Die heilige Familie – heute noch ein Vorbild?

Predigt am Fest der Hl. Familie

Lesungen: 1 Kol 12-21 / Mt. 2,13-15.19-23

Alle liturgischen Texte (hier)

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Gut, dass es eine Weihnachtszeit und nicht nur ein Weihnachtsfest gibt. Sie dauert bis Mitte Januar, bis zum Fest der Taufe Jesu und kann uns helfen, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes immer wieder neu zu bedenken.

Unsere schnelllebige Zeit kennt solche Besinnung nicht. Was gestern wichtig war, ist heute schon wieder vergessen. Weihnachten? – Schnee von gestern. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft – und nicht nur Geschenke werden schnell wieder weggeworfen oder umgetauscht, sondern auch Beziehungen, Erlebnisse, oft auch das Leben selbst.

In letzter Ziet ist ist die Diskussion über die richtige Familienpolitik wieder heftiger worden. Die moderne Lebenswelt erzwingt anscheinend ein anderes Bild von der Familie, ein Bild, das wir aus unserer eigenen Lebensgeschichte so nicht kennen. Die meisten von uns Älteren sind noch in Großfamilien aufgewachsen, in räumlicher Nähe zu den Großeltern, zu Tanten und Onkeln und oft auch zusammen mit Geschwistern. Die Väter waren oft mehrere Jahre im Krieg. Viele kamen körperlich und seelisch verletzt oder gar nicht mehr zurück. Und diese Nachkriegseltern haben dann ihr Bestes versucht und meine Generation in ein besseres Leben hinein begleitet.

Das versuchen die jungen Familien heute auch, nur unter ganz anderen Bedingungen. Aus den Jahresberichten der Kath. Eheberatungsstellen erfährt man Geschichten, die so unglaublich klingen, dass man geneigt ist zu sagen: Familie ist heute gar nicht mehr lebbar.

Da wird z.B. ein junger Vater von seiner Firma einfach für drei Jahre nach China geschickt. Seine Frau mit zwei kleinen Kindern kann sich ein Leben dort nicht vorstellen. Soll sie mitgehen oder hier bleiben?

Da ist es aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich, dass nur ein Verdiener den Lebensunterhalt sichert. Beide Eltern müssen in die Arbeit gehen. Wie verkraften das die Kinder? Sind Kinderkrippen wirklich die beste oder doch nur eine unvermeidliche Ersatzlösung?

Es ist heute nicht selten, dass akademisch gebildeten Frauen erst sehr spät heiraten und gerade noch – wenn überhaupt – für ein Kind bereit sind. In den USA sind fast die Hälfte aller Frauen nicht mehr verheiratet. Kinder sind wegen dieses gravierenden Wandels in unserer Gesellschaft inzwischen so gefährdet, dass man überlegt, den Schutz von Kindern sogar im Grundgesetz zu verankern. – In welcher Zeit leben wir eigentlich?

Und welche Antworten kann da die Kirche geben, die jahrhundertelang mit ihrem Vorbild der Heiligen Familie die Herzen der Menschen erreicht und auch geprägt hat: Maria, die demütige und bescheidene Magd, dei sich unterordnet, Josef, der einfache Bauhandwerker, der zwar von adeliger Abstammung ist – er stammte aus dem Königsgeschlecht Davids – es aber doch nur zum Arbeiter gebracht hat und das auf ungewöhnliche Weise geborene Jesuskind. Kann das für junge Menschen heute noch ein Familienideal sein?

Wir können den Weisungen der Hl. Schrift entnehmen, welche Bedingungen für ein gelingendes Leben in Ehe und Familie auch heute noch gelten,  dass aber jede Zeit und Geschichte ihre eigene Lebenskultur entwickeln muss. Eins zu eins können die damaligen Lebenswelten nicht in unsere Zeit umgesetzt werden. Die romantische Verklärung der Hl. Familie wird uns nicht helfen, sondern die Spurensuche nach dem, was für Jesus, Maria und Josef damals und für alle Zeiten sinnvoll und tragfähig war und ist.

Zweifellos steht jede Ehe und jede Familie unter dem großen Programm der gegenseitige Liebe. Sie wird bei Hochzeiten immer beschworen, versprochen und auch gefeiert. Und sie ist, das darf man voraussetzen, in das Herz jedes Menschen als Sehnsucht eingesenkt. Wie aber kann sie ein Leben lang durchgehalten werden? Wie kann sie sich in Zeiten der Not bewähren?

Im Kolosserbrief stellt Paulus eine christliche Hausordnung vor, die in einer Zusage gipfelt: „Brüder! Schwestern! Ihr seid von Gott geliebt!“ – Bevor Paulus die Ordnung für ein Leben in Liebe und Frieden beschwört, bevor er also mahnende Worte an seine Leser richtet, sagt er ihnen, warum sie überhaupt menschenfreundlich leben können! Damit beglaubigt er eine alte Wahrheit: Nur wer geliebt worden ist, kann andere lieben!„Darum – so Paulus weiter – darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld“ … usw.

Wenn einer nur moralische Appelle von sich gibt, überfordert er die Menschen. Wenn er aber bezeugen kann, dass Güte und Menschenfreundlichkeit die Weitergabe einer empfangenen Gabe ist, dann wirkt dies wie eine Einladung, es wenigstens mit der Menschenfreundlichkeit  einmal zu versuchen.

Wir wissen, dass es mit unseren Beziehungen dann gut geht, wenn es uns selber gut geht. Wenn man selber gut drauf ist, geht einem alles viel besser von der Hand. Geht es mir gut, geht es auch den Anderen gut: das ist heute schon ein Slogan geworden – und er ist richtig.

Unsere Bemühungen ohne diese Voraussetzung scheitern an unserer Schwachheit. Wir sind Menschen, keine Götter. Wir sind aber von Gott begnadete Menschen. Und wenn ich im Glauben ergreife, was Gott mir schenken will, dann lebe ich nicht mehr aus meiner eigenen Kraft, sondern in der Gnade Gottes, die in mir wirken will – oft ohne großes Aufsehen.

Im heutigen Evangelium begegnen wir einem Mann, der in dieser Hinsicht ein Vorbild bleiben wird – Josef. Er war keiner der Großen im Land – und in der Hl. Schrift spielt er eher eine Nebenrolle. Wo aber von ihm erzählt wird, horcht man auf. Was er zu tun hat, wird ihm im Traum erschlossen! Wie die schwierige Zeit in der jungen Familie zu meistern ist, fällt ihm sozusagen über Nacht ein. Traumwandlerisch trifft er ungewöhnliche Entscheidungen: Auswanderung nach Ägypten, Heimkehr und schließlich Sesshaftwerden im unbedeutenden Norden des Landes, in dem kleinen Ort Nazareth in Galiläa.

Wäre das schön, denken wir vielleicht. Hätten wir solche Träume, die uns bei schwierigen Entscheidungen guten Rat schenkten.

Wer will behaupten, dass es das nicht mehr gibt? Auch heute redet Gott – in vielen Zeichen und auf vielerlei Weise. Nur sind wir für Gottes Anrufe taub geworden oder nicht geduldig und aufmerksam genug. Die Nacht und der Schlaf, sozusagen die Bühne des Traumes, stehen in der Bibel für den Zustand des Ausruhen und der inneren Bereitschaft, auf göttliche Weisungen zu hören. Wo, so könnten wir uns in dieser Weihnachtszeit wieder einmal fragen, finden sich in unserem Alltag das Ausruhen und die innere Bereitschaft zu hören – auf Gottes Wort? Natürlich geht das nicht so, wie ein bekanntes Sprichwort nahelegt: „Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ – als geschähe dies magisch und mühelos.

Ganz im Gegenteil: die Mühe, die wir aufwenden, ist eben das Ablegen der äußeren Betriebsamkeit, der Rückzug aus dem Lärm, der Hetze und dem Geschwätz in die Stille – zur Meditation und zum Gebet. Es ist der Mut zum Alleinsein, um dann wieder auf die Mitmenschen zugehen zu können – mit großer Gelassenheit und mit Frieden im Herzen. Der ungewöhnlich harte Winter ist vielleicht eine Chance. Er zwingt uns geradezu zur Langsamkeit und Besinnlichkeit.

Kehren wir zurück zu den Grundlagen unseres Lebens, zur Botschaft vom menschenfreundlichen Gott. Er manipuliert nicht; seine Nachrichten kommen leise daher – zur nächtlichen Stunde, nicht im Lärm, sondern in der Stille und Einsamkeit einer besinnlichen Zeit.

Von Josef könnten wir dann auch lernen, wie heute Familienleben geht. Auch bei veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen bleibt es wichtig, aufeinander und gemeinsam auf Gott zu hören und sich nicht in die Verrechnung gegenseitiger Ansprüche zu verheddern. Es ist das gemeinsame Suchen nach Wegen für das Leben und nicht das wechselseitige Ausbeuten der Kräfte.

Am Fest der Hl. Familie wünschen wir allen diese befreiende Erfahrung und begleiten unsere Familie auch mit unseren Gebeten ins Neue Jahr.

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