Fingerzeig und/oder Zeigefinger

Ein Sprachspiel, ein Gedankenspiel – oder einfach nur die Lust am Fabulieren, wenn wir die Stellung der zwei Worte vertauschen? Finger-zeig und Zeige-Finger?

Der Leser möge selber entscheiden. Jedenfalls gilt bis heute: wer den Finger zeigt, hat etwas zu vermelden – oder er wurde aufgefordert, den Zeigefinger zu heben, falls er etwas zu sagen hat. So haben es uns schon die Kindergärtnerinnen beigebracht. Und wir haben diese Gebärde hindurchgerettet durch alle Schulgattungen bis hinein in die Vereinsversammlungen und öffentlichen Debatten.

Manchmal haben Menschen, die den Finger zeigen, nichts zu sagen. Sie schwätzen nur. Und andere, die den Zeigefinger verstecken, hätten Weisheit, die sie leider nicht verlauten.

Mit dem Zeigefinger lässt sich Vieldeutiges veranstalten. Der erhobene Zeigefinger fordert vor allem Achtung und Aufmerksamkeit. Der nach unten deutende gebietet Unterwerfung und Gehorsam. Nimm den dir gebührenden Platz ein und rühr Dich nicht von der Stelle! (Das haben wir sogar unserem beliebtesten Haustier beigebracht, dem Hund!). Der nach oben deutende Finger beschwört eine Höhere Macht, in dessen Namen das eigene Wort Gewicht erhalten soll. Der wie ein Scheibenwischer winkende Finger lässt keinen Zweifel: hier führt kein Weg vorbei. Ende, Aus! Wortloses und kategorisches Nein! Der Zeigefinger vor dem Mund! Wer kennt nicht diese Ruhe gebietende Geste!

In zahlreichen Piktogrammen hat der Zeigefinger die sprachverworrene Welt erobert. Er musste sie gar nicht erobern. Er war schon da, bevor das Wort zu den Menschen kam. Vermutlich haben sich unsere Vorfahren mit den Fingern und Händen ganz gut verständigt. Die vernehmbaren Laute waren anfangs ohnehin nur Begleitmusik. Dass es ohne Worte geht, zeigen uns die Taubstummen mit ihrer Zeichensprache bis heute – uns zur Demütigung!

Was ist uns verloren gegangen, als wir sprachmächtig wurden und die Welt mit unseren viel sagenden und nichts sagenden Worten überschwemmten? Kohelet, für viele alltägliche Lebensweisheiten gut, meinte: „Sei nicht zu schnell mit dem Mund, ja selbst innerlich fiebere nicht, vor Gott das Wort zu ergreifen. Gott ist im Himmel, du bist auf der Erde, also mach wenig Worte!“ (Koh 5,1). Und der hl. Franziskus empfahl seinen Brüdern „Verkündet immer und überall das Evangelium – notfalls auch mit Worten!“ Zwar gibt es immer noch das wirkmächtige Wort, das den Augenblick verändert. Aber das gelebte Leben ist als wirksames Zeichen auf Dauer bedeutsamer. Es hat eine Langzeitwirkung.

Nicht mehr und nicht weniger mutet auch die Kirche den Gläubigen zu, wenn sie die Menschen zum befreienden Glauben einladen will. Sie bietet Sakramente an, das sind Zeichen-handlungen, bestehend aus Gebärde und Wort. Die Christen glauben, dass in diesen Zeichenhandlungen der „Finger Gottes“ direkt heilend in das Leben der Menschen eingreift.

So war es immer schon, wie die Bibel belegt. In der deutschen Übersetzung kommt das Wort „Finger Gottes“ dreimal vor, zweimal davon im Ersten Testament.

Aron, der mit seinem legendären Stab die Weisungen Gottes durch Mose ausführt, bringt die Wahrsager und Zauberer Ägyptens in Verlegenheit. Solche Zeichen und Wunder vermögen sie nicht zu wirken. „Das ist der Finger Gottes“, sagen sie zum Pharao. Dessen Herz aber bleibt hart (Ex 8,15). Die zehn Weisungen, die Mose auf dem Berg Sinai empfängt, sind mit dem „Finger Gottes“ auf die steinerne Tafel geschrieben (Ex 31,18). Sie künden ein neues, ein befreites Leben! Und die Zeichen und Wunder, die Jesus wirkt – mit dem „Finger Gottes“, haben einen zentralen Kern: das Reich Gottes ist angebrochen und damit sind die Dämonen machtlos geworden!

Dreimal geht es um neues befreites Leben: um Befreiung von der Macht eines weltlichen Herrschers, des Pharao in Ägypten, um Befreiung vom Götzendienst des „Goldenes Kalbes“  und um Befreiung von der Macht geistiger Mächte.

Mehr als wir ahnen, werden wir vom zeichenhaft gelebten Leben geprägt. Worte verlieren sich im Laufe der Geschichte, aber Gesichter und Gesten prägen sich ein. Sie formen unsere Persönlichkeit. Man kann nicht achtsam genug umgehen mit dem, was man herzeigt, mit dem Zeigefinger und dem Fingerzeig!

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