Entfeindungsliebe – gegen den Trend der wechselseitigen Anschuldigung

Predigt zum 7. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A

Lesungen: Lev 19,1-2,17-18 / 1 Kor 3,16-23 / Mt 5,38-48

Alle liturgischen Texte (hier)

Die Predigt kann hier angehört werden.

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Mit dem letzten Abschnitt aus dem 5. Kapitel des Mt-Evangeliums endet die Bergpredigt. Sie beginnt mit den sog. Seligpreisungen. Dann folgt eine lange Reihe lehrhafter Sätze, die Jesus mit immer gleichen Worten einleitet: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist. Ich aber sage euch!“

Nur selten tritt Jesus wie ein Lehrer auf. Er spricht die Menschen mehr als mit klugen Worte durch seine Güte und Menschenfreundlichkeit an. Er lebt den Vorrang des Daseins und des Tuns vor dem Reden.

Hier aber nimmt er eine Rolle für sich in Anspruch, die ihn gegenüber allen Lehrern des Lebens deutlich unterscheidet. Wie er redet, lässt aufhorchen. „Die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten“, schreibt z.B. der Evangelist Markus (Mk 1,22).

Vermutlich haben die Menschen damals gemerkt, dass da einer keine leeren Worte macht, sondern dass er hinter dem steht, was er sagt. Das war nie und ist auch heute nicht selbstverständlich. Bestürzt betet schon der Psalmist: „Die Menschen lügen – alle!“ (Ps 116,11).

Um zu verstehen, wie wichtig Jesu Worte für uns sind und warum wir uns ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen sollten, hilft ein Blick in die beiden Lesungen.

In der ersten Lesung aus dem Buch Levitikus erhält Mose den Auftrag, der Gemeinde ins Gewissen zu reden: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“. Wie das aussieht, wird gleich erläutert: man darf keinen Hass gegen den Bruder tragen und soll den Stammesgenossen – wenn es denn sein muss – zurechtweisen. Schließlich gipfelt diese Haltung der Sorge und Liebe zu den Mitmenschen in dem klassischen Satz: „Du sollt deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Und die Begründung, warum man sich so verhalten soll, liest man am Schluss in vier Worten: „Ich bin der Herr!“ (Lev 19,18).

Diese Selbstoffenbarung Gottes, sein Anspruch auf alles und auf jeden Menschen, kehrt in der zweiten Lesung verschlüsselt wieder – und hier aus dem Mund des Apostels Paulus – mit einer erschreckenden Deutlichkeit.

Gott erklärt sich nicht nur selbst zum Herrn, sondern er erklärt auch die ganze Welt und uns Menschen, als sein Eigentum, als zu ihm gehörig: „Wisst ihr denn nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt!“ Gott ist dem Menschen so nahe, dass er auch ihre Gedanken kennt. Er weiß, dass ihr Wissen im Vergleich zu seiner Weisheit Torheit ist und eitler Selbstruhm.

Vor diesem Hintergrund verblassen die besten Lebenslehren, selbst wenn sie in religiösem Gewand daherkommen. Sie sind nur ein armseliger Versuch, aus eigener Weisheit das Leben zu meistern und vor Gott bestehen zu wollen.

Jesus weiß das, wenn er die Menschen daran erinnert: „Ihr habt gehört …“ (ergänze: aus dem Mund Euerer Religionslehrer) „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist ….“. – Das mag ja alles gut gemeint gewesen sein, war aber dann doch nur menschliche Weisheit. Deshalb gibt es jetzt ein „Darüberhinaus“, gibt es eine Gerechtigkeit, die größer ist als die der Schriftgelehrten. Darum sein Gegenentwurf: „Ich aber sage euch!“

Die  Lebensregeln aus dem Mund Jesu kommen also von der höchsten Autorität, kommen durch Jesus Christus direkt aus dem Herzen des großen Gottes, der heilig ist, also noch einmal ganz anders als wir uns das vorstellen.

Die Heiligkeit Gottes ist der eigentliche Grund dafür, warum wir unser Leben gut führen sollen. Die atl. Regel „Aug für Aug und Zahn für Zahn“, war schon ein großer Fortschritt in der Rechtsentwicklung  gegenüber der üblichen Blutrache. Diese Regel bedeutete: es muss ein gerechter Ausgleich geschaffen werden. Das Strafmaß darf in keinem Fall größer sein als das Maß der Schuld.

Für die Gemeinde Jesu aber reicht das nicht. Die Jünger Jesu sollen sich überhaupt nicht rächen. Ihnen wird zugemutet, keinen Widerstand gegen das Böse zu leisten und sogar die rechte Wange hinzuhalten, wenn sie auf die linke geschlagen werden.

Diese völlig neue Haltung – im ersten Moment erscheint sie uns als unerreichbare, unmenschliche Zumutung – gipfelt in der Feindesliebe. Gemeint ist, was im Buch der Sprüche zu lesen war und was der Apostel Paulus im Römerbrief zitiert: „Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt.“ (Röm 12,20). Die Feindesliebe wird so zur „Entfeindungsliebe“. Der Mensch, der etwas gegen dich hat, verliert mit der Zeit seinen Groll und lässt sich versöhnen.

Im Leben, Leiden und Sterben Jesu erreicht diese schier unmenschliche Güte ihren Höhepunkt. Jesus verzichtet gegen Ende  seines Prozesses vor dem Hohen Rat auf jede Rechtfertigung. Er weiß, dass eine Stunde kommt, in der er mit einer Gegenrede nichts mehr ausrichtet. Da kann er nur noch die Liebe bis zum Letzten leben.

So ernst kann Christsein werden. Da wirst Du ganz klein und auch ein wenig ängstlich, aber nicht entmutigt. Der uns eine solche Vollkommenheit und Heiligkeit zumutet, wird uns auch mit Vollkommenheit und Heiligkeit aufrichten und stärken. Niemand ist so gut ausgestattet wie der Christ, weil er nicht nur in der Nachfolge Jesu lernen kann, wie das Leben geht, sondern weil er zu ihm gehört. Und wer zu Gott gehört, dem gehört alles, meint Paulus: „Alles gehört euch. Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft. Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott“. (1 Kor 3,23) Das genügt.

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