Müde und matt – gibt es eine Hilfe?

Ansprache zum Abschluss einer Weiterbildung für Pflegedienstleitungen am 09.12.2010 in der Kath. Akademie für Berufe im Gesundheit- und Sozialwesen Regensburg

Die Adventszeit ist eine besondere Zeit. Besinnung ist angesagt, Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Die guten Vorsätze und die tägliche Wirklichkeit lassen sich aber nicht immer in Einklang bringen. Wer sich selbst beobachtet, wird erkennen, wie schwer es ist, aus den täglichen Gewohnheiten und Vorlieben auszusteigen und einmal wieder Altvertrautes und Ersehntes zur Geltung zu bringen.

Es ist ein schöner Zufall, dass der Abschluss Ihrer Weiterbildung in diese Zeit fällt. Wir werden in der Auslegung der biblischen Texte (Jes 40,25-31 und Mt 11,28-30) Anregungen für einen neuen, vielleicht besseren Lebensstil entdecken. Natürlich kann niemand einem anderen Menschen vorschreiben, wie er zu leben und zu arbeiten hat. Aber wir können einander unsere Erfahrungen und Einschätzungen mitteilen, was uns gut tut, was wirklich wichtig ist und worauf es eigentlich im Leben ankommt.

Zunächst werden Sie natürlich auch Dank empfinden für den Abschluss dieser Weiterbildung und mit größerer Sicherheit und erweitertem Wissen zurück an ihren Arbeitsplatz gehen. Diesen Dank bringen wir auch vor Gott – jetzt in der Danksagungsfeier, was ja die Übersetzung von Eucharistiefeier ist. Denn Gott ist der erste Geber aller Gaben.

Und jetzt lassen wir uns noch einmal von dem großen Propheten Jesaja anrühren. Sein Appell, die Augen aufzumachen, mal wieder noch oben zu schauen und nicht nur das Vordergründige und Vorhandene in den Blick zu nehmen, ist bedenkenswert. Auch ergänzt Jesaja unser Gottesbild von einem unnahbaren und mächtigen Herrscher mit einem menschlichen Farbtupfer: Er – Gott – wird nicht müde und matt. Was uns zu schaffen macht – Müdigkeit und Erschöpfung, Antriebsschwäche und Ärger – ist Gott fremd. In ihm ist die Fülle des Lebens und der Kraft. Und beides behält er nicht egoistisch für sich, sondern möchte es allen schenken, die auf ihn vertrauen – aus Gnade. Gnade heißt lat. Gratia – also gratis – umsonst. Gott gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er Stärke. Ist das nicht eine große und tröstliche Verheißung.

Ich jedenfalls traue dieser Verheißung mehr als den innerweltlichen Versprechungen werbetüchtiger Anbieter für eine bessere Lebensqualität. Ob es sich um materielle Güter, um neue Medikamente, um Urlaubs- und Wellnessangebote, auch um das breite Spektrum der Glück und Erfolg versprechenden Konzepte aus der Psychologie handelt – dies alles ist nicht einfach schlecht zu reden – bewegt sich aber doch innerhalb unserer gebrechlichen und unvollkommenen Welt. Gottes Angebote reichen über den Rand der Welt hinaus. Jesus ist da ganz sicher: Wer seiner Weisung folgt, seinen Lebensstil übernimmt, wer also als Christ lebt, der wird – so steht es beim Arzt und Evangelisten Lukas: „schon in dieser Zeit das Vielfache erhalten und in der kommenden Welt das ewige Leben. (Lk 18,30).

Jesus ist es auch, der weiß, was dem Menschen gebricht. Kommt er doch selbst aus einer armen Familie, im unbedeutenden Nest Bethlehem, als Arbeiterkind geboren und aufgewachsen in Nazareth in Galiläa, dem Zonenrandgebiet nach Tyros und Syrien hin. Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen, munkelten seine Zeitgenossen über ihn. Er war denen sehr nahe, die schwere Lasten zu tragen hatten. Mit Josef war er nach neuesten Forschungen als Bauhandwerker unterwegs. Und ihnen versprach er das Ausruhen, eine Ruhe für die Seele. Sein Joch könne man auf sich nehmen, von ihm lernen, von seiner Güte und Demut.

Dazu muss man erwähnen, dass es sich bei einem Joch um ein Werkzeug handelt, das dem Zugtier erst ermöglicht, eine Last zu ziehen. Es ist also nicht in erster Linie eine drückende Last, sondern ein die Last erleichterndes Hilfsmittel.

Es gibt kein von allen Lasten freies Leben. Leben ist Leiden, behaupten sogar die Buddhisten. Und ihre Methode ist es, sich total von allem zu distanzieren, einen inneren Abstand zu suchen, sogar zu sich selbst. Denn das Ich, so meinen sie, sei eine Illusion. Zu solcher Vollkommenheit gelangt man allerdings nur durch jahrelange strenge Übung. Christen hingegen distanzieren sich gerade nicht vom Leid, sondern nehmen aus Liebe und Mit-leid die Herausforderung an und tragen – unterstützt durch Gottes Kraft – das Leid der anderen mit.

Das ist ja der größte Teil ihres Berufes: dass Sie anderen die Last tragen helfen und dabei natürlich nicht vergessen, sich ihrerseits Hilfe zu suchen – bei Mitmenschen und bei dem, der allen Menschen nahe sein wollte durch seine Menschwerdung.

Es käme also darauf an, einen neuen, zeitgemäßen Frömmigkeitsstil zu entwickeln. Der Reformator Luther hatte damals ein gutes Gespür für Fehlentwicklungen. In einer Geschichte, die ich Ihnen zum Schluss vorlesen möchte, hat er es auf den Punkt gebracht. Da war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung.
So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.

Im Blick auf das kommende Weihnachtsfest und ausgehend von den biblischen Texten in dieser Messe, möchte ich ein Weihnachtsprogramm ganz anderer Art vorschlagen. Nicht auf die großen und aufwändigen Geschenke, auf das beste Festessen allein und nicht auf das große Weihnachtsgefühl wird es ankommen. Sondern auf die einfachen Dinge.

Die einfachen Dinge werden es sein, die das Fest ausmachen.

Nichts – als nur Zeit haben für den Anderen.

Das eigene Festprogramm verschenken – um der anderen willen

Die Armut eingestehen und – um Verzeihung bitten.

Die einfachen Dinge werden es sein, die das Fest ausmachen.

Bethlehem wird es sein.

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