässt sich die ersehnte Geborgenheit menschlich vermitteln, oder bedarf es da noch ganz anderer Stützen?

Viele Menschen leben – wie kürzlich in einem Essay der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war – in einer „Gesellschaft ohne Halt“, mit Informationen überflutet, aber doch orientierungslos. Wenn medizinische Kunst am Ende ist, haben auch die Ärzte oft nur noch ein schwaches Trostwort für die Angehörigen: „Wir haben alles getan, wir konnten nichts mehr tun…“

Folie 10

Sterben ist seit einigen Jahrzehnten gestaltbar geworden, nicht mehr nur unabwendbares Schicksal. Erhard Weiher, Klinikseelsorger in Mainz, bezeichnet das Sterben sogar als eine „chronische Krankheit mit unkalkulierbarem Ausgang“. Die Allmacht der Hochleistungsmedizin und die Ohmacht der Handelnden liegen nun nahe beieinander.

Je mehr sich die Schwerkranken dieser neuen Situation bewusst wurden, umso lauter wurde der Wunsch nach einer „Sterbehilfe“. Häufig werden sehr einfache Forderungen gestellt: z.B. „Ich will an keine Schläuche, möchte keine Reanimation bei Herzstillstand – man weiß ja inzwischen, welche Risiken damit verbunden sind, wenn diese Leben rettende Maßnahme zu spät oder nicht fachgerecht eingeleitet wird –. Ich will keine Magensonde …“ usw.

Folie 11 (aktive-passive Sterbehilfe)

Seit Jahren stehen wir in einer öffentlichen Diskussion um ein menschenwürdiges Sterben. Dabei dient auch die alte Unterscheidung zwischen „aktiver“ und „passiver“ Sterbehilfe nur noch zu groben Orientierung. Immer häufiger wird die Forderung nach direkter Sterbehilfe, d.h. der Arzt soll dem herannahenden Tod durch eine tödlich wirkende Medizin zuvorkommen.

Gesellschaftlich stehen wir vor einer ernsten Alternative. Wir müssen uns entscheiden:

Entweder für …..

Folie 12

Nach einem erfüllten Leben einfach Abschied zu nehmen und lebenssatt zu sterben, wie es von den biblischen Vätern berichtet wird, scheint heute nicht mehr möglich. Schon vor mehr als 40 Jahren hat die Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross gespürt, dass sich da etwas ändern muss. In ihrem ersten Aufsehen erregenden Buch „Interview mit Sterbenden – Reif werden zum Tode“ forderte sie, mehr als bisher auf die ganz persönlichen Wünsche und Bedürfnisse der Sterbenden Rücksicht zu nehmen.

Folie 13 Wünsche …. frei formulieren …

Inzwischen weiß man, dass auch diese Erkenntnisse noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Denn es sind Wünsche, die sich der wohlmeinende Begleiter ausdenkt. Ob er dabei immer 1zu1 die wirklichen Bedürfnisse und Wünsche erreicht, bleibt eine offene Frage.

Schon Johannen Chrysostomus hatte beobachtet:

Folie 14 – vorlesen

Eines steht aber heute außer Frage: die Lebenserhaltung um jeden Preis ist nicht das erste und oberste Gebot. Dieses rigorose Denken führte nur zu einer Sterbensverlängerung, verhinderte also gerade das erwünschte Ziel, Geborgenheit am Ende des Lebens zu erfahren und „im Frieden aus dieser Welt scheiden“ zu können. Auch die Kirche hat dazugelernt. Ich zitiere hier nur einen kurzen Satz des letzten Papstes:

Folie 15 – Zitat Papst Johannes Paul II. – vorlesen

Damit waren neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die zusätzlich Antrieb erhielten aus der wachsenden Kenntnis der menschlichen Befindlichkeit durch die Humanwissenschaften, die Psychologie z.B. Wir wissen heute mehr über das seelische Erleben beim Herannahen des Todes als vor 100 Jahren.

Literatur, Kultur und Politik lieferten ihrerseits Denkanstöße, sodass die Menschen immer hellhöriger wurden und begannen, Sterben und Tod aus der Tabuzone herauszuholen und offen darüber zu sprechen. Auch das ist noch nicht so lange her. So wurde einerseits das Erschrecken über den Tod neu thematisiert und andererseits wurden neue Verhaltensweisen entwickelt, um dem Ziel einer „Geborgenheit am Ende des Lebens“ näher zu kommen. –

Aber schauen wir noch einmal kurz auf das schon angesprochene gesellschaftliche Umfeld. Denn von ihm wird unser Denken mehr geprägt als uns lieb ist …

Folie 16 „Selbst in reichen Gesellschaften kann morgen jeder von uns überflüssig werden. Wohin mit ihm?“

Hans Magnus Enzensberger etwa legte mit dieser Bemerkung den Finger auf eine Wunde. Unter der Hand könnte eine „Entsorgungsmentalität“ entstehen und vor allem die schwerkranken, behinderten und alten Menschen dazu veranlassen, sich heimlich, still und leise aus der Welt zu verabschieden – z.B. durch Suizid.

Folie 17 (Oma überflüssig)

Wenn Menschen z.B. nur noch nach ihren Nützlichkeitswert beurteilt werden, nimmt die Bereitschaft zu, ihr Leben als lebensunwert – ja als Belastung für die Mitmenschen – aufzufassen. Die Erfahrung, nirgendwo mehr Halt zu finden – weder im sozialen Umfeld noch bei sich selbst, gehört zu den neuzeitlichen Kränkungen in einer immer kälter werdenden Gesellschaft. Woran sich halten, wenn nichts mehr hält? Immerhin bezeichnen Sterbeforscher den Übergang aus dem irdischen Leben als die größtmöglich denkbare Ohnmacht, eine Ich-Katastrophe.

Folie 18

Und ohne Zweifel macht die Erfahrung von Haltlosigkeit im Sterbeprozess Angst. Diese Todesangst ist eine Variante der Grundangst des Menschen, die viele Gesichter hat und nicht zuletzt auch durch die Religion verstärkt, aber auch durch sie besänftigt wurde.

Folie 19

Michelangelo hat in seinem imposanten Gemälde in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan dieser Angst ein Gesicht gegeben. Es ist eine Szene aus dem Weltgericht. Der Hintergrund:

Beim Sterben gerät der Mensch unter den Augen Gottes in eine schonungslose Offenheit gegenüber sich selbst und erschrickt über seinen wirklichen Zustand. Er fürchtet das letzte Gericht.

Diese religiöse Todesangst – bei älteren Menschen durch ihre Erziehung noch mehr vorhanden als bei jüngeren – ist zudem verwoben mit einer diffusen Höllenangst.

Folie 20 Fegefeuer

Dazu ist anzumerken, dass im Religionsunterricht und in den Predigten der Hinweis auf die Barmherzigkeit Gottes, an seinen „universalen Heilswille für alle Menschen“ sträflich vernachlässigt wurde. Der Christ bekam nur das letzte Gericht, nicht den barmherzigen Gott in den Blick. So blieb es bei einer „Heiden-Angst“. Eine „Christen-Angst“ war das nicht; denn diese hat es mit dem Staunen und mit der Ehrfurcht vor der unbegreiflicher Größe und Barmherzigkeit Gottes zu tun. Biblisch nennen wir sie deshalb besser „Gottesfurcht“.

Uns wurde nur die halbe Wahrheit gepredigt. Den Satz im Jakobusbrief „Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht!“ (Jak 2,13) habe auch ich erst sehr spät entdeckt. Das unerwartete Resultat solcher Einseitigkeiten war, dass Atheisten gelegentlich ruhiger starben als Christen, was manche einfache Gemüter nicht glauben konnten.

Der psychologische Inhalt der erlebten Haltlosigkeit mit Todesangst ist – auf eine Formel gebracht – der absolute Kontrollverlust über sich selbst. Wie ist das zu verstehen?

Unser Selbstwertgefühl gründet nach Hilarion Petzold auf fünf Säulen, die die Plattform des Ich tragen. Sind sie stabil, fühlen wir uns gut.

Folie 22
Das gibt Halt. Wir wissen sozusagen, worauf wir stehen …

  • Arbeit/Leistung (klick)
  • Beziehungen (klick)
  • Umfeld (klick)
  • Leib (klick)
  • Sinn (Klick)

Folie 23

Misserfolge, Krankheit, Kränkungen und Ohnmachtserfahrungen begleiten aber unser tägliches Leben und rütteln an diesen Säulen. Wenn sie über längere Zeit instabil bleiben oder sogar einstürzen – und das ist im Sterbeprozess der Fall – gleicht dies tatsächlich einer Ich-Katastrophe.

Ich erinnere mich an eine schwerkranke Frau – geschäftstüchtig und erfolgreich bis ins hohe Alter. Sie hatte immer nur „getan“ – geplant, gearbeitet, erledigt, gestaltet, Beziehungen gepflegt. Jetzt konnte sie nichts mehr tun – das machte ihr Angst.

Angst heißt im lat. angustiae – Enge. Es wird also eng an der Schwelle zum Tod. Der Mensch muss alles aus der Hand geben, was ihm bisher zuhanden war. Er kann nichts festhalten, muss alles loslassen: Besitz, soziale Beziehungen, seine eigene Geschichte, auf die er im Alter immerhin stolz sein konnte, auf seine sog. Ernte des Lebens – all das entwindet sich seinem Zugriff. Zuletzt muss er sich selbst loslassen. Alle diese Prozesse sind angstbesetzt, auch für den, der als religiöser Mensch eine Hoffnung über den Rand der Welt hinaus hat.

Ich habe schon die weit verbreitete Meinung erwähnt, religiöse Menschen würden leichter sterben. Krankenhauseelsorger können das grundsätzlich schon bestätigen. Aber Befragungen haben gezeigt, dass es da keinen Automatismus gibt.

Vielmehr kommt es darauf an, welches Gottesbild ein Mensch hat. Ist Gott nur der strafender Richter oder auch der barmherziger Vater, wie wir es von Jesus Christus gehört haben – in vielen Gleichnissen und in seinem Verhalten – z.B. gegenüber dem rechten Schächer am Kreuz (letzte Sonntagsevangelium) „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein…“. Das bekannteste Gleichnis ist das vom verlorenen Sohn

Folie 24 (Der verlorene Sohn)

Der Blick auf Jesus Christus, der die Liebe Gottes verkündet und gezeigt hat, kann eine nicht zu unterschätzende Stütze im Sterben sein.

Wir wissen aus der Psychologie, dass für die Stabilisierung des Ichs auch sog. „bedeutsame Andere“ wichtig sind. Dieser bedeutsame Andere kann Jesus Christus für einen gläubigen Menschen sein. Nicht ohne Grund hat man früher die Schwerkranken gleich nach der Aufnahme in ein Hospiz erst einmal unter ein großes Bild des Gekreuzigten gelegt. Was da möglich ist, werde ich zum Schluss noch näher beschreiben.

Ich schlage Ihnen jetzt für die Psychohygiene und für den Aufbau einer inneren Stabilität zunächst eine sog. „Wandernde Aufmerksamkeit“ vor. Es geht da auch um die Fähigkeit, loszulassen. Es ist gewissermaßen die Einübung in das eigene Sterben.

Im Dom zu Schleswig findet sich dazu eine bemerkenswerte Inschrift: „Wir müssen täglich sterben lernen, damit wir nicht sterben, wenn wir sterben.“

Folie 25 (täglich sterben)

Das Prinzip dieser Übung beruht darin, sich von jeder Anhaftung zu lösen und die Aufmerksamkeit vorübergehend reihum in vier Richtungen zu lenken: Auf sich selbst – auf den Sterbenden – auf das System und auf eine Macht größer als wir selbst. Diese Haltungen gehören übrigens zum erworbenen Standard für alle in der Hospiz- und Palliativarbeit Tätigen.

Folie 26 – 30 (Wandernde Aufmerksamkeit – näher erklären.

Wenn heute im Zusammenhang mit einer ersehnten Geborgenheit am Lebensende gern über Spiritualität gesprochen wird, kann man an dem vergleichbaren Begriff „Religion“ nicht vorgehen. Re-ligio kann mit „Rück-bindung“ übersetzt werden. Wenn sie so wollen, findet der religiöse Mensch Geborgenheit und Halt in einem Punkt außerhalb seiner selbst, an den er seine bedrohte Existenz zurückbinden, festmachen kann.

Der Ernstfall solcher Erfahrung lässt sich an den – wiederum vermuteten Bedürfnissen – eines Sterbenden erläutern.

Folie 31 Was Menschen brauchen …(erklären)

Eine Vision über den Rand der Welt hinaus wurde uns geschichtlich durch Jesus Christus geoffenbart. Seine Passion – sein Durchschreiten der Todeszone mit dem einhergehenden Gestaltwandel – kann man manchmal in Bildern besser vermitteln als in theologischen Abhandlungen.

Deshalb möchte ich zum Schluss zwei Bilder zeigen – das Bild eines Gekreuzigten und eine ostkirchliche Ikone des Auferstandenen. Beide Bilder haben eine stille Botschaft an uns. Ich versuche, sie hörbar zu machen.

Folie 32 Gekreuzigter (Würzburger Kruzifix)

Dieser Gekreuzigte kann für den schwerkranken und sterbenden Menschen zum „bedeutsamen Anderen“ werden und von ihm die stumme Botschaft hören: „Schau her, ich stecke in Deiner Haut“.

Damit ist ein wesentliches Element der spirituellen Leidbewältigung benannt: die Erfahrung, aus der Einsamkeit befreit zu werden und Solidarität im Leiden zu erfahren: Con-solatio ist das lat. Wort für Trost und heißt wörtlich übersetzt „con – solus“ – mit dem sein, der (im Sterben) allein ist.

Folie 33 Diese Ikone hat vor allem zwei wichtige Botschaften für die Begleitung Schwerkranker und Sterbender. Sie lassen sich an den Händen und an den Blicken erkennen.

(In freier Rede erläutern)

Die Reduktion auf die beiden Grundweisen des Daseins : Das Hinschauen und das Berühren ist für den Sterbenden eine ungemein hilfreiche und angstbindende Erfahrung. Da kann Geborgenheit wirklich erspürt werden.

Folie 34 Das Hinschauen und das Berühren

Nicht gesehen, nicht angeschaut werden, buchstäblich links liegen gelassen zu werden gehört zu den größten Kränkungen, die ein Mensch verkraften muss. Bleibt er aber für seine Umgebung eines „Blickes wert“, wird er angeschaut, wächst sein Ansehen, auch wenn er sich sterbenskrank und „unansehnlich“ fühlt.

Dies gilbt auch für den Glaubenssatz, dass Gott den Menschen niemals aus den Augen verliert. Gottes Auge ruht auf jedem von uns – wie diese barocke Darstellung zeigt.

Folie 35 (Gottesauge)

Hier wäre nur zu ergänzen, dass der Kommentar, den ich aus Kindertagen dazu noch in Erinnerung habe, fatale Wirkungen haben kann:

„Ein Auge ist, was alles sieht, was auch in dunkler Nacht geschieht“

Papst Benedikt sagt zu diesem Bild schlicht und einfach.

Gott ist der Sehende – und der Mensch ist der Angesehene.

Folie 36 (Rettung des Petrus)

Auf die angstbindende Wirkung der entgegen gestreckten Hand habe ich schon bei der Erläuterung der Auferstehungsikone hingewiesen. Mt. schildert eine Szene auf dem See Genezareth. Was Petrus hier erlebt, hat der Prophet Jesaja seinen Zeitgenossen schon vielsagend ins Stammbuch geschrieben:

Folie 37 „Wenn ihr euch nicht an Gott haltet, werden ihr keinen Halt haben“

Es gibt ein neuzeitliches Kirchenlied „Kommt herbei…“, das diesen Glauben in der zweiten Strophe bekennt: Gott allein ist letzter Halt!

Folie 38 (Lied: Kommt herbei)

Wie wichtig in diesem Zusammenhang die Wiederentdeckung religiöser Rituale und ihr mutiger Einsatz geworden ist, entdecken heute wieder mehr Menschen. Freilich darf es nicht zu einer frommen Überlistung oder gar zu zwanghaften Manipulationen kommen.

Jeder religiöse Akt muss den Geist der Freiheit atmen. Er ist wie die entgegengestreckte Hand Gottes mit der stummen Einladung, sich retten und erlösen zu lassen.

Wer in geduldiger Übung – durch Erfahrung und die Wiederentdeckung religiöser Rituale sicherer geworden ist in der Nähe eines Sterbenden, wird indirekt vier grundlegende Botschaften vermitteln können. Sie bilden die Eingangstore zur Geborgenheit am Ende des Lebens.

Folie 39 (In Gottes Hand)

Eine letzte Geborgenheit gibt es nur in Gott. Sie braucht allerdings eine sinnliche Erfahrung durch „menschliche Gebärden“. Die bloße Verkündigung oder Zusage, dass Gott allein der letzte Halt ist, lässt den Menschen im Unklaren und im Zweifel.

Darin liegt das Besondere der christlichen Religion, worin sie sich von allen anderen Religionen unterscheidet: dass wir an einen Mensch gewordenen Gott glauben können. Die menschliche Gebärde Gottes war sein Sohn, Jesus Christus. Deshalb suchen wir seine Nähe und finden durch ihn Geborgenheit.

Je mehr uns das gelingt, umso einfacher können wir in der Begleitung Sterbender und in der Einübung des eigenen Sterbens von vier Botschaften sprechen, die indirekt das verstörte Herz des ängstlichen Menschen besänftigen.

Folie 40 Vier Botschaften: Todeszone begehbar … usw.

Es gibt Gott sei Dank auch heute noch Menschen, die ihr Sterben angstfrei annehmen können. Im Pinzgau entdeckte ich vor Jahren zufällig eine Totengedenktafel, die an Franz Gruber, einen Bauern zu Oberhaus bei Zell am See erinnert:

Folie 41 (auf dem Heimweg)

So aus dieser Welt gehen können, das wäre ein Ziel.

Zum Schluss lasse ich einen Arzt zu Wort kommen, der uns damals in der Telefonseelsorge als Supervisor und Berater zur Seite stand. Er ist schon vor Jahren verstorben und hat in Kehlheim als Psychotherapeut gewirkt. Mehrere kleine Texte hat er hinterlassen. Unter anderem auch dieses Gedicht über Leben und Tod.

Folie 42 Leben und Tod

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