Fest des Hl. Johannes von Gott

Krankenhaus der Barmherzige Brüder in Regensburg
Predigt beim Johannes-von-Gott-Fest

Meditation zu einem Glasfenster in der Krankenhauskapelle (hier)

Lesungen: Jes 58,6-11 / 1 Joh 3,13-18 / Lk 10,25-37

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„Sag ja zu den Überraschungen, die deine Pläne durch-kreuzen, deine Träume zunichte machen, deinem Tag eine ganz andere Richtung geben – ja vielleicht deinem Leben. Sie sind nicht Zufall. Lass den himmlischen Vater die Freiheit, selber den Einschuss deiner Tage zu bestimmen.“

Dieses Wort des verstorbenen brasilianischen Erzbischofs Dom Helder Camera scheint alles in Frage zu stellen, was wir uns im Laufe des Lebens an Wichtigkeiten und Handlungszielen angeeignet haben.

Überraschungen, durchkreuzte Pläne, eine völlig andere Richtung? Sich der Freiheit Gottes überlassen? Kann denn das ein Zukunftmodell sein – auch für den Hospitalorden?

Das hört sich wie eine Kapitulation an. Wie wenn einer das Steuerruder aus der Hand gibt und nicht mehr selber aktiv wird. Andererseits: ist nicht das Sprichwort „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ für viele von uns schon ein selbstverständliches Leitmotiv geworden? Das entschlossene Handeln zeichnet doch einen Christen aus, besonders einen charismatisch begabten, wie etwa Johannes-von-Gott.

Dom Helder Camera hat einen Webstuhls vor Augen. Da gibt es die fest eingespannten Fäden und die mit dem Weberschiffchen hineingeschossenen Querfäden. Nur aus beiden Fäden wird ein haltbarer Stoff gewoben.

Dieses Bild kann helfen, wenn wir fragen, was denn die Aufgabe des Hospitalordens heute sein soll – nach innen und nach außen! Die eingespannten Fäden im Webstuhl des Ordens dürfen nicht fehlen, aber die richtigen Querfäden zu wählen und sie zum richtigen Zeitpunkt einzuweben, darauf käme es an.

Heute beginnt für den Orden der Barmherzigen Brüder das „Jahr der Familie des hl. Johannes von Gott“, eine Initiative, die sowohl von der Ordensleitung als auch an der Basis gemeinsam definiert und auf den Weg gebracht worden ist.

Der Begriff „Familie“ ist dabei sehr weit gefasst. Es sind nicht nur die 1200 Brüder weltweit, wovon mehr als die Hälfte noch aktiv im Dienst stehen, sondern die circa 52.500 Männer und Frauen in 53 Ländern, in denen der Orden heute tätig ist. Nicht vergessen ist dabei die große Zahl freiwilliger Helfer und Wohltäter.

In der Sprache der Facebook-Generation ist das eine community, ein Netzwerk. Die jungen Leute setzen – ohne es zu ahnen – ganz selbstverständlich ein Wort des hl. Paulus um. Paulus schrieb nämlich in seinem Brief an die Thessalonicher: „Wir wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben..“ (1 Thess 2,8) „Was machst Du gerade?“ ist die Einstiegsfrage auf der Internetseite von facebook. Sag mir, wie es Dir geht, was Dich beschäftigt, was dich gerade umtreibt?

Uns ist dieser Umgang miteinander noch etwas fremd. Aber in einer globalisierten Welt sind Netzwerke, Kommunikation, Brüderlichkeit, Teilgabe und Teilnahme zur größten Herausforderung geworden. Ist uns Älteren die Frage „Was machst du gerade?“ ein Anliegen? Nehmen wir ehrlich Anteil am Leben unserer Mitmenschen?

Der Bischof von Erfurt Joachim Wanke hat in einem Aufsatz sieben Konten für ein „Netzwerk des Glaubens“ formuliert, die dem Anliegen der Ordensleitung sehr nahe kommen.

Die Botschaft an unseren Mitmenschen sollte lauten:

1)    Du gehörst dazu

2)    Ich höre Dir zu

3)    Ich rede gut über Dich

4)    Ich gehe in Stück mit Dir

5)    Ich teile mit Dir

6) Ich besuche Dich
Übrigens: Wer einen Kranken besucht, nimmt nach dem Talmud dadurch ein Sechzigstel seiner Krankheit weg.

7)    Ich bete für Dich.

Das klingt wie ein Programm für das Jahr der Familie des Hospitalordens und für die morgen beginnende Fastenzeit.

Liebe Mitchristen

Wir wollen uns aber auch nichts vormachen. Diese Art des Miteinander mit einer „familienähnlichen Struktur“ kostet sehr viel Geduld, Kraft und Mut. Nicht selten gebricht es uns an einer geduldigen Zuversicht im Planen und Handeln. Wir haben uns daran gewöhnt, in schnellen Analysen den mutmaßlichen Erfolg einer Aktion zu kalkulieren. Wo immer sich ein Risiko meldet, blasen wir ein Vorhaben lieber ab: „Ich kann doch nicht alle nach ihrer Meinung fragen! Es lohnt sich nicht, es ist zu aufwendig, es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wer soll das bezahlen? Was mache ich, wenn der Erfolg ausbleibt …?“

Hätte ein Mann namens Eustachius Kugler so gedacht, dann hätten wir in Regensburg kein Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Man muß manchmal mutig und kühn handeln, damit sich überhaupt etwas bewegt.

„Man tut etwas, dann geschieht etwas,“ behauptet der Philosoph Jörg Splett. Und das Geschehen – das stellt sich oft erst im Nachhinein heraus – ist niemals nur das Ergebnis einer Kausalkette von Ursache und Wirkung, sondern bleibt immer geheimnisvoll verschränkt und verwoben mit Ereignissen, die nicht in unserer Verfügung stehen, sondern unvorhersehbar und unkontrollierbar ins Leben hineinspielen.

Etwas tun und gleichzeitig ganz auf den Segen Gottes vertrauen, das hat im Laufe der Geschichte immer wieder zu großen Veränderungen und Aufbrüchen geführt. Vom hl. Ignatius stammt der gute Rat. „Handle so, als ob der Erfolg einzig und allein von dir abhängen würde. – Und: vertraue gleichzeitig so, als ob Gott allein alles vollbringen würde“.

Der Prophet Jesaia hat es gewußt, als er sagte: „Der Herr wir dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder“ (Jes 58,11). Er schickt dieser tröstlichen Verheißung allerdings konkrete Weisungen voraus: „Löse die Fesseln des Unrechts, entferne die Stricke des Jochs, lass die Verklavten frei, zerbrich jedes Joch, … teile an die Hungrigen dein Brot aus, nimm die obdachlosen Armen ins Haus auf .. „(Jes 58,6ff.)

Im Leben des Hl. Johannes von Gott lassen sich diese Haltungen und Handlungen erkennen. Nicht allein sein jahreslanges Umherumirren und Suchen nach der Berufung, als ob nicht er, sondern Gott der Regisseur seines Lebens sei, auch sein bedingungsloser Einsatz für die Kranken und Armen in Granada geben davon Zeugnis.

Wir leben in einer anderen Zeit. Wir können Johannes-von-Gott nicht einfach 1-zu-1 nachmachen. Aber sein bleibendes Erbe für den Orden ist sein Mut und sein Gottvertrauen, ungewöhnliche Wege einzuschlagen, das Gotteswort „sine glossa“ – ohne jeden Kommentar, wie Franziskus schon vor ihm gesagt hat – in die Tat umzusetzen.

Irenäus von Lyon schreibt in seinem Buch über die Gottesfreundschaft: „Jesus verlangte unsere Nachfolge nicht deshalb, weil er unseren Dienst etwa brauchte, sondern um uns das Heil zu schenken. Denn dem Herrn folgen heißt am Heil teilhaben“. [1] Es käme also alles darauf an, in der Nachfolge des Herrn treu zu bleiben und sich in seiner Nähe aufzuhalten.

In eindringlicher Sprache hat das der Verfasser der Johannesbriefe vorgetragen. Wer in der Nähe des Herr bleibt, wird dessen Liebe daran erkennen, dass dieser sein Leben für uns hingegeben hat. Also müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben. Wir wollen also nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit (vgl. 1 Joh3,13-18)

Liebe Mitchristen!

Wir begehen Gedenk- und Festtage gerne mit einem Gottesdienst. Warum tun wir das? Weil wir uns der tröstlichen und ermutigenden Wahrheit des Evangeliums vergewissern wollen. Darum ist es auch nicht langweilig, immer wieder das bekannte Gleichnis vom Samariter zu hören. Es bedarf schon keiner Auslegung mehr, weil wir es fast in- und auswendig kennen.

Aber den Stachel im Fleisch nehmen wir dann doch mit, das Wort Jesu an den Gesetzeslehrer: „Dann geh und handle genauso!“

Wer sich durch dieses Wort Jesu anstacheln lässt, wird Überraschungen erleben wie der barmherzige Samariter, seine Pläne werden durchkreuzt, seine Träume zunichte gemacht und den Tagen, ja vielleicht dem Leben selbst, wird  eine ganz andere Richtung gegeben. Lassen wir also dem himmlischen Vater die Freiheit, selber den Einschuss unserer Tage zu bestimmen.

Gerade das wäre der Beginn einer befreienden und beglückenden Lebenseinstellung. Ein geistliches Volkslied unserer bayerischen Heimat gibt davon Zeugnis: „Gott – hat alles recht gemacht – durch seine Gnad“

Dann feiert man nicht mehr den Erfolg des eigenen Tuns, sondern die Frucht. Man teilt die Freude mit den Schwestern und Brüdern, die je auf ihre Weise am gemeinsamen Werk der Familie des Hl. Johannes von Gott beteiligt waren und sind.

In der Regel nehmen Sicherheit und Gelassenheit zu, wenn wir positive Erfahrungen machen und ermutigene Rückmeldungen erhalten: „Du schaffst das. Du kannst das. Ich traue Dir das zu…“.

Das Buch des Lebens, die Hl. Schrift des AT und NT ist von solchen „Zumutungen“ voll. Die wenigsten Menschen wissen das. „Steh auf, nimm deine Bahre und geh!“, sagt z.B. Jesus zu dem Gelähmten“ (Joh 5,8). Natürlich kann ein Arzt heute nicht mehr so einfach daherreden. Aber er kann die Selbstzweifel der Patienten abbauen helfen, wenn er an eine Macht größer als er selbst glaubt, wenn er wie Dom Helder Camera sein Tun und Lassen einbettet in einen vertrauensvollen Glauben an Gott.

Vielleicht ist die Erneuerung des Glaubens der innerste Kern des Aufbruchs und Neuanfangs für den Hospialorden und für uns alle. Kühn spricht der Generalprior des Ordens sogar von einem „neuen Orden“, in dem nicht alles wie bisher gewohnt bleiben darf.

Unser festlicher Gedenktag hat Freunde und Bekannte der Barmherzigen Brüder zusammengeführt. Schenken wir einander den dankbaren Blick und freuen wir uns, daß das zu feiernde Werk unter dem Segen Gottes steht.


[1] Lektionar zum Stundenbuch II72, Seite 25

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