Dem Kommen Gottes auf der Spur

Predigt zum 4. Adventsonntag

Lesungen: Jes 7,10-14 / Röm 1,1-7 / Mt 1,18-24

Alle liturgischen Texte (hier)

[print_link]

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten – das Hochfest der Geburt des Herrn. Aus der Hl. Schrift und aus dem Zeugnis der Kirche haben wir Kunde erhalten, dass Gott seinen Sohn vom höchsten Thron herab zur Welt gesandt hat. Diese Geburt hat Welt und Zeit verändert. Christen sprechen von historischen Ereignissen vor der Geburt und nach der Geburt Jesu.

Die Lesungen am heutigen 4. Adventsonntag stehen in einer zweifachen Spannung: zwischen Verheißung und Erfüllung und zwischen Ankündigung und Erfahrung – einer Spannung, die bis heute andauert und seine Spuren auch in unser Leben hineingesetzt hat – wie Spuren im Sand – jetzt im Winter besser gesagt Spuren im tiefen Schnee. Nun sind wir eingeladen, auf Spurensuche zu gehen und diese Spuren zu lesen.

Die erste Spur führt zu Jesaja. Ungefähr sieben Jahrhunderte v.Chr. hat er gelebt. Zu seiner Zeit kam das Königshaus David ins Schleudern.  König Ahas (739-734) weiß nicht mehr ein noch aus. Die Nachbarkönige von Samaria und Damaskus wollen ihn durch eine Belagerung Jerusalems zu einer Koalition gegen Assyrien zwingen. Achaz aber spielt seinerseits mit dem Gedanken, Assyrien gegen diese Bedrohung zu Hilfe zu rufen. Doch ihn plagt das Gewissen. Darf er als König des Gottesvolkes mit den heidnischen Nachbarn paktieren? Er ringt im Gebet um Klarheit und spielt  mit dem Gedanken, Gott selber um ein Zeichen zu bitten; aber dazu fehlt ihm der Mut. Er zögert. Er will Gott nicht versuchen, sagt er dem Propheten: „Ich will um nichts bitten und den Herrn nicht auf die Probe stellen“. Möglicherweise hatte er Angst, das Zeichen von Gott könnte eindeutig sein und seinen politischen Plänen widersprechen.

Jesaja kritisiert den König wegen seines halbherzigen Glaubens und kündigt seinerseits ein Zeichen an: eine junge Frau wird ein Kind empfangen und einen Sohn gebären, der den rätselhaften Namen Immanuel – Gott mit uns – tragen wird. Was für ein Zeichen! Und wohin führt diese Spur? Wie wird diese angekündigte rettende Gottesnähe konkret erfahrbar?

Zunächst vergehen Jahre und nichts geschieht, was nach Rettung aussehen könnte. Im Gegenteil. Das Königshaus David geht unter. Juda und Israel, die beiden Reiche, erleben ihre nationale Katastrophe. Fremde Völker aus dem Osten zerstören die hl. Stadt Jerusalem. Die Bewohner werden in die Gefangenschaft in den heutigen Irak verschleppt. Dort lesen sie wehmütig immer wieder ihre mitgebrachten alten hl. Schriften – auch die Worte des Propheten vom kommenden Immanuel – und sie halten trotz angefochtenem Glauben an dieser merkwürdigen Verheißung fest.

Doch da wendet sich das Geschick. Nach zwei Generationen lässt der heidnische Perserkönig Kyrus die Gefangenen heimkehren. Die zerstörte Stadt Jerusalem können sie wieder aufbauen. Das Volk findet sich wieder. Was Jesaja vorausgesehen hatte, ist also doch eingetreten.

Später erzählt der Evangelist Mt. in seinem Evangelium von einer vergleichbaren Wende im Geschick der Menschen. In Nazareth lebt eine Frau namens Maria. Ihr wird durch einen Boten Gottes eine außergewöhnliche Geburt angekündigt. Sie soll ein Kind zur Welt bringen und ihm den Namen Jesus geben. Dieser Name ist gleichbedeutend wie der Name Immanuel: Gott ist mit uns – Gott rettet. Der Mann Josef, der diese Frau begleitet, ein Nachkomme Davids, versteht zunächst nicht, was da vor sich geht. Aber im Traum kann er diese zweite Spur des göttlichen Wirkens mit der ersten Spur des Jesaja zusammenbringen. Das später in Bethlehem geborene Jesuskind nämlich ist das Zeichen, von dem Jesaja damals gesprochen hatte.

Josef hat erkannt: Gott will retten, weil er ein Gott ist, der mit uns sein will. Jetzt kann Josef zu Maria stehen. Er braucht sie nicht heimlich zu entlassen. Er glaubt der Botschaft des Engels. Maria mit dem Kind ist das Zeichen: von Jesaja angesagt, dem Josef im Traum erschlossen und uns in diesen kommenden Weihnachtstagen wieder vor Augen gestellt. Und wo finden wir jetzt die dritte Spur – in unserem eigenen Leben? Gibt es Ereignisse und Erfahrungen in unserem Leben, die wir im Nachhinein als ungewöhnlich und überraschend positiv bewerten könnten?  Hat es sich nicht doch gelohnt, der Zusage des Apostels Paulus Glauben zu schenken: Gnade ist mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus? Selbst wenn sich unsere Lebenstage immer wieder einmal verdunkeln, wenn wir den Wechsel von Tag und Nacht und den Wechsel der Jahreszeiten symbolisch auch in unserer Seelenlandschaft erleben, der treue Gott-mit-uns war nie abwesend und wird uns auch in Zukunft nicht alleine lassen.

So wie König Achas keine Angst hätte haben brauchen, obwohl äußerlich alles in Scherben ging – die Geschichte hatte es später doch gezeigt: Gott rettet – zu seiner Zeit. Er hat in der Geschichte das Sagen. Er geht alle Menschenwege mit. Er ist und bleibt ein „Gott mit uns“.

Die folgende Geschichte von den Spuren kennen Sie vielleicht, aber sie ist immer wieder tröstlich zu lesen und kann uns auf der letzten Wegstrecke zum Weihnachtsfest begleiten.

Eines Nachts hatte ich einen Traum / Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. / Und es entstand vor meinen Augen, Streiflichtern gleich, mein Leben. Als ich zurückblickte, sah ich Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn. Aber in den schwersten Zeiten meines Lebensweges war nur eine Spur zu sehen. Da fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?“ Da antwortete er: „Ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich auf meinen Schultern getragen.

Liebe Mitchristen! Diese Zuversicht, dieses gläubige Vertrauen auf Gottes Güte und Treue brauchen wir in unseren Tagen besonders. Wir wollen uns darum bemühen.

Print Friendly, PDF & Email