Ein „Sorgentausch“ kann entlasten

Predigt zum 8. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A

Lesungen: Jes 49,14-15 / 1 Kor 4,1-5 / Mt 6,24,34

Alle liturgischen Texte (hier)

Diese Predigt kann (hier) angehört werden.

[print_link]

Dieses Evangelium von einem sorgenfreien Leben hat schon manchem Christen Kopfzerbrechen bereitet. Kann man denn so leben? Ist Sorgenfreiheit nicht doch nur eine fromme Illusion?

„Nenne mir einen einzigen Menschen, der keine Sorgen hat, dann kann ich vielleicht an Jesu Worte glauben“, sagt der Zweifler.

Wir müssen nüchtern feststellen: Niemand kann ohne Sorgen leben. Die Sorge um Nahrung und Kleidung, um die Gesundheit an Leib und Seele, um das berufliche Weiterkommen, um Familienangehörige und Freude, um die immer wichtiger werdende Altersvorsorge, sogar um ein menschenwürdiges Sterben, all das scheint doch den Sorgenpegel nur noch zu erhöhen und nicht zu senken.

Was hat denn dann Jesus gemeint? Woran wollte er uns erinnern?

Im Text selbst steht eine erste Antwort:

Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? (Mt 6,27)

Jesus geht es offenbar um eine andere Sicht auf das Leben, auf das „bisschen Leben“, wie wir scherzhaft sagen.

Eine Zeitspanne kürzer oder länger zu leben,  liegt nicht in unserer Hand. Jesus erinnert einfach an unsere Endlichkeit und stellt dabei in Aussicht, dass da ein Gott ist, der mehr zu bieten hat als nur das bisschen Leben in dieser Weltzeit. Mit liebender Sorge will er alle Menschenwege begleiten, unaufdringlich und treu. Er will mit seinen undurchschaubaren Plänen alles zu einem guten Ende führen.

Es geht also auch um die Frage, ob wir Gott zutrauen, dass er mehr vermag als wir mit unseren großartigen Fähigkeiten und Leistungen erreichen können. Glauben wir wirklich daran, dass Gott nicht nur „die Hand im Spiel, sondern auch das Spiel in der Hand hat?“

Man sagt, Jesus sei gar kein Lehrer des Lebens oder gar ein Moralprediger gewesen. Er habe seine Zuhörer nur an das erinnert, was sie als gläubige und fromme Juden ohnehin wussten. Seine große Rede über das gute und richtige Leben bezeichnen die Exegeten als „Bergpredigt“, nicht nur, weil sie auf einer Anhöhe lokaliert wird, sondern vielleicht sogar symbolisch, weil sie auch ein Höhepunkt seiner Lebenskunde war. Sie ist aber inhaltlich nur die Weiterführung alttestamentlicher Lebensweisheit und eine Einladung, dem Gott Irsaels mehr zu vertrauen als bisher.

Schon beim Propheten Jesaja haben wir ja gelesen, wie eindringlich Gott seinem Volk zu Herzen redet, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Im Bild der treu sorgenden Mutter stellt sich Jahwe vor und lässt durch den Propheten verkünden: Selbst wenn die Mutter ihren eigenen leiblichen Sohn vergessen würde: ich vergesse dich nicht! (vgl. Jes 49,15)

Das ist ein starker Kontrast zu den vielen bitteren, ja schaurigen Nachrichten über Mütter und Väter, die ihre Kinder verhungern, verkommen, sogar sterben lassen.

Gott ist kein Mensch, sondern Gott. Und deshalb kann sich der Mensch auch unter den Augen Gottes ganz anders verhalten. Er kann ein anderes Verhältnis zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen aufbauen.

Der HL. Paulus jedenfalls denkt so, wenn er von sich sagt: mir macht es nichts mehr aus, wenn ihr mich zur Verantwortung zieht oder irgendein menschliches Gericht; auch urteile ich nicht mehr über mich selbst. Ein ganz anderer hat mich durchschaut. Er kennt mich und liebt mich. Und das genügt mir (vgl. 1 Kor 4,3-4 und Gal 2,20).

Die Urteile anderer und auch mein besorgtes Fragen, ob ich denn wirklich alles richtig gemacht habe in meinem Leben, sind angesichts der unverdienten Liebe Gottes hinfällig. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott barmherzig und gnädig ist, mir gegenüber und auch meinen Mitmenschen gegenüber.

Wenn ich das einmal verstanden und im Glauben angenommen habe, kann ich auf jedes richterliche Besserwissen verzichten. Es ist nicht meine Aufgabe, andere Menschen zu richten. Ich kann sogar die Sorge um das richtige Leben der Anderen aus der Hand geben.

Wir sind noch weit von einem vertrauenden Glauben entfernt, den Jesu in seiner Bergpredigt empfiehlt. Aber in kleinen täglichen Übungsschritten können wir darin wachsen und reifen.

Wir haben jeden Tag eine Chance, uns in einem „Sorgenfall“ an Jesu Entsorgungsprogramm zu erinnern – oder noch besser: ihn im Gebet an unsere Sorgen zu erinnern.

Über Teresa von Avila wird eine anrührende Geschichte erzählt. Im betenden Zwiegespräch mit Gott hätte sie etwas von einem „Sorgentausch“ erfahren. Gott habe sie eingeladen, sie solle sich von jetzt an um seine Angelegenheiten kümmern, dann würde er sich schon um ihre Angelegenheiten kümmern.

Das ist die Umsetzung einer Passage aus der Bergpredigt im heutigen Evangelium. Ich zitiere sie in einer neuen Bibelübersetzung: “Wollt ihr denn leben wie die Menschen, die Gott nicht kennen und sich mit all diesen Dingen plagen? (gemeint sind die täglichen Sorgen). Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr das alles braucht. Sorgt euch vor allem um Gottes neue Welt und lebt nach Gottes Willen. Dann wird er euch alles geben, was ihr zum Leben braucht. Habt also keine Angst vor der Zukunft! Der morgige Tag wird seine eigenen Fragen und Lasten mit sich bringen und Gott wird auch morgen für euch sorgen“ (Bibelübersetzung Albert Kammermayer).

Wenigstens heute also – am Tag des Herrn – sollten wir uns einmal einen sorgenfreien Tag leisten.

Print Friendly, PDF & Email