Visionen, Wirklichkeit und ein neuer Anfang

Predigt zum 2. Adventsonntag

Lesungen: Jes 11,1-10 / Röm 15,4-9 / Mt 3,1-12

Alle liturgischen Texte (hier)

Hier können Sie die Predigt anhören!

[print_link]

Wir haben heute drei längere Lesungen gehört. Auf alle Bibeltexte trifft zu, was der Hl. Paulus glaubt: „Alles, was geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben“.

Also will ich versuchen, die Quintessenz der drei Lesungen zur Sprache zu bringen. Jetzt – im Advent – ist die Zeit günstig für eine Besinnung auf das Wesentliche.

In der ersten Lesung lässt uns der Prophet Jesaja an seiner Zukunftsvision teilhaben. Er sieht eine veränderte, eine bessere Welt, die aus der alten Welt hervorgeht wie ein junger Trieb aus einer Wurzel.  Die Wurzel – das ist das Königshaus David. Davids Vater hieß Isai, im Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ wird er auch Jesse genannt. Er stammte aus Bethlehem, woher nach alter Verheißung ein neuer David, ein Davids-Sohn kommen wird: Jesus – geboren in Bethlehem, ist dieser neue Königsspross. Er wird eine neue Rechtsordnung einführen: das GOTTES-RECHT. In seinem “Reich Gottes” wird es ein anderes Grundgesetz geben als wir es von weltlichen Staaten kennen, wo alle Macht vom Volk ausgeht. Da wird es eine „Macht größer als wir selbst„ geben. Und der 1. Artikel dieser neuen Verfassung wird Liebe und Erbarmen heißen.

Wer diese Verfassung anerkennt und danach zu leben versucht, erfährt Verwandlung – bei sich und im Zusammenleben der Menschen und Völker.

Der Prophet illustriert diese neue Weltordnung mit Bildern aus dem Tierreich. Normalerweise frisst der Wolf das Lamm, der Panther das Böcklein. Nun aber liegen sie friedlich beieinander. Jesaja sieht in diesem sog. Tierfrieden, wie die Völker, die sich bisher bekriegt haben, jetzt im Frieden miteinander leben. Sie haben eine andere Art der Konfliktlösung gefunden, die sog. Entfeindungsliebe. Denn die Liebe allein vermag den Hass zu überwinden und aufzulösen – wie ein Löschblatt den Tintenfleck auflöst. Die Grundbewegung ist das Annehmen und Anerkennen des Anderen, obwohl er anders ist. So kann ich dem anderen verzeihen, dass er nicht so ist, wie ich glaube, dass er sein sollte.

So fängt eine neue Welt an. Jesaja spricht mit dieser Vision eine Sehnsucht aus, die nach Erfüllung drängt. Könnte sie nicht um Gottes willen eines Tages wirklich werden? Wann hören wir endlich auf, an unseren Mitmenschen ständig herumzunörgeln? An Weihnachten werden wir hören: „auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14), also den Menschen, die von Gott aus Gnade zu einem Leben im Frieden ermächtigt worden sind. Liebe Mitchristen! Die Hoffnung auf einen solchen Neuanfang dürfen wir nie aufgeben.

In der zweiten Lesung beschreibt Paulus dieses neue Miteinander genauer. Man erkennt es auch am Umgangstil: es ist die Geduld, der Trost, die Einmütigkeit, das „einander annehmen“ – wie es Jesus Christus gesagt und vorgelebt hat. Diese neue Art des Umgangs hat auch einen allgemeinen Namen: Barmherzigkeit. Die hebräische Wortwurzel von Barmherzigkeit ist der „Mutterschoß“. Barmherzigkeit ist also das Hegen und Pflegen des Schwachen und Hilfsbedürftigen, das Annehmen, Trösten und Geborgenheit schenken. Trost heißt lateinisch con-solatio. Im Spiel mit diesem Wort erkennt man zwei Wortteile: con – das heißt „zusammen-mit“ und in „solatio“ könnte man das Wort solus „allein-einsam“ finden. Dann hieße con-solatio übersetzt „Mit dem sein, der allein ist“ – Das ist der Trost, den wir einander durch unser Da-sein füreinander schenken können.

Wie sehr wir solchen Trost und solche Geborgenheit brauchen, um überhaupt leben zu können, wissen wir nicht nur aus Kindertagen, sondern wir erfahren es immer dann, wenn es uns schlecht, wenn wir in Not sind und uns jemand in den Arm nimmt, um wortlos zu sagen: „Es ist schon alles gut so, wie es ist – mit Dir“. Diese Erfahrung verbinden wir auch mit dem Wort Gott. Gott ist nach einem Bild des Münchner Pfarrers Elmar Gruber unsere „Gutgeh-Kraft“.

Das Evangelium schließlich ist ein Weckruf an die müde und träge gewordenen Institutionen. Papst Benedikt sagt in seinem neuen Interviewbuch: „Die Institutionen sind alt und kraftlos geworden“.

Wie recht er hat! Dieser Weckruf ergeht natürlich auch an unsere religiösen Institutionen, an die Kirche. Die Denkfaulheit und die Überheblichkeit der “Macher” soll aufgebrochen werden. Denen, die meinen, sie könnten das Heil der Welt eigenmächtig herstellen im Rühmen ihrer Werke und in hochmütiger Ablehnung der Gnade, redet Johannes der Täufer scharf ins Gewissen.

Eine Besonderheit wird in der Bußpredigt des Johannes noch deutlich: er nennt beide religiösen Parteien des damaligen Judentums, Pharisäer und Sadduzäer – wenn man so will die Konservativen und die Progressiven – eine „Schlangenbrut“. Es wird ihnen nichts nützen, sich auf Abraham zu berufen, auf ihre ererbte Zugehörigkeit zum auserwählten Volk. Beide Parteien müssen umkehren! Keine kann sich auf eine sichere Tradition berufen. Zugehörigkeit und Herkunft allein sind keine Garantie für das Heil. Offenheit und die demütige Haltung des Empfangens, wie wir es bei Maria kennen,  sind gefragt. In unsere Zeit übersetzt: der Taufschein allein ist keine Garantie für ein gottgefälliges Leben. Wir sind aufgerufen, das Wort von der Erwählung und Gnade in die konkrete  der Liebe umzusetzen.

Adventszeit ist immer eine Zeit der Entscheidung und des inneren Umbaus. Einen Raum sollen wir bereitstellen für die Ankunft Gottes – für die Gnade. Dazu muss man freilich manches ausräumen, um Platz zu machen für Neues. Aus eigener Kraft werden wir die neue Welt nicht herstellen können, selbst dann nicht, wenn wir uns zu moralischen Hochleistungen durchringen. Was wir haben und erreichen – immer ist alles zugleich Gnade und Geschenk. Eine Geschichte – von Martin Luther überliefert – zeigt, wo die Musik spielt und wo es lang geht:

Da war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung.

So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden – in einer Krippe.

Also öffnen wir unsere Augen, leben wir achtsam – es ist Advent.

Print Friendly, PDF & Email