Wachsam sein

Predigt zum 1. Adventsonntag

Lesungen: Jes 2,1-5 / Röm 13,11-14a / Mt 24,29-44

Alle liturgischen Texte (hier)

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Geben wir es ruhig zu: die Texte der Hl. Schrift am heutigen ersten Adventsonntag sind nicht ermutigend. Sie gleichen eher einer Katastrophenmeldung, vor allem das Evangelium. Und die Verhaltensregeln für den Katastrophenfall werden gleich mitgeliefert: Seid wachsam! Haltet euch bereit!

Ungewiss sind nur der Tag und die Stunde des Bevorstehenden. Sicher aber ist nach dem Zeugnis der Hl. Schrift das Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten. Und die Begleiterscheinungen sind erschütternd: offenbar gerät alles aus den Fugen.

Wie können wir solche apokalyptische Texte heute verstehen? Wir werden also nüchtern fragen, was sie für unsere Zeit bedeuten. Die Sprachgestalt ist ja verblüffend ähnlich mit den aktuellen Aufrufen zur Wachsamkeit angesichts bevorstehender Terroranschläge in Deutschland. Gleich mitgeliefert werden ja auch hier Appelle, sich nicht voreilig in eine Panikstimmung drängen und verunsichern zu lassen – wohl aber auch wachsam zu bleiben!

Ein Blick auf die eigene Lebenserfahrung kann durchaus Verbindungen herstellen zu den Texten in der Hl. Schrift. Das wird uns helfen, den Sinn dieser Texte  besser zu verstehen.

Unser eigenes Leben: nun – das ist alles andere als ein gesichertes Dasein. Da ist immer alles möglich. Niemand von uns kennt seine Zukunft genau. Niemand weiß, was ihm noch alles bevorsteht. Nicht, um Ängste zu schüren, sage ich das, sondern damit wir einander die Augen öffnen und sehen lernen, was wirklich ist.

Schau dich um in deinem Lebenskreis. Wie sehen die Katastrophen der Neuzeit aus? Wie ist das mit den täglichen Meldungen im Fernsehen? Wie geht es uns persönlich mit den unerwarteten Veränderungen z.B. wenn wir krank werden oder der Tod anklopft.

Aus dem geschäftigen Treiben auf allen Gebieten, das fast schon zu einer Raserei geworden ist, werden wir oft unerwartet herausgerissen. Eine Pause wird uns auferlegt. Wir können nicht mehr so, wie wir wollen. Innere und äußere Grenzen hindern uns. Die Frage: was soll das bedeuten, lässt sich nicht umgehen. Wir müssen für uns eine Antwort finden.

Normalerweise trösten wir uns mit bekannten Sprüchen:  Es wird schon irgendwie weitergehen. Es wird schon nicht so schlimm werden, wie befürchtet. Nach jeder Nacht folgt ein neuer Tag. Man darf die Hoffnung nie aufgeben, usw. Das mag für den Alltag genügen, aber damit kann man auf Dauer nicht leben. Das ist zu einfach und beruhigt unseren suchenden Verstand nur vorläufig. Wir suchen bessere Antworten. Die heute beginnende Adventszeit eignet sich dazu, solche Fragen zu stellen und Antworten zu bedenken.

Vielleicht finden wir sie dann doch in der Offenbarung der Hl. Schrift. Jedenfalls steht da ganz eindeutig, dass die Gestalt dieser Welt vergehen wird, und dass  ein Ende aller irdischen Dinge sein wird. Das Ende aber wird der Anfang sein – eine unvorstellbare Form der Verwandlung. Gott wird alles in allem sein. Unser Leben, Freude und Leid, Arbeit und Freizeit, Hoffen und Bangen, alles, was unsere tägliche Befindlichkeit ausmacht, das ist noch nicht das Ganze und Endgültige, sondern nur das Vorläufige, die endgültige Gestalt steht noch aus.

Was vorläufig ist, verwandelt seine Gestalt so lange, bis das Endgültige zum Vorschein kommt. Das ist so wie mit der Raupe, der Puppe und dem Schmetterling. Die Raupe unterscheidet sich vom Schmetterling nur dadurch, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist.

Und wenn aus einer Blüte eine reife Frucht werden soll, braucht es ein geduldige Warten. Blüte und Frucht haben äußerlich kaum etwas miteinander gemein – aber jeder weiß, dass die Blüte erst verwelken müssen, bis dann über die Knospe die wachsende Frucht entsteht – zur Zeit der Ernte. Glauben heißt warten, hat einmal ein kluger Kopf gesagt. Irgendwie erahnen wir dieses Geheimnis, wenn wir im Advent Barbarazweige aufstellen, um jetzt schon, in der beginnenden Winterzeit, mit Staunen die Verwandlungen der Natur zu beobachten.

In der Adventszeit versuchen wir, unser Leben nüchtern anzuschauen. Mit Rührseligkeit hat diese Zeit nur am Rande zu tun. Eher noch mit einer größeren Achtsamkeit sich selbst und den Mitmenschen gegenüber. Auch deshalb stellt uns die Kirche ja in diesen Tagen große Heilige der Nächstenliebe vor, wie den Bischof Nikolaus, die Hl. Barbara, den Hl. Franz und andere.

Achtsamkeit muss man üben. Und das beginnt bei unseren Sinnen:

Beim Hören – lasst uns also mehr Hören als Reden. Immerhin hat ein so wortgewaltiger Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt: „Wenn man einmal weiß, worauf es ankommt, hört man auf, geschwätzig zu sein“. Das könnte bedeuten – stiller werden, den Lärm abstellen und sich eine Zeit des Alleinseins zu gönnen.

Beim Sehen – lasst uns genauer hinschauen und nicht nur oberflächlich drüberblicken. Das könnte bedeuten: weniger Bilder zulassen, um die Augen zu entlasten. Konkret: weniger in das Fernsehgerät, häufiger in das Antlitz eines Menschen schauen!

Die Adventszeit wäre eine Chance für uns, wieder menschlicher zu werden, eine notwendige Kehrtwende im Leben unserer Gesellschaft. Wir haben ja gesehen: die einzige Sicherheit, die es gibt, ist, dass Gott sich uns zugesichert hat: er bleibt in allem Wandel der Unwandelbare. Er ist der Aufgang in allen Untergängen. Er ist das Leben im Tod der Welt.

Er wird uns aus dem Meer dieses Daseins retten – wie damals den sinkenden Petrus aus dem Galiläischen See. Rettung und endgültiges Heil erwarten wir. Advent heißt Warten auf die Ankunft des Herrn. Wir erwarten sein Kommen in Herrlichkeit. „Seid wachsam! Haltet euch bereit!“ Mit dieser Mahnung gehen wir in die Adventszeit. Und wir halten fest an dem Wort des Glaubens, das uns der Prophet Jesaja als Gotteswort  überliefert hat:  „Ich bleibe derselbe, so alt ihr auch werdet, bis ihr grau werdet, will ich euch tragen. Ich habe es getan und ich werde euch weiterhin tragen,  ich werde euch schleppen und retten“. (Jes 46,4). Warum dann so viele Ängste?

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