Übermensch – Untermensch – wahrer Mensch?

Predigt am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Lesungen:  Zef 2,3;3,12-13  / 1 Kor 1,26-31  / Mt 5,1-12a (Bergpredigt)

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Wie lebt man gut? Wie lebt man richtig gut? Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht ab und zu diese Frage stellt.

Die Lesungen des heutigen Sonntags enthalten Hinweise, wie man sich so ein gutes und richtig gutes Leben vorstellen kann. Ruhm, Erfolg, öffentliche Anerkennung und Ehre stehen da nicht an erster Stelle,  sondern Bescheidenheit, Einfachheit, Demut, Ruhe und Frieden. Das Zusammenleben der Menschen erscheint in diesen Schriftworten wie das einer friedlichen und leicht zu pflegenden Schafherde.

Die Herrschenden haben sich solche Verhältnisse immer gewünscht. Und es gab Zeiten – wie im MA -, wo Päpste, Kaiser, Könige und Fürsten – auch Bischöfe – über ihren Untertanen thronten und sich dem einfachen Volk nur gönnerhaft zuwandten. Das Volk  sollte unmündig, klein und abhängig gehalten werden.

Manche Staatenlenker können so eine Gesellschaftsordnung heute noch gutheißen, müssen aber neuerdings zusehen, wie sich – jetzt gerade in Tunesien und Ägypten – die Menschen immer mehr dagegen auflehnen. Andererseits neigen doch viele dazu, in Ruhe gelassen zu werden, nicht dauernd von Vorgesetzten und selbst ernannten Anführern aufgescheucht und belästigt zu werden. Das ist übrigens eine Sehnsucht, die wir alle kennen.

Die erste Lesung schildert Menschen, die bei Gott Schutz gesucht und gefunden haben. Sie haben sich unter seiner bergenden Macht versammelt, gedemütigt und demütig zugleich. Solche Menschen müssen nicht mehr trixen und lügen, um im sozialen Gerangel den ersten Platz zu erhalten. Zefanja warnt vor Hochmut, Selbstsicherheit und Götzendienst. Er ermahnt seine Leute, sich vertrauensvoll unter den Willen Gottes zu stellen. Nur diese Haltung würde ein gutes und richtig gutes Leben ermöglichen.

Auch der hl. Paulus entwirft in seinem Brief an die Korinther ein Sozialprogramm des friedlichen Zusammenlebens. Niemand sollte sich rühmend hervortun. Wenn schon, dann immer im Blick auf den, dem allein Ruhm und Ehre gebühren – im Blick auf Gott. Eine Lebenspraxis, die sich daran orientiert, dient allen, benachteiligt niemanden, ermöglicht auch den Schwachen, ein Gefühl von Wichtigkeit zu entwickeln und mahnt die Starken, nicht mit ihren Begabungen und Leistungen zu protzen.

Den Höhepunkt einer solchen Lebenslehre bilden die sog. Seligpreisungen Jesu. Immer, wenn wir sie hören, stehen wir vor der Frage: kommt man nur so zu einem wirklich richtig guten Leben! Können wir uns denn bedenkenlos nach den Weisungen der Bergpredigt richten oder sträubt sich da nicht doch etwas in uns? Empfinden wir es nicht doch als Zumutung, die unangenehmen Seiten des Lebens „selig“ zu nennen und immer nur auf der Seite der Schwachen und Versager zu stehen?

Zweifel an einem so radikalen Lebensstil hat es immer gegeben. Es wurden sogar Gegenmodelle entworfen. Bekannt ist der Appell des Philosophen Immanuel Kant, der Mensch solle sich endlich seines Verstandes bedienen und aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit ausziehen. In der Aufklärung entstand die Vision des freien und selbstständigen Menschen, der sich von jeder Bevormundung löst und mutig sich selbst verwirklicht. Die Proklamation des Übermenschen durch den Philosophen Friedrich Nietzsche war der Höhepunkt solcher Wunschträume.

Nietzsche liebte die Menschen nicht. Sie würden in ihrer jetzigen Verfassung sowieso untergehen, zuvor aber etwas Neues hervorbringen: den Übermenschen. „Was ist das für ein Mensch?“, fragt Nietzsche und fährt dann fort: „der Übermensch ist kälter, härter, unbedenklicher … es fehlen ihm die Tugenden … überhaupt alles, was zur „Tugend der Herde“ gehört. Er will Diener, Werkzeuge; … er ist immer darauf aus, etwas aus ihnen zu machen … er lügt lieber als dass er die Wahrheit redet. Sein Ziel ist es, jene Größe zu gewinnen, um durch Züchtung und andererseits durch Vernichtung von Millionen Missratener, den zukünftigen Menschen zu gestalten.“ Man kann mit Händen greifen, wie Nietzsche durch diese seine unseligen Gedanken nicht nur den Nazis zugearbeitet, sondern auch das heutige Denken über den Menschen vorbereitet hat.

Wir ahnen, liebe Mitchristen, dass dieses Denken über den Menschen nicht das unsere sein kann. Besser ist es, sich an den Lebensentwürfen der Hl. Schrift zu orientieren, selbst wenn die Sorge bleibt, dass sogar auch religiöse Führer mit Berufung auf Gott die Christen nur klein und unmündig halten wollen.

Von Gott her ist uns eine andere Größe, Würde und Freiheit garantiert – im Rahmen seiner weisen Weltordnung, im Rahmen seiner Schöpfung. Nicht wir sind die Herren der Welt und der Geschichte, sondern ER und wer IHM dient, der ist in Wahrheit groß. Das Gesetz, das Jesus verkündet und auch selbst in seinem Schicksal beglaubigt hat, lautet: wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen. Wer es (krampfhaft) festhält, wird es verlieren.

Den Verantwortlichen in der Kirche wird damit freilich eine große Verantwortung übertragen. Denn wer herrschen will, muss dienen. Das haben wir von Jesus gelernt. Seinen Jüngern sagt er: „Ich bin unter euch wie einer der dient“ (Lk 22,24): Das Amt – Bischof, Priester, Diakon – hat den Namen Dienstamt – und der Papst trägt sogar den Titel Diener aller Diener.

Der Übermensch also kann nicht das Modell des richtig guten Lebens sein. Auch nicht der Unterdrückte, der Untermensch, sondern der aus dem Staub der Erde durch göttliches Wirken erhobene und befreite Mensch. Wie er wirklich aussieht, erkennen wir in Jesus Christus. Er hat uns kundgetan, was es heißt, ein von Gott geliebter Mensch zu sein. Deshalb können wir ihm die Seligpreisungen abnehmen und unser Leben so weit es uns möglich ist, nach seinen Weisungen ausrichten.

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