Dankbarkeit und Nachdenklichkeit

Predigt zum Hochfest der Gottesmutter – Neujahr 2011

Lesungen: Num 6,22-27 / Gal 4,4-7 / Lk 2,16-21

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Neujahrspredigt hier anhören!

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Warum feiert die Kirche am ersten Tage des neuen Jahres ein Fest der Gottesmutter? Was hat das Gedenken an Maria mit dem Jahreswechsel zu tun? Die Menschen vor den Kirchentüren haben doch an Silvester und Neujahr ganz andere Probleme und Fragen, als sich in frommer Erinnerung an Maria aufzuhalten?

Manchen von uns wird das auch etwas weltfremd vorkommen, es sei denn, wir verstehen dieses Fest als weitere Entfaltung des Weihnachtsgeheimnisses, das wir ja erst vor einer Woche gefeiert haben.

Die Lesungen scheinen dies zu bestätigen. Wir haben noch einmal zurückgeblendet auf das Ereignis in Betlehem. Wir hörten, wie sich die Hirten und wie sich Maria dort verhalten haben.

Lukas schreibt, dass die Hirten – Gott rühmend – zurückgekehrt sind zu ihren Herden, nachdem sie Maria, Josef und das Kind in der Krippe gesehen hatten. Und von Maria schreibt er, dass sie das Geschehene in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Später folgte das bei jedem jüdischen Neugeborenen übliche Ritual. Man brachte Jesus zur Beschneidung in den Tempel, um für die glückliche Geburt zu danken.

Aber noch einmal gefragt – was haben diese Ereignisse, mit dem Beginn eines neuen Jahres zu tun? Warum feiern wir ein Hochfest der Gottesmutter ausgerechnet am Neujahrstag?

Ohne Zweifel ist der Anfang eines neuen Jahres ein unverdientes Geschenk. Niemand von uns konnte sicher sein, ob er 2010 erleben würde. Sind nicht viele von unseren Bekannten in den letzten Monaten gestorben? Es war also nicht selbstverständlich, den heutigen Anfang des neuen Jahres 2011 zu erleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass Lebensjahre ein unverdientes Geschenk und Grund zur Dankbarkeit sind.

Und daraus folgt dann ein Zweites: der Entschluss zu einem nachdenklichen Lebensstil. Den brauchen wir dringender denn je. Wir können nicht mehr so oberflächlich in den Tag hinein leben wie heute üblich. Wir müssen nachdenklicher werden, um hinter all dem Rätselhaften unserer Tage den verborgenen Sinn zu erkennen. Wir werden wieder entschiedener nach Gott fragen, von dem es in einem Hymnus heißt, dass er „unbewegt, den Wandel aller Zeiten trägt“.

„Was hältst du von Gott?“, fragt ein Zeitgenosse seinen Nachbarn: „… dass er mich hält!“, war die Antwort. Halt finden in Gott in einer haltlosen Zeit – das heißt glauben. Und dieser Glaube kann in einer wissenschaftsgläubigen und technikbesessenen Welt verdunsten. Nicht Erkenntnisfähigkeit rettet den Glauben, sondern Begegnungsfähigkeit! Denn unser Gott ist uns in Menschengestalt begegnet, nicht als weltanschauliche Theorie. Wer an den Mensch gewordenen Gott glaubt, kann nicht mehr teilnahmslos und uninteressiert an seinen Mitmenschen vorübergehen. Er wird offen sein für Begegnungen.

Von den Hirten und vor allem von Maria können wir beides lernen: Dankbarkeit und Nachdenklichkeit. Maria bewahrte die Haltung der Dankbarkeit dem Leben gegenüber, obwohl es hart und unbarmherzig mit ihr umging. Nichts von einem Protest, nichts von Aufbegehren und Wut, erfahren wir während der Zeit ihrer Niederkunft. Und sie hätte Grund genug gehabt, gegen Gott und die ungastlichen Menschen in Bethlehem aufgebracht zu sein: wie kann man einer hochschwangeren Frau die Tür weisen?!

„Wutbürger“, wurde zum Unwort des Jahres 2010 gewählt. Der Evangelist weiß bei Maria nichts Derartiges zu berichten – nur Dankbarkeit über das Vorfindliche und zum Leben Notwendige – ein Dach über dem Kopf, ein paar hilfsbereite Hirten, etwas zu Essen und drei rätselhafte Gottsucher aus dem Osten – das war alles.

Wer die Rätsel des Lebens entschlüsseln will, muss anfangen, nachzudenken. Er kann nicht mehr alles einfach so selbstverständlich hinnehmen.

Für diese beiden Haltungen – für Dankbarkeit und Nachdenklichkeit – ist Maria ein Vorbild. Beides gehört zusammen. Wer nachdenkt, wird dankbar.

So macht es doch Sinn, den ersten Tag im neuen Jahr dem Gedächtnis der Gottesmutter zu widmen, ihr Hochfest zu feiern. Sie kann uns Dankbarkeit und Nachdenklichkeit lehren.

Dann wird der Segenswunsch des Mose für uns und für alle erfahrbar werden. Und wir werden immer mehr begreifen, was Paulus den Galatern geschrieben hat, dass wir uns Söhne und Töchter Gottes des Vaters nennen dürfen und es auch sind.

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