Zweifel und Hoffnung

Predigt am 3. Adventsonntag

Lesungen: Jes 35,1-6a.10 / Jak 5,7-10 / Mt 11,2-11

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Jesus hat nur selten über andere Menschen gesprochen. Dieses gesellschaftliches Spiel, das wir  öfter betreiben, nämlich über andere zu reden – vor allem über Abwesende – hat Jesus nicht mitgemacht. Allerdings hat er nicht selten von seinem Vater im Himmel gesprochen. Und dass er einmal ausgerechnet einen Heiden lobte, muss schon auffallen: „Wahrlich, einen solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden“ (Mt 8,10), sagte er über den römischen Hauptmann von Kapharnaum.

Im Evangelium heute redet Jesus auch noch über einen anderen Menschen, über Johannes den Täufer. Dieser Mahner in der Wüste ist für Jesus der Rede wert. Denn er ist kein schwankendes Schilfrohr, sagt er, sondern ein Mann der Standfestigkeit und Treue. Er ist kein verweichlichter Mensch, dem es um Luxus und Bequemlichkeit geht, keiner, der sich von Eitelkeiten bestimmen lässt.

Und wenn nun Jesus diese Wesenszüge an Johannes hervorhebt, könnte das für uns interessant sein. Denn sie stehen im Widerspruch zum Trend unserer Zeit, allem Neuen und Modischen hinterherlaufen, ohne es vorher zu prüfen, sich das Leben leicht und bequem zu machen, Zuverlässigkeit und Treue als überholt anzusehen.

„Wer ist dieser Mann?“. Diese Frage beschäftigt viele Menschen, wenn es im politischen Tagesgeschäft darum geht, einen Kandidaten für eine anstehende Wahl zu finden. Man will wissen, mit wem man es zu tun hat. Ohne eine glaubwürdige Referenz ist heute auch keine Bewerbung mehr denkbar.

In der Zeit, als Jesus über Johannes den Täufer redete, lag dieser im Gefängnis. Herodes hatte ihn wegen der Kritik an seiner Lebensführung verhaften lassen. Aus dem Gefängnis heraus ließ der Täufer durch Boten eine ähnliche Frage an Jesus herantragen. „Wer bist Du? Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3).

Man hat an dieser Frage herumgerätselt. War Johannes an Jesus irre geworden? Begann auch er zu zweifeln, weil Jesus so ganz anders war, als man damals den Messias erwartet hatte  – als machtvollen Erneuerer mit starkem politischem Einfluss? Hatte ihn die Ungeduld erfasst, weil Jesus sich nicht eindeutig als Messias ausrufen ließ? Oder hat er seine Frage aus erzieherischer Absicht gestellt, um seine Jünger noch mehr auf Jesus aufmerksam zu machen und sie von sich weg zu ihm hin zu führen? Dass Jesus an der fragenden Haltung des Täufers nichts auszusetzen hat, beweisen seine Worte des Lobes über ihn.

Die Johannes-Frage: „Bist du es?“, ist die Frage aller Jahrhunderte geblieben. Darum gilt es, auf die Antwort zu hören, die Jesus den Boten gegeben hat. Er sagt nicht einfach: „Ja, ich bin es – oder nein, ich bin es nicht“, sondern er verweist auf Zeichen, auf seine Machttaten und auf sein Wort. Er beantwortet die Frage des Täufers damit, dass er zum Sehen und zum Hören einlädt. Kundigen – der Täufer und seine Jünger sind Bibelkundige – fällt auf, dass Jesus sich in seiner Antwort auch auf einen Text aus dem AT beruft.

Beim Propheten Jesaja findet sich diese Stelle, in der das Wirken des kommenden Messias vorausgesagt ist. Da wird eine Zeit kommen,  „Da springt der Lahme wie ein Hirsch, die Zunge des Stummen jauchzt auf…“ (Jes 35,6a).

Um zu erkennen, wer dieser Mann Jesus nun wirklich ist, muss man also die ganze Hl. Schrift befragen, muss man die Achtsamkeit, das Sehen und Hören üben. Das „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt!“ (Mt 11,6) deutet auf diese Bereitschaft des Herzens hin.

Diese Seligpreisung macht uns nun selber zu Befragten. Auch wir müssen uns jetzt die Frage gefallen lassen, für wen wir Jesus halten, wie wir zu ihm stehen. Wer ist Jesus Christus denn für mich? Ist er wirklich der Kommende, ist er die Ankunft Gottes, das Ent-gegen-kommen Gottes auch für mich und in meiner Zeit?!

Jesus Christus, das ist unser Glaube, ist Gottes großer und einziger Advent. Er ist die untrügliche Hoffnung auf die Vollgestalt des Lebens.

Vor kurzem begegneten mir zwei junge Menschen in der Stadt. Sie sprachen mich an und einer zeigte mir ein kleines Buch mit dem Titel: „Erkenntnis, die zum ewigen Leben führt“. Er fragte mich, ob ich diese Erkenntnis hätte. Ich antwortete spontan und freundlich: „Ja, ich sei Christ und dies würde mir genügen; ich fühle mich gut versorgt und beheimatet im Glauben und hätte die Erkenntnis zum ewigen Leben.“

Erst als ich weitergegangen war, wurde mir der Mut meiner Antwort klar. Konnte ich wirklich zu dem stehen, was ich da so spontan gesagt hatte? Vielleicht wollte ich ja nur die lästigen Straßenprediger los werden.

Erst im Nachdenken wurde mir klar, dass uns nach dem Zeugnis des hl. Paulus im Mensch gewordenen Gottessohn wirklich alle Weisheit und Erkenntnis geschenkt worden ist, dass wir Zugang zum Vater im Himmel haben, dass uns nichts fehlt, was wir zum wahren Leben brauchen.

Nur müssen wir diese Erkenntnis trotz aufkommender Zweifel im Glauben festhalten und bewahren. Unsere Sache wird es immer sein, wie Jakobus in der zweiten Lesung gesagt hat, geduldig auszuhalten, bis er kommt, bis er sich endgültig offenbart – in der Herrlichkeit Gottes des Vaters.

In vierzehn Tagen schon feiern wir Weihnachten. Richten wir jetzt noch entschlossener unseren Blick auf Jesus Christus: Er ist es, der da kommen soll. Er wird aufgehen wie die Sonne am Morgen und alle unsere Dunkelheiten lichten. Das ist der eigentliche Grund unserer Vorfreude am heutigen 3. Adventsonntag.

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